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Christliche Zeitungen und Sender prägen die niederländische Medienlandschaft
An jedem Kiosk zu finden: Die Trouw.  Foto: dpa/ Daniel Reinhardt
In Deutschland sind niederländische Medien vor allem als Lieferanten für Reality-Formate wie „Big Brother“ bekannt. Doch die Verlagsbranche ist noch immer durch konfessionell orientierte Zeitungen und Sender geprägt. Sie stoßen in der stark säkularisierten Gesellschaft auf großes Interesse. Der Journalist Rainer Clos gibt einen Überblick.

In den Niederlanden finden bis zum heutigen Tag religiös-christlich geprägte Tageszeitungen und Rundfunkgesellschaften ein beachtliches Interesse bei Lesern und Zuschauern. Dabei gelten die Niederlande in Westeuropa als eines der Länder, in denen die Säkularisierung am weitesten fortgeschritten ist. Einige dieser Medien entstammen den weltanschaulichen „Säulen“, die bis in die Sechzigerjahre die niederländische Gesellschaft und Kultur entlang religiöser und sozialökonomischer Linien kennzeichneten. Die Zugehörigkeit zur orthodox-protestantischen, katholischen, sozialistischen oder liberalen Säule war gleichbedeutend damit, dass man für die entsprechende Partei stimmte, die entsprechenden Kindergärten, Schulen und Universitäten besuchte, Gewerkschaften, Freizeitorganisationen und Gesangvereinen angehörte, beim entsprechenden Bäcker einkaufte, Mitglied in den entsprechenden Rundfunkvereinigungen war und die entsprechende Tageszeitung las. Bis heute sind Reste der Versäulung auszumachen im Bildungsbereich mit einem hohen Anteil christlicher Schulen, im Parteienspektrum mit stabilen kleinen christlichen Parteien – und eben auch in der Medienlandschaft.

Die Anfänge der Tageszeitung Trouw (Treue), die im Februar 75 Jahre alt wird, liegen in der Illegalität. Entstand sie doch im Widerstand gegen die Besetzung der Niederlande durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Die erste Ausgabe erschien Anfang Februar 1943 als Oranje-Bode. Und trotz bedrückender Besatzungserfahrung jubelte die Schlagzeile: „Holland wächst wieder! Holland blüht wieder!“ Anlass für diese zuversichtliche Botschaft war Nachwuchs im Königshaus, denn im kanadischen Exil war am 19. Januar 1943 Prinzessin Margriet von den Niederlanden geboren, und auf seinen vier Seiten widmet sich das Blatt ausschließlich diesem freudigen Ereignis. Beschlossen wurde die Gründung der Widerstandszeitung mit dem Titel Trouw am 30. Januar 1943. In der Klapheklaan 14 in Aerdenhout, zwischen Haarlem und Zandvoort gelegen, versammelten sich bei der Juristin Gezina van der Molen mehrere Widerstandskämpfer aus dem orthodox-reformierten Milieu, darunter Führungsleute der verbotenen Anti-Revolutionären Partei (ARP). Sie wollten eine christlich geprägte Alternative zu der Widerstandszeitung Vrij Nederland, nachdem es zu Spannungen über deren Kurs gekommen war. Zwei Wochen später erschien das neue Blatt. Am Zeitungskopf war Trouw eingerahmt von einer Krone, einem Porträt von Königin Wilhelmina, einer aufgehenden Sonne und einer Kette mit den Worten „Gott sei mit uns“.

Für ihren Widerstand, den sie mit der Treue zu Gott, dem Vaterland und der Königin begründete, hat die Untergrundzeitung erhebliche Opfer gebracht. Insgesamt 130 Menschen, die für die illegale Verbreitung von Trouw sorgten, kamen ums Leben. Allein im August 1944 wurden 23 Mitarbeiter hingerichtet. Rund 40 Ausgaben von Trouw erschienen bis zur Befreiung der Niederlande im Mai 1945. Die überregionale Ausgabe, die alle drei Wochen verteilt wurde, erreichte im letzten Winter vor Kriegsende eine Auflage von 145?000, wie der Historiker Peter Bak in seiner Studie „Harde koppen, rechte Lijnen“ – zu deutsch: „Harte Köpfe, gerade Linien“ von 1993 festhält.

Nach dem Ende der Besetzung ging die im Widerstand genährte Hoffnung, aus Trouw eine konfessionsübergreifende Zeitung zu machen, nicht in Erfüllung. Bis Anfang Sechzigerjahre blieb die Tageszeitung das Sprachrohr der Reformierten Kirche und der mit ihr assoziierten ARP. Damit trat sie die Nachfolge der auf den reformierten Bevölkerungsteil gerichteten Tageszeitung De Standaard an, die trotz ihrer neutralen Position während der Besetzung 1944 verboten worden war.

