Zukunftsmodell Frömmigkeit

Von der notwendigen Renaissance einer wertvollen Tugend

Es war eine lebhafte Runde, die nach meinem Festvortrag in einem oberösterreichischen Kloster beim Bier zusammensaß. Die ältere Dame sagte freundliche Worte über das, was sie gerade von mir gehört hatte. „Aber das Wort ‚Frömmigkeit‘ hätten Sie nicht verwenden sollen, Herr Bischof!“ Und dann kam so ziemlich alles an negativen Assoziationen, was man mit diesem Wort überhaupt nur verbinden kann. Von Bigotterie und Werkgerechtigkeit war die Rede. Und von manch anderem.

Ja, es ist viel Ballast, der mit diesem so altmodisch klingenden Wort „Frömmigkeit“ verbunden ist. Ich finde trotzdem: Frömmigkeit ist ein Zukunftsmodell. In Zeiten, in denen die schnelle und effektive Selbstoptimierung den Ton angibt, ist sie vielleicht mehr denn je ein alternativer Zugang zum Leben. Denn wer wirklich fündig werden will auf der Suche nach einem erfüllten Leben, braucht mehr als das, was die Ratgeber mit Titeln wie „Zehn Wege zu einem glücklichen Leben“ empfehlen. Solche Bücher können tatsächlich hilfreich sein, wenn wir versuchen wollen, bewusster zu leben und nicht alles für selbstverständlich zu nehmen, was wir jeden Tag an Gutem erfahren und oft viel zu wenig wahrnehmen.

Aber erreichen sie wirklich die Seele? Frömmigkeit ist eine Lebenshaltung, die das eigene Leben in den Horizont der Beziehung zu Gott stellt und diese Beziehung auch pflegt. Durch tägliches Gebet. Durch das regelmäßige Lesen der Bibel. Durch die Gemeinschaft mit anderen, die das Gleiche tun. Durch den gemeinsamen Gesang, der wie kaum etwas anderes das Herz öffnet und froh macht. Hoffnung und Zuversicht machen unser Leben erfüllter, dem stimmen viele zu. Aber was ist die Quelle für ein solches Leben? Dass wir uns einüben in eine Sprache der Seele, die uns diese tiefe Gewissheit vermittelt.

Für mich sind die biblischen Psalmen die kraftvollste Schule für diese Sprache der Seele. Eines der besten Beispiele: Psalm 139. Er strahlt für mich eine Geborgenheit und Zuversicht aus, die selbst in den größten Abgründen des Lebens trägt: „Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“

Man stelle sich nur einmal einen Moment lang vor, diese Worte würden zum Grundton der eigenen Seele. Wir fühlten uns geborgen an allen Orten und in allen Lebenssituationen. Und würden selbst die Finsternis noch wie Licht erfahren können. Wir könnten ganz Ja zu uns selbst und zum anderen sagen, weil wir das tief in uns spüren, dass wir wunderbar gemacht sind. Die Einübung in ein solches Lebensgefühl – das ist Frömmigkeit. Eine kraftvollere Lebensbasis gibt es nicht. Frömmigkeit ist ein Zukunftsmodell.

Heinrich Bedford-Strohm ist EKD-Ratsvorsitzender, bayerischer Landesbischof und Herausgeber von zeitzeichen.

Heinrich Bedford-Strohm

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