Viele Zeuginnen und Zeugen

Die Auferstehung Jesu im Neuen Testament wird von vielen ganz unterschiedlich erzählt
Im Flügelaltar der Kirchenburg von Tartlau, Siebenbürgen ist das Karfreitags- und Ostergeschehen in Bildern  dargestellt, die um 1450 entstanden sind  Fotos: epd/ Rainer Oettel
Im Flügelaltar der Kirchenburg von Tartlau, Siebenbürgen ist das Karfreitags- und Ostergeschehen in Bildern dargestellt, die um 1450 entstanden sind Fotos: epd/ Rainer Oettel
Zum historischen Ereignis wird die Auferstehung nicht durch den Nachweis eines leeren Grabes oder der Beweiskraft einer bestimmten Vision, sondern durch vielfältige Erfahrungen. Sie werden bis heute als Gottes Widerspruch gegen den Tod des gekreuzigten Jesus von Nazareth interpretiert, meint Angela Standhartinger, Professorin für Neues Testament an der Universität Marburg.

Wer hat dies gesehen? Eine hysterische Frau, wie ihr sagt, oder vielleicht ein anderer von denen, die von derselben Zauberei irregeführt wurden, sei es, dass jemand in einer gewissen Stimmung träumte und entsprechend seinem eigenen Wunschdenken mit fehlgeleiteter Einbildung phantasierte – was schon Tausenden passiert ist – oder, was wahrscheinlicher ist, er die übrigen mit solcherart Wundern erstaunen wollte und durch solchen Betrug andern Scharlatanen einen Vorwand liefern wollte“ (Origenes, Contra Celsum 2.55).

Mit diesen Worten kritisiert der platonische Philosoph Celsus bereits im zweiten Jahrhundert die christliche These von der Auferstehung des gekreuzigten Jesus von Nazareth. Dass göttliche Gestalten nach ihrem Besuch auf der Erde in den Himmel zurückkehren oder dass verdiente Heldinnen und Helden in den Himmel entrückt werden, das ist Celsus aus den Erzählungen der griechischen und römischen Mythologie gut bekannt. Aber dass jemand, der wirklich gestorben ist, auferstanden sein soll, hält er entweder für traumhaftes Wunschdenken oder für reinen Betrug. Modern gesprochen könnte Celsus ein Vertreter der subjektiven Projektionshypothese genannt werden.

Als subjektive Visionshypothese wird sie auch von Theologinnen und Theologen vertreten. Der frühchristliche Theologe Origenes, dem wir die Überlieferung der Kritik des Celsus verdanken, reagiert auf die Kritik recht entspannt. Dass an Gräbern den Trauernden ihre verstorbenen Angehörigen erscheinen, beweise das Weiterleben der Seelen nach dem Tod, entgegnet er. Die negative Wertung in Celsus’ subjektiver Projektionshypothese entsteht vor allem durch die Diskriminierung der Zeugin und des Zeugen. Sie sind unglaubwürdig aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit, hier Zauberei, und ihres Geschlechts – „eine hysterische Frau“. Bis in die Gegenwart wird das Zeugnis der Frauen am Grab auch in der christlichen Auslegungsgeschichte in Frage gestellt.

Der Auferstehungsglaube im Neuen Testament fußt, neben griechischen und römischen Vorstellungen vom Weiterleben der Seele und der Entrückung verdienter Menschen, auf der biblischen und frühjüdischen Hoffnung, dass Gott am Ende der Tage die Gerechten auferwecken oder im Gericht belohnen wird. Als „Erstling der Entschlafenen“ ist die Auferweckung Jesu der Beginn der Endzeit (1. Korinther 15,20). Frühjüdische Märtyrertheologie formuliert außerdem den Gedanken, dass Gott dem Leiden der Gerechten widerspricht, indem er sie direkt nach dem Tode zu sich entrückt (Weisheit Salomo 3,1–4; 5,5.15; 4. Makkabäer 17,17f.).

