Wir werden erinnert

Warum die Frage nach dem leeren Grab überflüssig ist
Pauluskirche Hannover. Foto: epd/ Jens Schulze
Pauluskirche Hannover. Foto: epd/ Jens Schulze
Die biblische Vorstellung von der Auferstehung wird missverstanden, wenn wir sie als Rückgängigmachung eines konkreten Todes verstehen. Die Auferstehung Jesu bedeutet vielmehr, dass durch Jesus Christus die Macht, die den Lauf der Welt lenkt, jetzt und künftig definiert ist, meint Notger Slenczka, Professor für Systematische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Auferstehung ist die konkreteste und zugleich am wenigsten gegenständliche Verheißung des christlichen Glaubens. ‚Auferstehung‘ – dabei denkt man an die biblischen Berichte vom leeren Grab und von dem den Jüngern erscheinenden und am Ufer des Sees Genezareth Fisch essenden Jesus; und man denkt andererseits an die gestaltlose Stimme und an den Lichtglanz, der Paulus vor Damaskus niederwirft. Paulus identifiziert diese ungegenständliche Erfahrung umstandslos mit den leibbetonten Erscheinungen vor den anderen Jüngern (1. Korinther 15,8). Und entsprechend verbindet die Hoffnung der Christen auf die allgemeine Auferstehung relativ umstandslos die Erwartung einer Auferstehung des Leibes am Ende der Zeiten mit der Gewissheit einer Unsterblichkeit und Fortexistenz der Seele nach dem Ende des Leibes, so dass man sich fragen könnte und schon in der Alten Kirche gefragt hat, wozu es eigentlich des Leibes und seiner Auferstehung noch bedarf.

Jedenfalls bezieht sich das Wort ‚Auferstehung‘ auf den Leib, ist ein Vorgang, der sich nach traditioneller Vorstellung am Leib vollzieht – er schläft und wird auferweckt. Wer nur die Fortexistenz einer Seele erwartet, bedarf des Wortes ‚Auferstehung‘ nicht. Aber was genau meinen wir, wenn wir von einer ‚Auferstehung des Leibes‘ sprechen – wirklich die Wiederherstellung desselben Körpers? Was bedeutet ‚derselbe Körper‘ angesichts der Veränderungen, die unser Leib im Laufe unseres Lebens durchläuft: geht es um den Körper, den wir als Säugling hatten? Der Körperzustand, in dem wir gestorben sind? Der Körperzustand auf der Höhe unserer Kraft? Die Wiederherstellung der Atome und Moleküle, aus denen unser physischer Körper bestand? War das Grab Jesu leer oder „voll“?

Als Theologe rettet man sich dann gern zu Paulus, der vom ‚geisthaften Körper‘ spricht, davon, dass der Auferstehungsleib sich zu dem irdischen Körper verhalte wie das Samenkorn zur Ähre, die daraus wächst. ‚Dasselbe und doch nicht dasselbe‘, sagt der Theologe dann, statt zu sagen: Wir wissen es nicht. Diese Auskunft – wir wissen es nicht – ist letztlich sicher unvermeidlich. Es ist auch unvermeidlich, in Bildern und Metaphern zu sprechen – aber es ist doch auch möglich, Beschreibungen, die keiner Nachfrage standhalten, zu unterlassen. Klar: man kann im Brustton der Überzeugung steile Parolen posaunen und feste Gewissheiten nachsprechen. Aber man kann auch einmal fragen, was eigentlich ein Leib ist – auf dessen Auferstehung wir hoffen. Und warum wir eigentlich auf die Auferstehung des Leibes hoffen. Und was genau das heißen könnte. Folgen Sie mir ein paar Schritte und nehmen Sie sich Zeit für die Frage, wer wir sind!

