pro und contra

Trauung von Schwulen und Lesben?
Ab 1. Oktober dürfen in Deutschland schwule und lesbische Paare heiraten. Damit stellt sich die Frage, ob die Kirchen sie trauen sollen. Dagegen ist Werner Thiede, außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen.

Dauerhaft respektieren

Gleichgeschlechtlicher Umgang wird bei Paulus als exemplarische Sünde aufgeführt.

Das neue Gesetz zu Gunsten einer „Ehe für alle“ zeugt von Fortschritt vor allem in dem Sinn, dass die Säkularisierung voranschreitet. Der religiös fundierte Ehebegriff sei „gekapert“ worden, konstatierte angesichts des Bundestagsbeschlusses Michael Kretschmer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU. Der Protestierende zählte zu den entsetzten Protestanten, während sich der Rat der EKD bereits am Tag vor der Abstimmung zu Gunsten einer Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ausgesprochen hatte. Wirkt die evangelische Kirche nicht auch in dieser aktuellen Frage wie ein Schiff ohne Kompass?

Der provokante Traditionsabbruch in ihren eigenen Reihen steht in keinem Verhältnis zur Unerprobtheit des kulturell völlig Neuartigen. Noch 1996 hatte der Rat der EKD in der Orientierungshilfe „Mit Spannungen leben“ erklärt, die Institution Ehe müsse heterosexuellen Paaren vorbehalten bleiben. Warum wurde diese Aussage inzwischen kassiert? An exegetischen Neuentdeckungen dürfte das kaum gelegen haben. „Homosexualität wird auf breiter Front in der Bibel abgelehnt“, räumt der Erlanger Ethiker Peter Dabrock ein. Das Neue Testament vergleicht die heterosexuelle Ehe mit dem heterogenen Verhältnis zwischen Christus und der Kirche. Und gleichgeschlechtlicher Umgang wird schon im ersten Kapitel des Corpus Paulinum als exemplarische Sünde angeführt. Auch ob humanwissenschaftliche Forschung die kirchliche Kursänderung legitimiert, ist keineswegs zweifelsfrei: Schon zahllose Versuche wollten nachweisen, „dass Homosexualität biologisch festgelegt sei. Alle sind sie gescheitert“ – so der neuseeländische Sexualwissenschaftler Neil E. Whitehead 2012.

Doch 2013 wurde die ältere EKD-Orientierungshilfe abgelöst durch eine neue, betitelt „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“. Sie betont abstrahierend, durchs biblische Zeugnis hindurch klinge als Grundton „vor allem der Ruf nach einem verlässlichen, liebevollen und verantwortlichen Miteinander, nach einer Treue, die der Treue Gottes entspricht“. Diese Aussage enthält an sich nichts Neues, wird aber seither gern als schlagendes Argument zu Gunsten kirchlicher Gleichbehandlung nichtehelicher Partnerschaftsformen ins Feld geführt – was nun ins Pro des Rates der EKD zu Gunsten der „Ehe für alle“ mündete.

Ein Contra fällt hier immer schwerer: Schon „wer vorsichtige Vorbehalte gegen eine grundlegende Neubestimmung des Begriffs der Ehe äußert, hat ein Problem“, beklagte Petra Bahr, Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. Kann das wahr sein in der „Kirche der Freiheit“? Offenbar hängt die Kursänderung in evangelischer Theologie und Kirche mit dem gesellschaftlichen Stimmungswandel zusammen. Ihn muss die Legislative berücksichtigen; seine theologische Akzeptanz indessen zeugt von „kulturprotestantischer“ Ausrichtung am Zeitgeist. Schon seit 2001 dürfen gleichgeschlechtliche Paare hierzulande eine „Eingetragene Partnerschaft“ eingehen, die jedoch der Gesetzgeber ausdrücklich nicht als Ehe bezeichnet. Das 2017 geänderte Gesetz wirft das Problem seiner Verfassungsgemäßheit auf. Ob sich Artikel sechs – einer der vordersten des Grundgesetzes – wird umschreiben lassen?

Wie auch immer – einige Synoden haben sich schon vor dem politischen Änderungsbeschluss für die kirchliche Trauung Gleichgeschlechtlicher ausgesprochen; andere debattieren noch. Nachdem die römisch- und die orthodox-katholische Kirche für ein klares Nein hinsichtlich einer „Trauung für alle“ stehen, sind protestantische Vertreter eines Contra zumindest im Horizont der weltweiten Christenheit keineswegs Randständige. Und ebenso wenig im Licht der reformatorischen Tradition. So sind Luther zufolge Trauung und Ehe nicht auf „ein weltlich Geschäft“ reduzierbar: Gott will den Ehestand „geehrt, gehalten und geführt haben als einen göttlichen, seligen Stand, … dass sie sich zusammen halten, fruchtbar seien, Kinder zeugen, nähren und aufziehen zu Gottes Ehren.“ Melanchthon dachte genauso; er betonte den „neuen Gehorsam“ gegen Gottes Gebot als ein notwendiges Kennzeichen evangelischer Kirche. Freilich wussten schon die Reformatoren: Es gibt Menschen, die „zum ehelichen Stand nicht tüchtig sind“, ohne doch vom Geist Gottes zu sexuell enthaltsamem Leben befähigt zu sein. Wären im Blick auf sie nicht Trauung und Ehe „für alle“ eine kirchlich gutzuheißende Lösung?

Man könnte sogar an Luthers Wort von der Schuldigkeit erinnern, dem Begehren nach kirchlicher Trauung zu willfahren. Doch der Reformator hat hierbei vorausgesetzt, dass Mann und Frau „nach göttlicher Ordnung zum heiligen Stand der Ehe greifen“ – und dass Theologie und Kirche diesen Stand als Gottes „Ordnung und Segen nicht verrücken noch verderben lassen“. Ist es von daher nicht verständlich, dass sich manche Evangelischen mit kirchlichen Trauungen „für alle“ schwer tun, ohne dabei diskriminierend wirken zu wollen?

Kirche muss keineswegs alles segnen, was Staaten gesetzlich regeln. Aus dem neuen Gesetz ist theologisch nicht zwingend zu folgern, in sämtlichen Gemeinden seien nunmehr Gleichgeschlechtliche liturgisch zu trauen. Könnte es vielleicht hilfreich sein, jeweils vor Ort die Kirchenvorstände entscheiden zu lassen? Wie stünde es dann aber um jene Geistliche, deren Gewissen hier Nein sagt? Genügt es, sie angesichts einschlägiger Kirchenvorstands- oder Synodalbeschlüsse mit einem Gewissensschutz abzuspeisen, womöglich mit zeitlicher Begrenzung (was freilich ein Widerspruch in sich wäre)? Wohin driftet unsere Kirche, wenn sie dazu tendiert, konservativ denkende Ordinierte in ihrem Gewissen nicht mehr zu schützen und sie somit zu diskriminieren? „Den Schwachen im Glauben nehmt an, und streitet nicht über Meinungen“, mahnt Paulus (Römer 14,1). Diese apostolische Maßgabe sollte kirchlich auch bei der schwierigen Frage „Trauung für alle?“ gelten. Denn sowohl Pro- als auch Contra-Parteien stehen unter dem großen Pro Christi. Deshalb sollten sie, zumal sie sich selbst alle auf den Geist der Liebe berufen, unbedingt im Gespräch miteinander bleiben und einander dauerhaft respektieren.

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Werner Thiede

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