Längere Version im Petrusevangelium

Die Auferstehung selbst wird im Neuen Testament allerdings überhaupt nicht erzählt. Lediglich Matthäus 28,1–4 enthält den Beginn einer solchen Erzählung, die jedoch in Vers 4 abbricht und mit einem Gespräch zwischen nur noch einem Engel und den Frauen neu einsetzt. Das apokryph gewordene Petrusevangelium enthält eine längere Version, in der die zwei vom Himmel herabsteigenden Engel den auferstehenden Christus aus dem Grab zum Himmel begleiten.

Sollte das Matthäusevangelium eine ähnliche Erzählung gekannt haben, wäre der Verzicht auf jegliche Details zur eigentlichen Auferstehung eine bedeutsame theologische Entscheidung.

Die ältesten Texte im Neuen Testament formulieren knapp das Bekenntnis: „Gott hat ihn auferweckt von den Toten“ (1. Thessalonicher 1,10; 1. Korinther 6,14; Römer 10,9) oder „Jesus ist auferstanden“ (1. Thessalonicher 4,14). Wer das bezeugen kann, setzt diese Bekenntnissätze voraus. Nur einmal zitiert Paulus eine Tradition, die er vielleicht in Damaskus oder während seines ersten Besuchs in Jerusalem kennenlernte (Galater 1,18f.): „Ich habe euch überliefert, was ich selbst empfangen habe, dass Christus gestorben ist […] und dass er begraben wurde und auferweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften und dass er erschien dem Kephas, danach den Zwölf, danach erschien er mehr als fünfhundert Geschwistern auf einmal, von denen die meisten bis jetzt leben, einige aber entschlafen sind, danach erschien er Jakobus, danach allen Aposteln und Apostelinnen, zuletzt aber von allen (…) erschien er auch mir.“ (1. Korinther 15,4–8).

In dieser Kurzfassung der Passionserzählung ist die Auferstehung von einer langen Liste von Zeugen beglaubigt, von denen „er gesehen wurde“. Die Liste ist zudem gereiht. Als erstes steht Kephas, also Petrus benannt mit seinem aramäischen Spitznamen „Fels“. Die aramäische Namensform könnte für das Alter dieses Teils der Liste sprechen. Viele Auslegungen meinen, 1. Korinther 15,5 belege, dass Christus Petrus zuallererst erschienen sei. Dies bestätige auch Lukas 24,34, wo die nach Jerusalem zurückkehrenden Emmausjünger erfahren: „Der Herr ist (…) dem Simon erschienen“. Simon ist der dritte Name des Petrus. Aber Lukas 24,34 klärt gar nicht, ob der Auferstandene sich zuerst von Kleopas und seinem Mitwanderer in Emmaus erkennen ließ oder von Petrus gesehen wurde. In der Liste aus 1. Korinther 15,5–8 fehlen die Emmausjünger.

Die Gruppe der Zwölf in der Liste überrascht ebenso. Nach den Evangelien bilden die Zwölf den Kreis um Jesus, aber nach dem Verrat des Judas sollten es eigentlich nur noch elf sein (so in Matthäus 28,16 und Lukas 24,33). Die Zwölf steht hier als symbolische, nicht unbedingt als absolute Zahl. Von der Erscheinung vor den fünfhundert Geschwistern ist uns leider keine ausführlichere Erzählung überliefert. Die Apostelgeschichte erzählt vom Pfingstereignis, aber unter einer Gruppe von 120 Geschwistern und nicht als Erscheinung des Auferstandenen, sondern als Ausgießung des Geistes (Apostelgeschichte 1,15; 2,1–14).

Es muss sich also um ein anderes Ereignis handeln, was neugierig macht. Im griechischen Text steht adelphoi, also „Brüder“, aber das griechische Maskulinum wird inklusiv verwendet und die Anwesenheit von Frauen bei dem Ereignis ist nach allem, was wir sonst über die Gruppe um Jesus von Nazareth, sehr wahrscheinlich. Es folgt Jakobus, wohl der Herrenbruder, da der Sohn des Zebedäus bereits zu den Zwölf gehört. Dann alle Apostel, darunter nach Römer 16,7 mit Junia mindestens eine Frau. Schließlich und als letztes sei der Gekreuzigte auch Paulus selbst erschienen. Weil er zunächst die ersten Christusgemeinschaften verfolgt hatte, stellt sich Paulus absichtsvoll ans Ende. Historisch lässt sich die Vision des Paulus auf das Jahr 33 oder 35 nach Christus datieren und vor Damaskus lokalisieren (Galater 1,17). Man muss aus der Liste bei Paulus jedoch nicht unbedingt schließen, dass damit die Erscheinungen Jesu vor den Seinen auch historisch beendet waren.

