Kunst am Zug

Punktum

Was ist das Gegenteil von gut? Gut gemeint. Diese Weisheit ist mit Recht sprichwörtlich geworden. Auch in der Welt der Deutschen Bahn lebt, webt und ist diese Weisheit. Und zwar gerade dort, wo sich die Bahn ganz viel Mühe gibt, wo sie besonders ziseliert und differenziert vorgehen möchte, und gerade dann, wenn sie besonders kundenorientiert und pfiffig sein will, da lauert die „Gut-/gut-gemeint-Falle“.

Dabei, seien wir ehrlich, ist in den vergangenen Jahrzehnten so vieles bei der Bahn besser geworden. Es gibt Steckdosen im ICE, es gibt sogar – zumindest häufig – W-Lan im ICE, seit einiger Zeit sogar in der Zweiten Klasse und angeblich bald sogar bahnflächendeckend in ICs und Regionalzügen. Und wenn nicht zu viele das W-Lan nutzen, dann kann man sogar zuweilen seine Netflix-Serie im Zug sehen. Kürzlich gelang es mir an einem frühen Samstagabend, an dem ich das Los zu tragen hatte, in einem ICE sitzen zu müssen, per Livestream Sportschau zu schauen – g-r-a-n-d-i-o-s!

Aber dieser unglaublich gutgemeinte Service hat seine Schattenseiten. Vor einiger Zeit musste ich an dieser Stelle bereits von der Bahn-App berichten, die Verspätungen anzeigt. Gute Sache, wenn die Verspätung denn stimmt. Wenn sie nicht stimmt, kann es zu unangenehmen Folgen führen, wenn man sich zu sehr auf die App verlässt, denn die Beispiele, dass die Bahn noch später kommt als in der App oder am Bahnsteig angekündigt, sind weiß Gott Legion und eigentlich nicht der Rede wert.

Doch was die Bahn seit neuestem kreativ daraus zu machen versteht, versetzt mich doch in Verzückung, und die möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: Es gibt seit neustem nicht nur „Kunst am Bau“, sondern auch „Kunst am Zug“. Dann nämlich, wenn ein ICE – er war schon 15 Minuten später angekündigt, aber das soll nichts zur Sache tun – endlich nach gut dreißig Minuten ins Gleis einfährt und dann passiert geschlagene drei Minuten ... nichts. Jedenfalls nichts in Sachen Türöffnung. Zu sehen sind, egal, ob man nach rechts oder links schaut, ratlose Menschen, die nahezu bewegungslos vor einem ICE stehen, an dem nichts passiert. Nichts. Dann schließlich, nach einigen Minuten, ertönt die Lautsprecherdurchsage, dass der Zugführer des ICE doch bitte mal die Türen öffnen möge. Und siehe: Sie öffnen sich. Simsalabim! Auf dem Bahnsteig wird brüllend gelacht. Unglaublich.

Also ich finde dieses neue Kunstprojekt der Bahn wirklich bahnbrechend: Alle sind genervt, dass der Zug zu spät ist, Aussteigende wie Einsteigende, Sünder wie Gerechte etc. pp, und in vielen nistet Ärger, Genervtheit, Zorn. Und dann schenkt uns die Bahn ein paar Minuten … Zeit. Unvermutete Zeit. Zeit zum Runterkommen („Reg dich nicht so auf!“), Zeit zum Nachdenken („Auch Du hast Fehler“) und Zeit zum In-die-Sonne-blinzeln („Schön ist es auf der Welt zu sein...“).

Wunderbar! Danke!! Unbedingt beibehalten!!!

Reinhard Mawick

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