Stimme für die Pflege

Die Aufwertung der Pflegeberufe muss umgesetzt werden
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Ob in Bussen, Bahnen, auf Plakatwänden in der Stadt, überall heißt es: „Wir suchen Pflegekräfte“. Der eine wirbt mit übertariflichen Zuschlägen, die anderen mit Kita-Zuschüssen. Manchmal heißt es gar: „Sie haben Kinder? Wir haben Kinderbetreuung.“ Wie groß der Bedarf tatsächlich ist, lässt sich allein daran ablesen, dass Pflegeeinrichtungen den teuren Weg der Werbung in öffentlichen Räumen wählen. Und in der Tat: Vor dem gravierenden Mangel gerade in der Altenpflege kann niemand mehr die Augen verschließen; es fehlen bundesweit examinierte Fachkräfte. Je nach Berechnungsgrundlage zwischen 200?000 und 500?000 bis 2030. Die Bundesagentur für Arbeit meldet schon jetzt, dass ein Stellenangebot für eine examinierte Altenpflegerin 153 Tage vakant ist und dass gegenwärtig auf hundert gemeldete Stellen nur noch 38 Bewerberinnen kommen; die Zahlen steigen Jahr für Jahr.

Auf Initiative von drei führenden spd-Politikerinnen erschien nun ein „Aktionsprogramm zur Aufwertung sozialer Berufe“. Darin wollen die Politikerinnen mit fünf Punkten die Attraktivität sozialer Berufe steigern: Sie fordern kostenfreie und vergütete Ausbildung, höhere Löhne, mehr Fort- und Weiterbildungsangebote, mehr Personal und zahlreiche Maßnahmen wie Umschulungen und Nachqualifizierungen, um die Fachkräftebasis nachhaltig zu sichern.

Das alles ist nicht neu. Wohlfahrts- und Pflegeverbände weisen seit Jahren auf diese Missstände hin. Sicher, die Attraktivität des Berufs aufzuwerten, ist das eine, doch sie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es vornehmlich die schlechten Arbeitsbedingungen in der Pflege sind, die die Menschen mittlerweile aus den Pflegeberufen treiben. Kontinuierliche Schichtarbeit, ungewollte Teilzeitbeschäftigung, hohe emotionale und körperliche Belas-tungen verbunden mit einem geringen gesellschaftlichen Ansehen führen dazu, dass viele ausgebildete Altenpflegekräfte früher oder später aus dem Beruf aussteigen und sich umschulen lassen. So sinkt die aktive Berufszeit von Altenpflegekräfte beständig, auf mittlerweile fünf bis sieben Jahre.

Und daran wird auch die von Arbeitgeberverbänden dringend geforderte legalisierte Zuwanderung, also eine verstärkte Anwerbung von ausländischen Pflegekräften, nichts ändern. Egal, ob spanische oder polnische Pflegekräfte, sie werden in ihre Länder zurückkehren, wenn sich an den Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen nichts ändert. Wie soll die Arbeitszufriedenheit steigen, wenn examinierte Fachkräfte neben der schweren körperlichen Belastung, ständig gegen die Uhr arbeiten und permanent mit einem schlechten Gewissen kämpfen, nie genug Zeit für den Menschen aufbringen zu können? Damit wird ein Nebensatz im Aktionsprogramm der Politikerinnen zum Hauptproblem, der des Personalschlüssels. Und: Die allgemeine Wertschätzung für die geleistete Arbeit ist gering, was sich in der Bezahlung ausdrückt. Knapp 2?400 Euro brutto im Monat ist wahrlich kein angemessener Verdienst für Menschen, die, egal ob Werktag oder Feiertag, ob tagsüber oder nachts andere Menschen versorgen, ihnen nahe sind. Ferner bedarf es Perspektiven für den beruflichen Aufstieg.

Den Ankündigungen müssen nun Taten folgen. Damit bis zum nächsten Wahlkampf endlich eine Stimme für die Pflege hörbar wird.

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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