Die Liste aus 1. Korinther 15 benennt Zeuginnen und Zeugen. Was sie genau gesehen haben, erzählt die Liste nicht. Paulus selbst beschreibt seine Erfahrung vielfältig. Hier und in 1. Korinther 9,1 sagt er: „Ich habe den Herrn gesehen.“ In Galater 1,16 erklärt er dagegen, es habe Gott gefallen, ihm seinen Sohn zu offenbaren, damit er ihn vor den Völkern verkündige. In Philemon 3,6–14 schildert er einen allmählichen, noch unabgeschlossenen Erkenntnisprozess und in 2. Korinther 4,6 spricht er vom Aufleuchten der Erkenntnis im Angesicht Jesu Christi. Paulus ist die Interpretation seiner Wahrnehmung wichtiger als der genaue Vorgang und das Objekt seiner Vision.

Einige der in 1. Korinther 15 aufgezählten Erscheinungen werden in den Evangelien erzählt. Nach Matthäus 28,16–20, Johannes 21,1–14 und dem apokryphen Evangelium des Petrus 14,58–60 erschien Jesus vor Petrus und anderen Jüngerinnen und Jüngern in Galiläa entweder auf einem Berg oder beim Fischfang am See. Viel spricht dafür, dass dies ältere Fassungen der Erscheinung vor Petrus sind. Das heißt aber auch, dass er die Auferstehungserfahrung erst einige Zeit nach dem dritten Tag gemacht haben kann, nachdem er aus Jerusalem nach Galiläa zurückkehrt war. Das Lukas- und Johannesevangelium erzählen eine oder mehrere Erscheinungen des Auferstandenen in Jerusalem (Lukas 24,36–49; Apostelgeschichte 1,4; Johannes 20,19–29). Wichtig ist hier die Demonstration, dass Jesus im Leib auferstanden ist, Wundmale trägt und mit den Seinen isst.

Zunehmend kritisch beäugt

Nach Apostelgeschichte 1,3 kommt Jesus noch vierzig Tage nach der Auferstehung auf die Erde, zeigt mit vielen Beweisen, dass er lebt, und spricht mit den Seinen über die Gottesherrschaft. Eine längere Periode der Rückkehr des Auferstandenen zu einigen Jüngerinnen und Jüngern erzählen einige der nicht in den Kanon aufgenommenen Evangelien und Apostelgeschichten (zum Beispiel Sophia Jesu Christi, Apokryphon des Johannes, Mariaevangelium und andere).

Solche Begegnungen mit dem Auferstandenen sind eine Auszeichnung, die bestimmte Lehren und einzelne Jüngerinnen und Jünger vor anderen hervorheben können. In der Geschichte der Kirche werden solche Erfahrungen zunehmend kritisch beäugt, weil sie Meinungen und Führungsansprüche legitimieren können. Das Johannesevangelium äußert sogar grundsätzliche Kritik am Wunsch, den Auferstandenen zu sehen. Der Lieblingsjünger glaubt allein angesichts des verlassenen Grabes (Johannes 20,8). Im Gegensatz zum ungläubigen Thomas preist der Auferstandene diejenigen selig, die „die nicht sehen und doch glauben“ (Johannes 20,29).

In der Liste aus 1. Korinther 15 fehlen neben den Emmausjüngern auch Maria von Magdala und die anderen Frauen vom leeren Grab. Ihr Zeugnis gilt nicht nur Celsus, sondern auch manchen Auslegerinnen und Auslegern von heute als suspekt. Ihre Geschichte sei im Nachhinein erfunden, um die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu zu erweisen. Leere Gräber sind jedoch in der Antike keineswegs selten. Sie können auf Grabraub hinweisen oder darauf, dass die Verstorbenen unter die Göttinnen und Götter entrückt wurden.

