Sternzeichen Isabel

Wunderbare Natalie Merchant
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Es gibt nicht viele, mit denen man ohne Murren ganze zehn CDs verbringt.

Ressentiments sind hartnäckig, sitzen tief, Ängste auch. Mit Alben, die „Tigerlily“, „Ophelia“ oder „Motherland“ heißen, braucht man manchen deshalb gar nicht erst zu kommen. Doch „The Natalie Merchant Collection“ steht souverän diesseits solcher Klischees, ist gelungener Anlass, die US-Singer/Songwriterin und Ex-Sängerin der Folkrocker „10.000 Maniacs“ kennenzulernen und sowieso – aller Aufmerksamkeit wert!

Die 10 CDs-Box enthält alle Soloplatten seit 1995, eine Neueinspielung von „Tigerlily“ und „Rarities“. Starke Songs, die etwas zu sagen haben! Schon ihr Debut „Tigerlily“ mit ihrem bekanntesten Song „Carnival“ zeigte ihren Rang als Songwriterin. Das folgende Album „Ophelia“ war vergrübelter, aber nicht minder selbstbewusst.

Hatte Dylan in „Desolation Row“ die titelgebende Shakespeare-Heroine einst eher bedauert („her sin is her lifelessness“), kommt sie hier als rebel girl und circus queen, mystische Göttin, Wirbelsturm, als starke Frau daher. „Motherland“ (2001) rockt, ist kantiger und nimmt angenehm den Mund voll. Das wunderbare „Saint Judas“, gemeinsam mit Mavis Staples, politisiert taff gegen white pride und Southern-Rassismus. Der Titelsong, den sie im Januar auch beim Anti-Trump-Protest in New York sang, pocht liebevoll auf Heimat und macht jene perversem Great-again-Getue streitig („Motherland cradle me, close my eyes/lullaby me to sleep“).

Auf ihrem vierten Album „The House Carpenter’s Daughter“ covert sie Traditionals, „Poor Wayfaring Stranger“ etwa und „Weeping Pilgrim“, in einer herrlich zerbrechlichen Version mit Banjo, Gitarre, Geige und männlichem Begleitgesang. Nach der Geburt ihrer Tochter trat sie sieben Jahre lang kürzer. 2010 erschien das Doppelalbum „Leeve Your Sleep“, für das Merchant Kindergedichte des 19. und 20. Jahrhunderts vertonte und mit vielen ganz unterschiedlichen Musikern einspielte – liebevoll, intensiv, abwechslungsreich und fesselnd. Schon die Gedichtauswahl hat Witz: John Gedfrey Saxes Theologenklamotte „The Blind Men & The Elephant“ ist dabei, „Maggie & Milly & Molly & May“ von E. E. Cumminings und Ogden Nashs süffig heiteren „Adventures of Isabel“, die dem gefräßigen Bären ebenso eine Nase dreht wie einem pillenverrückten Arzt. „Butterfly“ von 2017 mit vier neuen Stücken und Interpretationen älterer Merchant-Songs bildet den bisherigen Abschluss und weckt Vorfreude auf mehr von dieser großen Künstlerin. Und mal ehrlich: Es gibt nicht viele, mit denen man ohne Murren ganze zehn CDs verbringt.

Udo Feist

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