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Über Inklusion
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Eine Sammlung von konzis formulierten Aufsätzen qualifizierter Autorinnen.

Mehr als zehn Jahre nach der Annahme der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) von 2006 analysiert das Buch die Umsetzung in sozialen und diakonischen Handlungsfeldern und formuliert Impulse und Perspektiven. Im kritischen Gespräch der Sozialwissenschaften, der Ethik, der Heilpädagogik, der Diakonie und Theologie entfaltet sie den Begriff der Inklusion.

Das Buch tut dies mit einer Sammlung von konzis formulierten Aufsätzen qualifizierter Autorinnen, die sich an einer differenzierenden Reflexion im Blick auf die Praxis orientieren. Das macht die Lektüre für die kritisch ihre Arbeit reflektierende Leserin faszinierend. Der thematische Spannungsbogen reicht von den Bestimmungen der BRK bis zur Analyse von Stellvertretung und Zwang aus der Betroffenenperspektive.

Der Ausgangspunkt des ersten Teiles ist die Darstellung des mit der BRK vollzogenen menschenrechtlichen Paradigmenwechsels durch Theresia Degener. „Das soziale Modell von Behinderung sieht das Hauptproblem in gesellschaftlichen Barrieren und Diskriminierungen. Behinderung wird nicht in erster Linie als medizinisch ontologisch zu begreifendes Phänomen, sondern als soziales Konstrukt verstanden, das aus der Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Erwartungshaltungen und individuellen leiblichen, intellektuellen und psychischen Bedingungen entsteht.“

Die praktische Folgerung ist die menschenrechtliche Verankerung der Selbstbestimmung, des Empowerments, der Partizipation und der Barrierefreiheit. Es geht darum, den Zugang zur Teilhabe zu ermöglichen, etwa mit der persönlichen Assistenz. Pointiert: „Segregation und Zwang stehen a priori unter dem Verdacht der Menschenrechtsverletzung.“

Die historische Forschung zur Geschichte von disability steht noch am Anfang. Für eine angemessene Einordnung der heutigen Abwehrreaktionen und Missverständnisse auf die Forderung der Inklusion kommt man nicht umhin, zumindest eine historische Skizze vor Augen zu haben. Diese Aufgabe erfüllt der Beitrag von Gerhard K. Schäfer. Vor allem seine Zusammenfassung der Entwicklungen im Mittelalter ist sehr gut gelungen, die Darstellung der Neuzeit beschränkt sich auf Luther, die Entstehung der caritativen Institutionen im 19. Jahrhundert, die Folgen der Eugenik im 20. Jahrhundert und die Tendenzen nach 1945. Entscheidende heilpädagogische Durchbrüche in der Aufklärung in England und Frankreich und in der Zeit des Pietismus bleiben wohl auf Grund der Kürze unberücksichtigt.

Aus theologischer Perspektive zeigt Klaus Eberl das Korrektiv, das eine Reflexion zur Inklusion bedeutet: „Die theologische Profilierung erweist sich als kritisches Korrektiv einer in der herkömmlichen diakonisch-sozialen Arbeit verbreiteten Tendenz, die behinderte Menschen auf ihre Hilfsbedürftigkeit reduziert.“

Heinrich Greving und Petr Ondracek entfalten aus heilpädagogischer Perspektive, dass die Implementierung von Inklusion komplex ist, nicht nur im Blick auf die Professionalität der HeilpädagogInnen, sondern auch auf die Vernetzung der heilpädagogischen Handlungsfelder. Das häufige Zögern und der schwache Umsetzungswille sind aufgrund der Belastung der Berufsleute gut verständlich. „Allerdings wird irgendwann der politisch-gesellschaftliche Druck so stark, dass den Institutionen und Organisationen nichts anderes übrig bleibt, als sich von der spezialisierten Sonderwelt zu einem Inklusion fördernden Bestandteil der allgemeinen Lebenswelt zu entwickeln.“

Diese Wandlung wird als eine kontinuierliche Herausforderung verstanden, Heilpädagogik nicht als methodischen Werkzeugkoffer zu verstehen, sondern als konstruktiv-analytischen Zugang zur Teilhabeförderung und dem Aufbau dezentraler Unterstützungsfelder. Der Begriff der Intersektionalität, eingeführt von Hildegard Mogge-Grotjahn, weist auf, dass wir im Blick auf soziale Ungleichheiten aus den gendertheoretischen Annahmen einiges lernen können.

Der zweite Teil des Buches zu „Handlungsfeldern und Praxisimpulsen“ untersucht die inklusive Frühpädagogik, die Reform der Erziehungshilfe, Arbeit, Wohnen und Leben als Erwachsene und im Alter, das ehrenamtliche Engagement, die Rolle der Kunst und das schwierige Verhältnis von Selbstbestimmung und rechtlicher Betreuung. Dabei sind die Aufsätze voller spannender Überraschungen. Ein Beispiel inkludierenden Engagements: In der Bahnhofsmission Essen engagieren sich freiwillig jeweils Menschen mit und ohne Behinderung im Tandem.

Aus diesem dialogischen Ansatz entwickeln sich Beziehungen und Freundschaften, Potenziale entfalten sich gegenseitig in der Beziehung, ehrenamtliche Arbeit wird inkludierender Impuls. Wer sich zum Menschenrecht Inklusion eine eigene Meinung bilden will, dem bleibt nur zu sagen: Lesen!

Bernhard Joss-Dubach

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