Der Islam braucht Coco Chanel

Ein Visionär und ein Realist streiten in 95 Thesen, ob der Islam eine Zukunft hat
Hauptthese: „Die Gläubigen sollten endlich zu ,Subjekten ihrer Religion‘ werden.“ Foto: dpa/ Yelena Afonina
Hauptthese: „Die Gläubigen sollten endlich zu ,Subjekten ihrer Religion‘ werden.“ Foto: dpa/ Yelena Afonina
Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik und Hamed Abdel-Samad, ehemaliger Muslimbruder und inzwischen Ex-Muslim, haben eine Streitschrift über den Islam verfasst. Der Berliner Religionswissenschaftler Martin Bauschke stellt sie vor.

Am Anfang war der Dialog. Den Auftakt dieses Buches bildet ein persönlicher Briefwechsel zwischen zwei nahezu gleich alten Protagonisten. Mouhanad Khorchide schlägt Hamed Abdel-Samad vor: „Lassen Sie uns doch im Jahr 2017, in dem die Reformation Luthers ihr 500-jähriges Jubiläum feiert, eine gemeinsame Streitschrift über den Islam verfassen. Wäre es nicht ein spannendes Projekt, anhand von 95 Thesen, die wir gemeinsam erarbeiten, zu zeigen, warum der Islam reformierbar ist – oder eben nicht?“ Abdel-Samad sagt zu. Er streitet gerne und er kennt seinen Mitstreiter. Schon öfters haben die beiden in Rathäusern, Vortragssälen und auch im Fernsehen verbal die Klingen gekreuzt. Abdel-Samad, Sohn eines ägyptischen Imams, ehemaliger Muslimbruder und inzwischen bei der kämpferisch-religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung engagierter Ex-Muslim, genießt als prominentester Islamkritiker derzeit die volle Aufmerksamkeit der Medien. Er tourt durch Deutschland und stellt seinen Bestseller über den Koran und zuvor den über Mohammed (dessen Namen er in völlig unüblicher Weise mit nur einem „m“ in der Mitte schreibt) vor.

Khorchide, palästinensischer Herkunft, in Saudi-Arabien aufgewachsen und lange in Österreich lebend, ist eher einem akademischen Publikum bekannt. Als Professor für islamische Religionspädagogik leitet er seit 2012 das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster, wo er Religionslehrkräfte und Imame ausbildet. Erst durch sein von den hiesigen islamischen Verbänden heftig kritisiertes Buch Islam ist Barmherzigkeit (2012) wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Heute sind beide Protagonisten prominent und zugleich so provokant, dass sie beide zeitweise unter Polizeischutz standen.

So viel Potenzial auf beiden Seiten, das macht Lust auf die Lektüre. Die dialogische Grundhaltung ist die Seele der ganzen Streitschrift. Es ist ein sachliches Gespräch auf Augenhöhe, in Respekt und gegenseitiger Wertschätzung, wie es den beiden auch bei ihren Liveauftritten anzumerken ist. Dass und wie sie, trotz höchst unterschiedlicher Ansichten, miteinander reden, ist an sich schon bemerkenswert. Khorchide wird immer wieder von Muslimen dafür angefeindet, dass er mit dem „Islamhasser und Nestbeschmutzer“ Abdel-Samad überhaupt noch rede. Khorchide hält dagegen, der Koran lasse ja auch alle, Muslime wie Nichtmuslime, zu Wort kommen, sogar den Teufel selbst. Wenn der Koran kein Problem damit habe, auch seinen Kritikern Raum zu geben, so habe er selbst auch kein Problem damit. Außerdem denkt Khorchide pragmatisch: denn durch die Streitgespräche mit Abdel-Samad erreicht er dessen viel breiteres Publikum und erhält dadurch die Chance, diesen ein alternatives Bild des Islam anzubieten. Doch nun zur Streitschrift selbst:

Abdel-Samads und Khorchides 95 Thesen sind in neun relativ gleich lange Teile gegliedert. Sie beginnen mit einer grundsätzlichen Positionsbestimmung und der Debatte um den Koran über primär theologische Fragen zum Gottes- und Menschenbild bis hin zu politisch und gesellschaftlich umstrittenen Themen: die Gewalt, der Dschihad, die Scharia, die Rolle der Frauen, das Kopftuch, Sexualität – die ganze bekannte Palette. Es entwickelt sich ein fast durchweg spannendes Pro und Contra, ein faszinierender Schlagabtausch, der ein bisschen einer Schachpartie ähnelt, mit Zügen und Gegenzügen, oder einem Boxkampf, der den Betrachter in seinen Bann schlägt und bei jedem Hieb die Frage weckt: Kann der andere jetzt noch dagegen halten? Die meisten Thesen sind direkt aufeinander bezogen, Rede und Gegenrede, Suren-Pingpong (Koranzitat gegen Koranzitat) – ein echter Dialog und kein Monolog wie damals Luthers Thesen. Für unvoreingenommene Leser und Leserinnen, die sich noch kein (abschließendes) Urteil über die Reformierbarkeit des Islams gebildet haben, ist dieser Diskurs ein permanentes Wechselbad der Gefühle. Fast jeder neuen These ist man geneigt, zuzustimmen – und liest dann die folgende Antithese, der sich ebenfalls einiges abgewinnen lässt. Es ist, als ob Herz und Verstand ständig miteinander rängen. Keiner der beiden hat völlig Recht oder völlig Unrecht – die Wahrheit scheint entweder auf beiden Seiten zugleich oder in einer undefinierbaren Mitte zu liegen.