Begründet hatte den Standaard 1872 Abraham Kuyper (1837–1920). Der niederländische Theologe, Kirchengründer, Politiker und Staatsmann war maßgeblicher Geburtshelfer einer orthodox-reformierten Strömung, die sich 1886 mit der „Doleantie“ (Klageschrift) von der Niederländisch Reformierten Kirche (NHK) lossagte. Resultat war die orthodoxe Reformierte Kirche. Neben der Partei ARP gründete er entsprechend der neocalvinistischen Auffassung von „Souveränität in eigener Sphäre“ die Vrije Universiteit Amsterdam (1880). Die konservative ARP, die Kuyper als „Partei der kleinen Leute“ etabliert hatte, und zwei weitere konfessionelle Parteien, darunter die Katholieke Volkspartij (KVP) fusionierten 1980 zum Christlich-Demokratischen Appell (CDA).

Wie schon Kuyper den Standard so nutzte auch der ARP-Politiker Sieuwert Bruins Slot (1906–1972), der zum Gründerzirkel von Trouw 1943 gehörte, die Zeitung in der Nachkriegszeit als politisches Podium. Bruins Slot war bis 1971 Chefredakteur der Trouw, für die ARP saß er von 1946 bis 1963 im Parlament, seit 1956 als Fraktionsvorsitzender. Als Sprachrohr der protestantischen Säule führte Trouw in der Nachkriegszeit einen „ideologischen Kreuzzug“ gegen Bestrebungen, mit einer progressiven Partei, die Protestanten, Katholiken, Sozialdemokraten und Liberale vereint, die weltanschauliche Versäulung des Landes zu durchbrechen. Als Feindbild diente vor allem die sozialdemokratische Partei der Arbeit (PvdA), der Nihilismus, Staatsabsolutismus und die Preisgabe der ostindischen Kolonien angekreidet wurde, schreibt Peter Bak in seiner Doktorarbeit über Bruins Slot.

Aus dem engen konfessionell-politischen Korsett löste sich Trouw sukzessive, als unter dem Einfluss der Modernisierung der Niederlande und der gesellschaftlichen Umbrüche der Sechzigerjahre die Erosion der weltanschaulichen Versäulung der Gesellschaft einsetzte. Diese Öffnung markierte etwa Bruins Slot, als er 1961 auf Distanz zu seiner Partei ging und Verhandlungen zur Übergabe von Niederländisch-Neuguinea an Indonesien befürwortete. Mit der Verurteilung der Apartheidpolitik in Südafrika und der Gegnerschaft zum Vietnamkrieg bezog Trouw zudem politische Positionen, die in der orthodox-reformierten Leserschaft keineswegs geteilt wurden.

Doch der Preis für die Emanzipation vom konservativen Protestantismus waren in den Siebzigerjahren sinkende Auflagen, verstärkt durch den Aufstieg von Rundfunk und Fernsehen. Abhilfe sollte neben der Ausweitung des Themenspektrums die Fusion von Trouw mit vier regionalen südholländischen Zeitungen schaffen. Doch diese so genannten Quartettblätter blieben im protestantisch-orthodoxen Fahrwasser, während Trouw in den Ressorts Kirche, Kultur und Sport weniger hermetisch war. 1975 schloss sich Trouw der Perscombinate an, einem Gemeinschaftsunternehmen, indem auch die Blätter Volkskrant und Het Parool erschienen.

Blick geweitet

Anfang 1999 wurde die Trouw, die sich damals nicht mehr als christliche Zeitung verstand, einem grundlegenden Relaunch unterzogen. Neben dem ersten Buch, das aktueller Berichterstattung vorbehalten ist, gibt es nunmehr täglich ein zweites Produkt unter der Überschrift „Vertiefung“ mit Hintergrund, Analysen und Meinung. Dorthin wanderte auch die „Kirchenseite“, die fortan den Titel „Religion & Philosophie“ führt und der thematischen Öffnung für andere Weltanschauungen mehr Rechnung trägt. Weitere Schwerpunkte sind Gesundheit und Bildung, sowie Themen aus Ökologie und Umweltschutz. Weitere Neuerungen griffen 2012 Platz: Neben den ersten beiden Büchern umfasst Trouw jeden Samstag die Magazine „Tijd“ (Zeit) und „Letter&Geest“ (Brief und Geist). Über die Identität der Zeitung wacht noch stets die „Stiftung zur Förderung der christlichen Presse“. Doch dieses Gremium, dem etwa prominente Christdemokraten wie Ex-Regierungschef Jan-Pieter Balkenende und der frühere Parlamentspräsident Wim Deetman angehörten, tritt nur bei der Berufung eines Chefredakteurs in Erscheinung.

