Denkanstoß

Evangelische Orientierung
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Wolfgang Huber legt im Jahr der Reformation eine kluge Orientierungshilfe für bereits christlich sozialisierte Menschen vor.

Aus Kreisen der EKD wurde ein prägnanter Beitrag der systematischen evangelischen Theologie zum Reformationsjubiläum vermisst. Wolfgang Huber hat ihn vorgelegt. Das Buch hört auf den Titel Glaubensfragen, weil es „vom Evangelium her … Zugang zu Grundfragen des christlichen Glaubens“ erschließen soll. In dem ihm eigenen brillanten schnörkelfreien Duktus skizziert Huber einen kompakten Kosmos seiner theologischen Einsichten.

Zugleich führt er das Gespräch mit Philosophie, naturwissenschaftlichen und religionswissenschaftlichen Positionen sowie der Literatur. Nie fehlt der Bezug auf Eindrücke und Ereignisse des Zeitgeschehens. Huber liebt es, mit Geschick theologische Kontroversen zu referieren, sodann für eine gewisse behutsam eingegrenzte Pluralität von Auffassungen zu werben, diese dann aber so zuzuspitzen, dass er auf einer in seinen Augen substanziellen Pointe des christlichen Glaubens strikt bestehen kann. Immer wieder geht es ihm um den „inneren Kern“ des Glaubens. So kann nur ein weltläufig interdisziplinär erfahrener Professor schreiben, der zugleich als diplomatisch versierter Bischof gewirkt hat.

Einige reichlich bibelkundig homilieartig angelegte Passagen mögen dogmatisch ambitionierte Gemüter und Fachexegeten weniger einleuchten. Und einen eigenen systematisch-theologischen Zugriff bietet das Buch eher nicht. Dafür zieht Huber regelmäßig einschlägige aktuelle Positionen zu Rate. So kann, wie vor allem im Zusammenhang der Schöpfungslehre, der Eindruck entstehen, man bekomme es mit einer bravourös entfalteten Patchworktheologie zu tun. Überhaupt: So mancher Gott selbst betreffender Wissensdurst eines kritischen Zeitgenossen mag ungelöscht bleiben, weil eine elaborierte Gotteslehre fehlt und die Gottesfrage bei Gelegenheit anderer Fragen mitverhandelt wird.

Aus zwei anderen Gründen ist Hubers Buch ein starker Titel. Erstens wird eine „Öffentliche Theologie“ entfaltet, die diesen Namen verdient. Die denkt nicht daran, moralisch aufzurüsten oder für unbestimmte Transzendenzgefühle zu werben. Vielmehr macht sie handfeste Glaubensinhalte verständlich, durch die allein das Christentum vital bleiben wird. Zweitens formuliert Huber eine Art reformatorisch-kirchenpolitische Prolegomena, indem er in einem ersten Abschnitt mit reformatorischen Zugängen so einsetzt, dass in ihrer Konsequenz in einem zweiten Abschnitt zugleich die Zukunft des christlichen Glaubens und seiner kirchlichen Verankerung reflektiert werden muss. Das spiegelt bündig die religionspolitisch-theologische Ambition Hubers, zugleich die etwas hyperbolische Emphase, mit der er die Entdeckung des Evangeliums durch die Reformation mit Christopher Columbus’ Amerikaerkundung vergleicht.

Umso mehr verblüfft, dass er im dritten die „Quellen des Glaubens“ referierenden Abschnitt kaum auf die Kunst der Unterscheidung des einen Wortes Gottes in Gesetz und Evangelium setzt. Elegant stellen die Überschriften des vierten und fünften Abschnittes innere Bezüge her: „Die Schöpfung loben“ und „Mit Gott klagen“. Die anthropologischen Erkundungen sind freilich derart knapp, dass man eine Auseinandersetzung mit klassischen Seele-Geist-Leibfragen vermissen mag. Dafür wird die Lektüre durch einprägsame Wendungen wie die eines in den biblischen Texten begründeten Anthropozentrismus der Verantwortung“ belohnt.

Hubers kritisches Plädoyer für den guten Sinns eines evangelischen Konzepts von Sünde und Schuld fordert angesichts neuerer Radikalkritiken am protestantischen Schulddiskurs im Zeichen der Scham (Klaas Huizing) zu weiterem Gespräch heraus.

Der sechste Abschnitt bietet ein zeitgemäßes religionspolitisch durchdachtes Referat christologischer Einsichten. In Fragen von Tod und Auferstehung wird eine versichernde Rede allerdings so stark, dass sie so manchen Zweifler weiter zweifeln lassen dürfte. Im siebten Abschnitt „Der Geist der Freiheit“ verhandelt Huber Pneumatologie, Ekklesiologie und das Verhältnis von Glaube und Vernunft. Im Zeichen des so entfalteten Glaubens wird im achten Abschnitt die christliche Lebensbestimmung der „unbedingten Liebe“ und im neunten die Perspektive der „radikalen Hoffnung“ und so die klassischen Fragen christlicher Eschatologie mit verhandelt. Im zehnten Abschnitt gibt der profilierte Sozialethiker dem Glauben im Horizont von Würde und Werten die Ehre.

So verdanken wir Wolfgang Huber im Jahr der Reformation eine kluge Orientierungshilfe für bereits christlich sozialisierte Menschen, – also für „freie und verantwortliche Christen“, von denen der Klappentext spricht, – und ein die theologische Arbeit durchlüftender Denkanstoß, den theologiestudierende und Pfarrerinnen und Pfarrer unbedingt lesen sollten.

Stephan Schaede

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Stephan Schaede

Stephan Schaede, Jahrgang 1963,  promovierte in Systematischer Theologie. Er war von 2010 bis 2020 Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum. Zuvor arbeitete er an der FEST in Heidelberg und war Pfarrer in Niedersachsen. Seit 2020 ist er Regionalbischof im Sprengel Lüneburg.


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