Religiöse Tiefe

Theologie und Pop-Musik
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Die Theologie steht der Pop-Musik immer noch ziemlich fremdelnd gegenüber. Deshalb ist man dankbar, dass jetzt eine Doktorarbeit über Nick Cave erschienen ist.

Drei großartige CDs haben in den vergangenen Monaten viele Menschen bewegt, verstört und begeistert. Die unmittelbare Nähe zum Tod gibt ihnen eine Abgründigkeit und Schönheit, aber auch eine spirituelle Unbedingtheit, wie sie sich in der Pop-Musik selten findet. Es handelt sich um David Bowies wenige Tage vor seinem Tod veröffentlichtes Album „Black Star“, mit so großartigen Songs wie „Lazarus“, und um Leonhard Cohens ebenfalls kurz vor seinem Lebensende erschienene CD „You want it darker“, deren Titelsong eine grandiose Absage an Gott ist und dennoch dies als Refrain hat: „Hineni Hineni / I’m ready, my Lord“. Und dann ist da Nick Caves Requiem für seinen Sohn, der mit 15 Jahren im Drogenrausch tödlich von einer Klippe stürzte. Sein Album „Skeleton Tree“ ist erschütternd, aber auch voller christlicher Motive. Es ist zum Staunen, welche musikalische Größe und religiöse Tiefe in diesen Pop-Kunstwerken Gestalt findet.

Die Theologie steht der Pop-Musik immer noch ziemlich fremdelnd gegenüber. Deshalb ist man dankbar, dass jetzt eine Doktorarbeit über Nick Cave erschienen ist. Geschrieben hat sie Matthias Surall, Beauftragter für Kunst und Kultur der Hannoverschen Landeskirche. Er ist vor allem ein großer Bob-Dylan-Fan und -Kenner. Doch war es klug von ihm, sich nicht in die unendlichen Weiten der Dylanologie hinaus zu wagen, sondern das weniger erforschte und gedeutete Werk von Cave zum Gegenstand zu wählen. Denn anregend, anspruchsvoll und spannend ist es ebenfalls.

Nick Cave, der gerade sechzig geworden ist, stammt aus Australien. Seine entscheidenden musikalischen Erfahrungen machte er im Berlin der Achtzigerjahre. Dort entwickelte er sich vom Lärm-Produzenten zum viel verehrten Punk-Dandy und häufig imitierten schwarzen Bohemien. Cave ist ein Gesamtkunstwerk: Seine melodramatischen Balladen sind nicht ohne sein Image zu denken, die langen schwarzen Haare und feinen Anzüge, die vielen Drogen, die düster-schrägen Videos und natürlich seine Stimme, die ähnlich wie die von Tom Waits die einen abstößt und die anderen in den Bann zieht. Zu diesem Gesamtkunstwerk gehört auch die Religion: Cave wurde evangelisch erzogen. Er verfügt über eine erstaunliche biblische Bildung und eine eigene religiöse Nachdenklichkeit. Seine exzellente Einführung zum Markus-Evangelium zeugt davon.

Vor allem aber weiß er mit biblischen Bildern zu arbeiten und zu spielen, wie Surall in präzisen Analysen seiner Songs nachweist. Am berühmtesten ist dafür sein wohl wichtigster Song „Mercy Seat“ von 1988, in dem ein zum Tode Verurteilter den Himmelsthron Gottes mit dem elektrischen Stuhl zusammenphantasiert. Cave präsentiert eine dunkle Romantik, die durch die Verwendung dunkler und schroffer biblischer Bilder eine ungewöhnliche Dringlichkeit gewinnt. Die religiösen Bezüge sind dabei immer von einer starken Körperlichkeit und hochgradig spannungsgeladen. Es geht in diesem Musik-Glauben um Erotik und Tod, Rausch und Wahn, Tod und Gewalt. Sein innerer Motor sind Schwermut und Erlösungsbedürftigkeit, eine Sehnsucht, die auch diejenigen anrührt, die sonst meinen, mit christlicher Religion nichts zu schaffen zu haben. Natürlich kann man fragen, ob hier nicht ein bestimmtes Bildsegment der christlichen Tradition ästhetisch funktionalisiert wird.

Vor allem aber muss man darüber staunen, wie inspirierend gerade die dunklen Seiten der Bibel auf Cave gewirkt haben. Und man wird hoffen, dass er den großen Refrain aus „Mercy Seat“ auch nach seinem großen familiären Unglücksfall immer noch singen kann: „And God is never far away“.

Johann Hinrich Claussen

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