Früher als Trouw, deren Auflage bei knapp 90?000 liegt, kappte die Tageszeitung Volkskrant, die 1919 als Wochenblatt der katholischen Arbeiterbewegung entstand, ihre Verbindung zur katholischen Säule. Bereits 1965 verzichtete das Blatt auf den Untertitel „Katholiek Dagblad voor Nederland“ und zielte mit einem linksprogressiven Kurs auf die höher gebildete Schichten.

Die wenig erfolgreiche Fusion von Trouw mit den südholländischen Quartettblättern kam dem 1971 gegründeten Reformatorisch Dagblad zugute. Bot es doch fortan strenggläubigen Calvinisten, die mit dem progressiv-liberalen Profil von Trouw haderten, eine neue Heimat. In der Zeitungslandschaft der Niederlande formt das Reformatorisch Dagblad eine ganz eigene Stimme. Wie die holländische Elftal gespielt oder wer die Tour de France gewonnen hat, erfährt der Dagblad-Leser nicht. Denn Sport kommt darin ebenso wenig vor wie Kino oder Film. Umso mehr findet man kirchlich-religiöse und theologische Beiträge in der Zeitung, die solidarisch zu Israel hält.

Zielgruppe sind die „bevindelijk Gereformeerden“ (pietistische Richtung im reformatorischen Protestantismus) mit mehr als einer halben Million Anhängern in verschiedenen orthodox-protestantischen kirchlichen Gemeinschaften, den so genannten Schwarzstrumpf-Kirchen, wie der Historiker Christoph van den Belt erläutert, der zu den konfessionellen Zeitungen forscht. So ist auch die Leserschaft vor allem im so genannten Bibelgürtel zu finden, der sich von Zeeland im Süden bis nach Overijssel im Nordosten der Niederlande erstreckt. Just in diesem Landstrich findet auch die orthodox-reformierte „Staatkundig Gereformeerde Partij“ (SGP) ihre Wähler.

Herausgeber der überregionalen Abendzeitung mit Sitz in Apeldoorn ist die Erdee Media Groep, ein unabhängiges Medienunternehmen, das sich auf die Bibel und die reformatorischen Grundartikel beruft. Von anfänglich 16?000 kletterte die Auflage in drei Jahrzehnten kontinuierlich auf 58?000. Parallel zum generellen Trend sinkender Auflagen im niederländischen Zeitungsmarkt verzeichnete auch das Reformatorisch Dagblad im vergangenen Jahrzehnt einen Rückgang auf aktuell 45?000 Abonnenten.

Deftig protestantisch

Offener als das Reformatorisch Dagblad präsentiert sich das Nederlands Dagblad. Die Morgenzeitung mit 25?000 Abonnenten stehe zu ihrer orthodox-reformierten Tradition, richte sich inzwischen jedoch an die gesamte Breite der christlichen Kirche, „protestantisch, evangelikal und römisch-katholisch“, versichert Chefredakteur Sjirk Kuiper. Auch wenn das Blatt noch immer als „deftig protestantisch“ gilt, führt es als Untertitel „christlich engagiert“ – wohl auch mit der Überlegung, Leser aus evangelikalen Freikirchen zu gewinnen.

Das Nederlands Dagblad, das seinen Sitz im Herbst von Baarneveld nach Amersfoort verlegt, steht in der Tradition von Kuypers Neocalvinismus. Es wurde 1944 gegründet, als sich im Streit über das Taufverständnis in der Reformierten Kirche ein Flügel abspaltete und seither als Geformeerd vrijgemaakt firmiert. Unter dem Titel Gereformeerd Gezinsblad (Reformierte Familienzeitung) erschien das Blatt zunächst mehrmals wöchentlich, seit 1968 als Nederlands Dagblad täglich.

Seit 2016 arbeitet die Zeitung mit dem Evangelische Omroep (EO) zusammen, um sich als christliche Medien wechselseitig zu stärken, wie Kuijper sagt. Konkret mündete die Kooperation in Dag6, eine Kombination aus einer News-App und einer Wochenendzeitung, die sich speziell an Christen unter 45 richtet. Unter den Dagblad-Lesern, die im Durchschnitt 60 Jahre sind, ist diese Altersgruppe bislang unterrepräsentiert. Der Evangelische Omroep wurde vor 50 Jahren gegründet und hat sich aus kleinsten Anfängen zur Nummer vier unter den öffentlich-rechtlichen Sendern entwickelt. Nach jüngsten Erhebungen zählt der evangelikal orientierte EO 440?000 Mitglieder,

Mit einem Alleinstellungsmerkmal hebt sich das Reformatorisch Dagblad von den anderen Zeitungen ab. Die Webseite des Blattes verzichtet am Sonntag auf Nachrichten: Der Sonntag sei ein Ruhetag, ein Auftrag Gottes und ein Geschenk, über das man dankbar sein dürfe. „Aus diesem Grund aktualisieren wir unsere Seite heute nicht“, lässt das RefDag die Netzgemeinde wissen.

Rainer Clos

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