‚Auferstehung des Leibes‘. Was ist eigentlich ein Leib, welche Bedeutung hat er in der Weise, wie wir unser Leben zubringen? Ein Vorschlag: der Leib ist der ‚Nagel der Gegenwart‘. Durch ihn sind wir der Welt verschwistert – aus demselben Material wie Steine, Bäume und die Erde oder der Staub, in den wir uns wieder auflösen. Durch ihn sind wir nicht überall, sondern hier und jetzt, gebunden an einen bestimmten Zeitpunkt und an einen bestimmten Ort. Diese Zeit und diesen Ort haben wir uns nicht ausgesucht, weil wir unsere Geburt nicht bestimmen können. Der Leib ist der Nagel der Gegenwart, die unser Geschick ist. ‚Geschick‘: Der Raum und die Zeit, in denen wir geboren sind, ist über uns verhängt. Damit ist uns auch ungefragt zugespielt: in welchem Zeitalter und in welcher Erdgegend wir leben, in welcher Familie und in welcher sozialen Schicht. ‚Nagel der Gegenwart‘ – das schließt ein Moment der Unfreiwilligkeit ein. Der Leib markiert einen Ort und eine Zeit, an dem und in der wir einem Mitspieler ausgesetzt sind, der uns Situationen zuspielt.

Wir sind an diese Gegenwart gebunden. Aber wir können darüber hinaus denken. Wir können planen, diesen Ort und dieses Geschick zu verändern, wir können phantasieren, wir können eine ganz andere Zukunft uns ausmalen und sie Schritt für Schritt realisieren, wir können uns mit anderen Menschen identifizieren und sie zu unserem Idol und Vorbild machen. Wir sind nicht nur unsere Gegenwart, sondern immer zugleich darüber hinaus. Aber alles, was wir darüber hinaus sind, bleibt gebunden an die Gegenwart, an die wir durch unseren Leib genagelt sind und zu der wir uns verhalten müssen auch dann, wenn wir sie uns anders wünschen. Eine Zukunft und eine Vergangenheit, Welten der Sehnsucht und der Phantasie gibt es nur für eine raumzeitliche Gegenwart, die letztlich auch definiert (begrenzt), was wir uns vorstellen können. Und an diese Gegenwart nagelt uns unser Leib.

Unsere Leib-Geschichte

Unser Leib ist unsere Wirklichkeit. Nicht in dem Sinne, dass wir unsere Physis wären oder dass der Mensch ist, was er isst. Sondern durch unseren Leib geht unser Lebensvollzug. Nur wenn wir eine Schulzeit und Ausbildung durchlaufen, und zwar mit unserem Leib und handelnd, werden wir zu Trägern bestimmter Berufe. Nur durch ein leiblich realisiertes Verhalten werden wir zu Paaren und Eltern, und durch eine mit der Hand vollzogene Unterschrift zu Hausbesitzern, nur durch unsere Beine zu Fußballweltmeistern oder zu Losern, die in der Vorrunde ausscheiden.

Alle unsere Absichten und Phantasien müssen sich verleiblichen, um zu sein. Und was wir sind (Hausbesitzer), war einmal Leib (eine mit der Hand geschriebene Unterschrift). Wir sind also mehr als unsere Gegenwart, aber nur so, dass wir in unserer Erinnerung die Spur des Wirklichkeitskontaktes aufbewahren, die unser Leib in die Zeit gezogen hat. Unser Leib ist der Nagel der raumzeitlichen Gegenwart, aber an diesem Nagel ist unsere Vergangenheit, die wir durch diesen Leib gegangen sind, und alle Zukunft, die wir von ihm aus planen, aufgehängt. Durch unseren Leib haben wir eine Geschichte. Wir sind nicht die Subjekte, die von dieser durch den Leib hindurch verwirklichten Geschichte unberührt blieben. Vielmehr sind wir diese Geschichte, die wir in der Gegenwart erinnern und so aufbewahren. Und das Mittel dieser Geschichte ist unser Leib.

