Schluss mit Sünde

Huizing fordert neue Reformation
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Das Buch steht zu seiner optimistischen Optik, die sich nicht selbstverliebt der Tragik ergibt.

Im Reformationsjahr mangelt es nicht an Manifesten, deren Botschaft stets lautet: Die Reformation muss weitergehen. Auf den ersten Blick reiht sich auch dieses kleine Buch aus der Feder des dichtenden und denkenden Literaturtheologen Klaas Huizing in dieses Genre ein. Schluss mit Sünde! Warum wir eine neue Reformation brauchen, fordert er keck und steht damit doch ganz im Gegensatz zu vielen anderen Kritikern.

Zentrale Kapitel schicken sich in der Tat an, die Rede von der (Erb-)Sünde als biblisch unhaltbar, da einseitig, und die Reformatoren als in dieser Hinsicht verbiestert darzustellen. Sogar Friedrich Schleiermacher bekommt sein Fett weg, ungewöhnlich für einen liberalen Kulturprotestanten, als den sich Klaas Huizing bezeichnet. Von Karl Barth ganz zu schweigen. Die Opfer dieses Sündendiskurses sind in unseren Breitengraden bis heute vor allem Frauen, Schwule, der eigene Leib als Sensorium unserer Nöte und Bedürfnisse.

Doch trügt der Titel des Buches auch. Denn die eigentliche Botschaft Huizings ist eher ein Plädoyer für ein Umdenken von eingespielten Kategorien und Vorstellungsmustern. Nicht von Sünde und Schuld, wohl aber von Scham und Charakterbildung soll die Rede sein. Jesus wird uns als unüberbotener Weisheitslehrer, ja als göttlicher „Coach“ vorgestellt. Die Phänomene der Gewalt werden nicht verleugnet, das Christentum als Weg zu Gewaltüberwindung durch „reine Gewalt“ ohne Hass aber mit Statusverzicht angemutet.

Überhaupt, das Buch steht zu seiner optimistischen Optik, die sich nicht selbstverliebt der Tragik ergibt. Darin lebt es aus jenem Pathos, das den Reformator Martin Luther einst zu seinem „sola scriptura“ brachte: Reduktion des Traditionsballasts und Rückbesinnung aufs Wesentliche, Konzentration durch und dank Verschlankung.

Dabei erscheint manche Kulturkritik, die sich dabei einstellt, als zu simpel. Aber ihre Provokationen wirken. Das verdankt sich dem pointierten wie gekonnten Schreibstil. Nicht jeder vermag Luther in wenigen Strichen überzeugend zum „Elitenkritiker“ zu stilisieren. Doch birgt jede Zuspitzung die Gefahr der Einseitigkeit. So auch mit Blick auf die Sünde. So sympathisch die Weitungen des Blicks auf andere Phänomene menschlicher Deformation sind, ob man wirklich mit der Sünde Schluss machen kann?

Es bleiben Zweifel. Darüber müsste man in Ruhe mit dem Autor streiten. Schließlich geht es nicht um Scham und nicht nur um Macht, sondern um im Grunde ziemlich „gute Dinge“, die der Versucher Jesu in der Wüste anbietet: um Brot für die Welt und die Herrschaft der Weisheit. Nur steckt der Teufel eben im Detail und die Macht der „Sünde“, sie ist halt zu verführerisch, oft sogar für die Besten.

Christian Polke

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