Entgleiste Kritik

Kirchen und Politik
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Angesichts des gesellschaftlichen Pluralismus und der weltanschaulichen Neutralität des säkularen Staates ist Körtners Überlegung nicht plausibel.

Das Buch nimmt sich sehr viel vor. Es wendet sich gegen Moralisierungen, die in der Politik und in den Kirchen anzutreffen seien. Der gedankliche Ertrag des Buches ist aber dürftig. Natürlich hat der Verfasser Recht, wenn er sagt, Gesetze und politisches Handeln dürften nicht einfach nur von guten moralischen Absichten bestimmt sein. Er veranschaulicht dies am Umgang der deutschen Bundesregierung mit dem Zustrom von Flüchtlingen im Jahr 2015. Hierzu zitiert er die in der Tat phrasenhaften Sätze von Bundeskanzlerin Angela Merkel, darunter ihr Diktum: „Wir schaffen das“. Zutreffend beklagt er die Intransparenz und Sprunghaftigkeit der deutschen Flüchtlings- und Asylpolitik.

Allerdings muss man doch etwas genauere Analysen durchführen, als es in dem Buch dann erfolgt. Administrative Unzulänglichkeiten, politische Verwerfungen zwischen dem Bund und den Bundesländern sowie Verfahrensunklarheiten haben beim Flüchtlingsthema zahlreiche Anschlussprobleme überhaupt erst erzeugt. Es greift analytisch zu kurz, die aktuellen Probleme einfach nur grobmaschig unter die Oberbegriffe „Moralisierung“ oder „Emotionalisierung“ zu subsumieren.

Um – wie der Buchtitel es pathetisch ausdrückt –„wider Moralisierung“ und „für die Vernunft“ zu streiten, greift Ulrich H. J. Körtner seinerseits auf die Sündenlehre, die Rechtfertigung und die Eschatologie zurück. Er bejaht „öffentliche Theologie“ und meint, diese müsse zur „missionarischen Theologie“ werden. Auf diese Weise wird sich jedoch schwerlich ein neues Fundament für rationale Politik gewinnen lassen. Angesichts des gesellschaftlichen Pluralismus und der weltanschaulichen Neutralität des säkularen Staates ist Körtners Überlegung nicht plausibel.

Den Kirchen wirft der Wiener Theologieprofessor vor, ihnen sei „die Kraft des eigenen Glaubens“ verloren gegangen. Daher würden sie – so heißt es in der Schrift auf Seite 110 – jetzt „ihr Heil in seinen säkularen Schwundstufen, nämlich Menschenwürde, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und allseits geübte Toleranz“ suchen.

Diese Formulierung gehört zu den Entgleisungen des Buches. Sachlich ist sie haltlos. Sie erweckt den Eindruck, als gingen Menschenwürde, Menschenrechte und Toleranz kulturgeschichtlich auf das Christentum zurück. Bekanntlich ist dies so nicht der Fall. Vor allem ist es ein ganz arger Fehlgriff, Menschenwürde, Menschenrechte, Gerechtigkeit und Toleranz abwertend als „Schwundstufen“ zu bezeichnen. Immerhin handelt es sich um die humanen Grundlagen des modernen Verfassungsstaates, die universalisierbar und rational plausibel sind.

Und um auch dies deutlich zu sagen: Die Kirchen haben große Schwierigkeiten gehabt, sich mit dem Anliegen der Toleranz anzufreunden. Noch im Jahr 2006 gab die Evangelische Kirche in Deutschland in einer einschlägigen Handreichung die Leitlinie vor, dass Kirchengemeinden Muslimen Gemeinderäume noch nicht einmal für „Sprachkurse“ überlassen sollten.

Nun haben sich seit 2015 in Kirchengemeinden viele Menschen engagiert, um Geflüchteten in konkreten Notlagen vor Ort humanitär Hilfe zu leisten. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat dies akzeptiert. Soweit ersichtlich, soll auch aus Sicht der EKD Flüchtlingshilfe ohne Ansehen der Person, das heißt ohne Bevorzugung christlicher Flüchtlinge und ohne Missionierung erfolgen. Insofern hat die Kirche hinzugelernt. Die von Körtner als „Schwundstufe“ des Glaubens bezeichnete Toleranz hat im kirchlichen Bereich endlich Einzug gehalten. Dies ist ausdrücklich zu würdigen und hat mit oberflächlicher Moralisierung oder Emotionalisierung nichts zu tun.

Hartmut Kreß

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