Wir sind also nicht einfach unser Leib. Sondern durch ihn sind wir an eine Gegenwart genagelt, die von Vergangenheit und Zukunft umgeben ist. In dieser Gegenwart halten wir eine Vergangenheit präsent – uns selbst – und entwerfen eine Zukunft, in der wir erst wir selbst werden. Jeder künftige Moment zeichnet sich ein in diese Geschichte und verändert sie – wem plötzlich großer Reichtum zufällt, ist nicht mehr derselbe, der er vorher war, auch die Vergangenheit gewinnt eine neue Bedeutung. Unser Leib ist das Medium einer Geschichte, in deren Verlauf wir erst wir selbst werden. Und erst wenn der Leib zerfällt, wenn wir nicht mehr sind, sind wir die geworden, die wir sind.

Wir sind unsere Geschichte, die wir durch unseren Leib haben. Und diese Geschichte ist nicht in der Vergangenheit, sondern in unserem Inneren. Wir erinnern sie und halten sie gegenwärtig. Sie ist in unserer Erinnerung und in derjenigen anderer Menschen. Wir sind, was wir von uns erinnern. Wir sind, was andere von uns erinnern. Wir sind nicht einfach unser Leib, sondern wir sind durch den Leib unsere Vergangenheit. Der größte Teil dessen, was wir ‚unsere Identität‘ nennen, ist die Vergangenheit, die wir durch unseren Leib durchlaufen haben und die wir uns zueignen.

‚Auferstehung des Leibes‘ sagt: diese Geschichte, die wir durch unseren Leib sind, gehört zu uns. Nicht nur ein Seelensubjekt. ‚Auferstehung‘ hat mit dieser Erinnerung zu tun. Es gibt die christliche Rede von der Auferstehung nicht ohne die Rede vom Gericht – wir erstehen auf zum Gericht. Und Gericht bedeutet: wir werden erinnert. In manchen biblischen Texten wird das in das Bild eines Buches gefasst, das aufgetan wird und in dem geschrieben steht, was wir zu Lebzeiten an Taten und Untaten vollbracht haben: die Geschichte unseres Lebens. Unser Leben ist in der Erinnerung aufbewahrt. Wir stehen nicht vor oder neben dem Buch, sondern in dem Buch.

Auferstehung des Leibes ist dies: dass wir, dieses konkrete Leben, das wir durch unseren Leib durchlaufen haben, erinnert werden. Auferstehung bedeutet nicht, dass nach der Unterbrechung des Todes das Leben weitergeht und wir erneut einen Leib erhalten und nun die Freuden des Paradieses genießen und unsere Lieben freundlich begrüßen. Das würde nämlich bedeuten, dass sich in diesem Weiterleben fortschreitend unsere Identität durch neue, leibgebundene Erfahrungen verändert und wir fortschreitend immer weniger dieselben sind, die wir im Laufe unserer Geschichte geworden sind. Wir werden keine ‚Münchner im Himmel‘ sein. Sondern wir (und unsere Mitmenschen und Lebensgefährten) werden erinnert, wie die Psalmen sehnsüchtig vom Gedenken Gottes reden und darum bitten, dass Gott erinnert. Denn wo Gott erinnert, wird das Erinnerte lebendig. Schon unsere menschliche Erinnerung ist unglaublich mächtig, durch sie steht eine Vergangenheit uns vor Augen, als ob sie gestern gewesen war, durch sie halten wir die Geschichte, die wir selbst sind, im Sein, durch die Erinnerung quält oder erfreut uns die Vergangenheit im Hier und Jetzt. Aber unsere Erinnerung ist zugleich trügerisch und schwach, lässt ganze Bereiche unseres Lebens im Nichts verschwinden. Wir werden erinnert: Unser leibliches Leben und die Identität, die wir durch unseren Leib gewonnen haben, ist aufbewahrt – und genau das meinen wir, wenn wir ‚Gott‘ sagen. Und ‚wir werden erinnert‘ heißt: Wir wissen in diesem Erinnert-Werden um uns selbst. Die Wahrheit unseres Lebens, wie es sich einzeichnet in das Ganze der Geschichte, die uns verborgen ist: Wir werden uns – die Geschichte des Lebens, das wir durch unseren Leib gegangen sind und die wir sind – sehen, wie wir sind.