Suren-Pingpong

Abdel-Samad verkörpert die nüchterne Stimme der Vernunft, Khorchide eher das visionäre Sprachrohr des Herzens und der Spiritualität. Einig sind sich beide darin, dass der Islam dringend reformiert werden müsse. Doch während Abdel-Samad, der Pessimist, der Skeptiker oder vielleicht auch nur der größere Realist, den Islam für prinzipiell „nicht reformierbar“ hält, wie er schon vorab im Briefwechsel erklärt hat, ist der Apologet, Optimist oder womöglich auch nur größere Idealist, Khorchide, anderer Meinung. Seine Hauptthese, die er gleichfalls bereits vorab im Briefwechsel äußerte, lautet, dass die Rettung des Islam nur durch eine Emanzipation von unten möglich wäre. Die Gläubigen sollten endlich zu „Subjekten ihrer Religion“ werden: „Es geht um Selbstermächtigung und um ein Ende der Bevormundung durch religiöse Instanzen und islamische Politiker. Mit anderen Worten: Jeder Muslim/jede Muslima sollte ein Luther sein beziehungsweise oder werden.“

Man fragt sich natürlich, welcher Islam denn überhaupt reformiert werden sollte? Gemeint ist nicht nur dessen fanatische Lesart seitens der Salafisten, sondern primär der legalistische Mainstream-Islam der orthodoxen Muslime, welche beide die Religion auf ein Regelwerk von Geboten und Verboten und so „auf eine juristische Dimension reduzieren und den Islam damit seines spirituellen Kerns berauben“ (These 37, Khorchide). Es sei falsch, Gott als autoritären Herrscher im Himmel und den Menschen als gehorsamen Befehlsempfänger zu verstehen. Khorchides Credo religiöser Mündigkeit lautet vielmehr: „Ich glaube an einen Gott, der an mich glaubt und mir vertraut und deshalb kein Problem damit hat, mir das Ruder in die Hand zu geben. Fundamentalisten hingegen glauben nicht an den Menschen, sie glauben an einen Gott, der ebenfalls nicht an den Menschen glaubt“ (These 16). Das reformatorische Kriterium lautete bei Luther damals „was Christum treibet“. Bei Khorchide ist es die Barmherzigkeit, geht es nun um die Koranauslegung, das Islamverständnis oder die Prophetenbiographie: „Wird Barmherzigkeit zum Maßstab genommen, der über allem steht, können menschenfeindliche Positionen nicht mehr aus dem Koran abgeleitet und legitimiert werden“ (Thesen 12/44). Für ihn ist der Mensch daher ein „Medium der Verwirklichung göttlicher Liebe und Barmherzigkeit“ (These 39).

Angst und Bevormundung

Für Abdel-Samad, der „Fundamentalkritik am Islam“ üben kann, da er „niemandem gefallen muss“ (These 7), klingt das zwar nett, verfehlt aber die Realität des gelebten Islam. Da spreche allein schon die Sure 9 eine ganz andere Sprache, denn sie sei „ein Manifest des Hasses und der Gewalt“ (Thesen 15/22) gegen alle Nichtmuslime, auf die sich radikale Muslime aller Zeiten berufen würden. Dabei folgten sie nur dem Propheten, ihrem Vorbild. Eine wirkliche Reform des Islam könne es daher nur dann geben, wenn man den Propheten endgültig begrabe und den Koran nicht als Gottes Wort bewerte, sondern „als Ergebnis verschiedener taktischer Manöver des Propheten, um seine Macht zu sichern“ (These 24).

Abdel-Samad ist einverstanden damit, Mohammed nicht mit den heutigen Maßstäben zu beurteilen, doch im Gegenzug dazu solle er dann auch unser Leben heute weder beurteilen noch bestimmen (These 45). Da sei das christliche Gottesbild dem gängigen islamischen, das Angst und Bevormundung erzeuge, weit überlegen (These 26). Letztlich brauche der Islam freilich keinen Luther, sondern „einen Erasmus von Rotterdam und einen Moses Mendelssohn, die eine Bildungsrevolution herbeiführen. Der Islam braucht eine Coco Chanel, die durch Kreativität und Eigensinn die französische Frau im wahrsten Sinne „aus dem Korsett befreite“, sowie „eine Monty-Python-Truppe, die durch Humor und Satire die veralteten Denkstrukturen aufbricht und den Massen die Angst vor den Legenden und dem Höllenfeuer nimmt“ (These 9). Das zentrale Credo Abdel-Samads aber ist die religionskritische These, dass Gott eine Projektion des Menschen, mithin dass Allah und sein Wort Produkte Mohammeds und seiner Machtpolitik seien (Thesen 30/40). Auf diese Fundamentalkritik geht Khorchide nicht ein. So ist für mich am Ende Abdel-Samad quasi der Sieger nach Punkten, doch mein Herz wünschte, Khorchides Vision hätte mehr Aussicht auf Erfolg. Am Ende siegt aber auch die Kultur des Dialogs. Ein weiterer Briefwechsel beschließt das Buch, in dem Abdel-Samad verspricht, auf Islamkritik zu verzichten, sollte sich Khorchides Theologie der Barmherzigkeit unter Muslimen durchsetzen. Dafür aber müsste Khorchide mit seinen wahren Kontrahenten reden, und vor allem sie mit ihm: den konservativen Männern in den Vorständen der Moscheegemeinden und islamischen Verbände. Dann ginge es tatsächlich zur Sache wie seinerzeit bei Luther auf dem Reichstag zu Worms. Vielleicht ist man ja 2021 soweit.

Hamed Abdel-Samad/Mouhanad Khorchide: Ist der Islam noch zu retten? Eine Streitschrift in 95 Thesen, Droemer Verlag, München 2017, 304 Seiten, Euro 19,99.

Martin Bauschke

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