Schurkische Intrigen

Otello und Kirche in Dessauähe
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Einer Fata Morgana gleich taucht die Klosteranlage Corvey bei Höxter aus Wiesen und Feldern auf. Die nahe Lage zur Weser hüllt sie bisweilen in Nebelschleier, was dem Ensemble etwas Mystisches verleiht. Nun sind die wenigsten Besucher des Klosters, das 2014 zum unesco-Weltkulturerbe ernannt wurde, auf der Suche nach Mystik, doch wer Informationen über 1 200 Jahre Christentum sucht, wird auf seine Kosten kommen. Und auch wer Events liebt, wie Musiktage, Garten- und Weihnachtsmärkte, ist hier richtig. Corvey ist ein Besuchermagnet geworden. Irgendwie mag man das nicht in Einklang bringen mit einem Kloster als Ort der Ruhe und Einkehr. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es hier stets Zeiten des Trubels, des Aufbruchs und Ankommens, der Verteidigung und Zerstörung gab. Die imposante karolingische Klosterstadt, die nach Brand und Plünderung im Dreißigjährigen Krieg im Barockstil wieder aufgebaut wurde, umfasst insgesamt zwölf Hektar. Nun gibt es Klöster dieses Ausmaßes auch anderswo, doch folgt man gleich eingangs einem Pfad, gelangt man direkt vor das Portal des Westwerks. Und das ist die eigentliche Sensation, denn sie ist weltweit das einzige noch erhaltene Zeugnis dieses karolingischen Bautyps. Schlicht, doch imposant steht es im Westen der Basilika vor, soll böse Mächte abwehren, die nach mittelalterlichem Verständnis dort hausen, wo die Sonne untergeht. Die Sachsen, die in Holzhütten und Grubenbauten hausten, beeindruckte das steinerne Symbol des Christentums mit seinen hohen Türmen mächtig. Es wurde ihnen von den Benediktinern, die aus dem französischen Corbie über den Hellweg hierher kamen, als Sinnbild für das himmlische Jerusalem verkauft. Was mag sich seit der Klostergründung im Jahr 822 hier alles abgespielt haben? Von Anbeginn nur adligen Klosterbrüdern vorbehalten, dienten Westwerk und anschließende Kirche den Kaisern als Pfalz und war ein Ort, an dem wichtige Entscheidungen getroffen wurden, wo Adlige und Gefolge Station machten. Wo Mönche lebten, sich Missionare einfanden, die von hier über Norddeutschland bis nach Skandinavien vordrangen. Man war reich und bedeutend und zeigte das auch.

Von alter Pracht zeugen die gewölbte Halle mit Säulen und Pfeilern im Erdgeschoss und der Hauptraum im Obergeschoss, an drei Seiten von mächtigen Emporen umgeben. Reste von Stuckfiguren und mythologische Fresken weisen in die Antike – im Johanneschor befindet sich ein Bild, das Odysseus im Kampf mit Skylla zeigt. Ein nackter Jüngling, der auf einem Delphin reitet, Fabeltiere, wie eine Vogelsirene mit langem Haar, erzählten Mythen, über die sicher noch die Pilger staunten, die sich später hier sammelten, um gemeinsam den Jakobsweg zu gehen. Zu dieser Zeit war die Klosterbibliothek schon von hohem Rang, in ihr befanden sich Schriften von Tacitus und Cicero und die sächsischen Gesetze Karls des Großen. Im nicht mehr erhaltenen Scriptorium arbeiteten Mönche, darunter ein gleichnamiger Nachfolger Widukinds, der eine Sachsengeschichte verfasste. Friedliche Zeiten? Mitnichten. Raub, Kriege und Brände vernichteten den größten Teil der Bibliothek und Kunstschätze, Könige entzogen ihre Gunst, Äbte verloren ihre Macht. Das alles kann der Besucher in dem mit dem Westwerk verbundenen Kloster entdecken und nachlesen, aber auch lebendigen Glauben erleben, wenn sonntags in der Abteikirche die Messe gelesen wird. „Umhege, o Herr, diese Stadt, und lass deine Engel die Wächter ihrer Mauern sein“ steht auf dem Grundstein der Kirche, und mit dem Text wird sich der Besucher gern verabschieden und verzeihen, dass auch Schutzengel bisweilen machtlos waren.

Museum Höxter-Corvey, Schloss Corvey, 37671 Höxter, Telefon: 05271/69 40 10. Weitere Informationen unter

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Angelika Hornig

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