Was heißt das nun für die Auferstehung Jesu? Eine Auferstehung ins Erinnern: seiner wird gedacht? Wie meiner und jedes anderen Menschen gedacht wird, so, dass wir in diesem Gedenken gegenwärtig sind, wie wir in Wahrheit sind, und uns in ihm schauen?

Dafür noch einmal ein Vergleich zu unserer Erinnerung: Sie ist nicht gleichmäßig, sondern vielfältig. Manche Ereignisse verschwinden sofort, manche prägen unser gesamtes Leben. Diese Ereignisse werden zum Zentrum unserer Identität, prägen die Art und Weise, wie wir uns wahrnehmen und deuten. Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist eine solche ‚Selbstdefinition‘ Gottes. Durch dieses Leben ist sein Wesen bestimmt – Gott ist derjenige, der er durch das Leben und den Tod des Jesus von Nazareth geworden ist. Das sagt zum einen die Lehre von Christus und die Trinitätslehre: Zu Gottes Wesen gehört der Mensch Jesus von Nazareth. Das sagt zum anderen das Glaubensbekenntnis mit der Wendung „auferstanden von den Toten, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters .“ Das ist der Sinn und das Ziel und der Trost der Auferstehung Jesu: dass die Hand, die uns das Geschick unseres Lebens zuspielt, die Hand des Jesus von Nazareth ist. Wenn wir uns fragen, was Gott von uns will und mit uns vorhat, dann lesen wir die Evangelien und hören von der Zuwendung Jesu zu den Sündern, zu den Verlorenen, zu den Unterdrückten, die nicht einfach die Marotte eines damaligen Menschen ist, sondern in der sich Gott selbst definiert als der Retter.

Liebevoller Blick der Vergebung

„Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Wenn das Erinnern an unser Leben etwas mit dem Gericht zu tun hat – dass wir uns sehen dürfen, aber auch sehen müssen, wie wir sind –, dann ist es ein Trost, dass Gott durch Jesus von Nazareth richtet, dass also der Blick, der auf unser Leben gerichtet ist und in dem wir uns wahrnehmen, ein liebevoller Blick der Vergebung ist.

Auferstehung. Das Leben der Menschen wird gegenwärtig gehalten wie in einer Erinnerung. Das ist nur ein Bild zwar – aber doch sehr konkret. Denn Jesus Christus ist genau dort gegenwärtig gehalten, wo er erinnert wird. Wo wir aufgefordert werden, seiner zu gedenken, da ist er gegenwärtig – im Abendmahl: „Dies tut zu meinem Gedächtnis“. Und genau darum heißt es: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen – im Gedenken an ihn –, da bin ich mitten unter ihnen.“ Christus ist auferstanden, das heißt: Er ist so erinnert, dass der Weltlauf durch ihn definiert ist. Und darum ist er in unserem Gedenken gegenwärtig.

Was Auferstehung ist, versteht man nicht, wenn man möglichst ‚konkret‘ von der Wiederherstellung des Körpers oder der Aufbewahrung einer gegenständlichen Seele spricht, die ‚weiterlebt‘ – die Erfahrungen und Erlebnisse und Einsichten hat. Sondern was Auferstehung ist, beginnt man zu begreifen, wenn man erfasst, dass die Erinnerung, das Gedächtnis schon unter uns Menschen eine Vergangenheit vergegenwärtigt und lebendig hält. Die Botschaft von der Auferstehung besagt: nicht nur wir erinnern, und nicht nur die Nachwelt. Wir alle erinnern nicht nur, sondern wir werden erinnert.

Das Grab Jesu: ‚leer‘ oder „voll“? Eine überflüssige Frage!

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Norbert Slenczka

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