Die Wirklichkeit der Auferstehung beweist ein leeres Grab also nicht. Aber die Geschichte macht dennoch Probleme. Die Identifikation von Jesu Grab hängt an seinem Besitzer Joseph von Arimathäa, der jedoch mal als Jerusalemer Ratsherr, mal als Jünger Jesu identifiziert ist. Üblicherweise wurde Hingerichteten damals das Begräbnis verweigert. Aus Rücksicht auf 5. Mose 21,23 mag Pilatus einem Begräbnis zugestimmt haben (Dort heißt es: „Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und du hängst ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott –, auf dass du dein Land nicht unrein machst, das dir der Herr, dein Gott, zum Erbe gibt“).

Dann aber wahrscheinlicher in einem Massengrab als in einer ehrenvollen Einzelbestattung. Obgleich die frühen Christinnen und Christen die Gräber der Märtyrer und Märtyrerinnen verehrten, blieb Jesu Grab bis zum vierten Jahrhundert unbekannt. Die Entstehung der Grabeserzählung muss sich anders erklären lassen.

Ein Hinweis gibt die Erwähnung des dritten Tags in der Traditionsformel aus 1. Korinther 15,4. Die in diesem Zusammenhang häufig genannte Schriftstelle Hosea 6,2 erklärt das Datum kaum („Er (sc. Jahwe) macht uns lebendig nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tage aufrichten, dass wir vor ihm leben“). Wahrscheinlicher stammt die Datierung aus antiken Trauerriten. Am dritten Tag gehen die weiblichen Angehörigen an die Gräber, um dort ihre Verstorbenen zu beklagen. Auf Grabsteinen und in Klageliedern richten die Verstorbenen letzte Worte an die Hinterbliebenen. An den Gräbern feiern die Überlebenden mit den Toten gemeinsame Mahlzeiten. Die Lokalisierung des Leichnams ist für die Trauerriten nicht entscheidend. Wichtig ist vielmehr, dass die Erzählung vom leeren Grab die Auferstehungsbotschaft inmitten solcher Trauerarbeit platziert: „Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier“ (Markus 16,6).

Das Matthäusevangelium fügt direkt im Anschluss an die Auffindung des leeren Grabes die Erscheinung Jesu vor Maria von Magdala und einer anderen Maria hinzu (28,7–9). Im Johannesevangelium erscheint Jesus der am Grab klagenden Maria von Magdala in Gestalt eines Gärtners (Johannes 21,11–18). Erst als er Maria bei ihrem Namen ruft, kann sie ihn erkennen. Sie geht und verkündet ihren Geschwistern: „Ich habe den Herrn gesehen.“ In der Alten Kirche galt Maria von Magdala daher als Apostelin der Apostel.

Auch die Erscheinungen vor Maria Magdalena und anderen Frauen sind keine objektiven Berichte. Daher ist auch nicht zu klären, ob die Frauen ein ihnen bekanntes Grab Jesu leer fanden oder ob sie andernorts inmitten ihrer Trauer den Gekreuzigten als Lebendigen erfuhren und ob dies am dritten Tag oder später geschah. Nicht zu klären ist daher, wem der Auferstandene zuerst begegnete, Maria von Magdala und den anderen Frauen in Jerusalem oder Petrus und den Seinen in Galiläa.

Vielfältige Erfahrungen

Die Auferstehung lässt sich nicht als ein einziges Ereignis greifen. Auferstehung im Neuen Testament spiegelt sich vielmehr in einer Vielzahl von Erfahrungen, die über einen längeren Zeitraum an verschiedenen Orten gemacht wurden. Das eigentliche Wunder der Auferstehung ist nicht ein objektiv leeres Grab oder der objektive Inhalt der einen oder anderen Vision. Das Wunder ist, dass sich vielfältige Erfahrungen zu einer Bewegung formten. Was auch immer die vielen Zeuginnen und Zeugen genau erlebten, sie interpretierten die Auferstehung gemeinsam als Gottes Widerspruch gegen den Tod und den Beginn von Gottes erneutem Mitsein mit der Welt.

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Angela Standhartinger

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