„Wie Hunde aus dem Kloster getragen“

Einige Nonnen wollten auch nach der Reformation in ihren Konventen bleiben
Caritas Pirckheimer (1467–1532), Äbtissin in Nürnberg. Foto: creativecommons/ metmuseum.org
Caritas Pirckheimer (1467–1532), Äbtissin in Nürnberg. Foto: creativecommons/ metmuseum.org
Nachdem Nürnberg und Genf evangelisch geworden waren, sollten die Klöster aufgelöst werden. Aber Klarissinnen leisteten Widerstand. Die einen hatten Erfolg, die anderen nicht, wie Sonja Domröse, Pastorin in Stade, berichtet.

Katharina von Bora, Elisabeth Cruciger, Ursula von Münsterberg, Florentina von Oberweimar: Sie alle taten es. Sie flohen aus ihrem Kloster. Aber es gab nicht wenige Frauen, die vor 500 Jahren in ihren Klöstern bleiben wollten. Freiwillig. Und sich gegen jede Art von Zwang, evangelisch zu werden, erfinderisch, klug und aufsässig wehrten. Frauenklöster waren in vielen Regionen Widerstandsnester. Und das mit gutem Grund.

Denn außer einer Heirat gab es für ehemalige Nonnen kaum Alternativen. Ehemalige Mönche lernten nach dem Klosteraustritt ein Handwerk oder schulten sozusagen um, indem sie evangelische Prediger wurden. Nonnen hatten im Kloster zwar Armenfürsorge und Krankenpflege gelernt, auch Spinnen und Weben, einfache Schreiber- und Notariatstätigkeiten. Aber die Krankenpflege war zu schlecht bezahlt, als dass eine ehemalige Nonne davon hätte leben können. Webereien und Spinnereien unterlagen der Kontrolle der Zünfte, die Armenfürsorge regelte zunehmend der Rat einer Stadt, und eine städtische Anstellung als Notarin blieb Frauen verwehrt. Mit viel Beharrlichkeit und der stetigen Intervention der Wittenberger Reformatoren schaffte es immerhin Magdalena von Staupitz – auch sie ehemalige Nonne, sich einen eigenen Broterwerb als Leiterin einer Mädchenschule zu sichern.

So verwundert es nicht, dass Ordensfrauen oft darum kämpften, ihre Gemeinschaft weiblicher Spiritualität weiter leben zu können. Die Lebensgeschichten und eigenen Aufzeichnungen zweier Ordensfrauen stehen exemplarisch für diese Seite weiblichen Widerstands. Eine von ihnen ist Caritas Pirckheimer (1467–1532), Äbtissin des Nürnberger Klarissenklosters. Geboren im März 1467, wuchs sie in einer Familie auf, die Wert auf Bildung legte. Ihre Eltern ließen auch ihre Töchter im Geiste des Humanismus unterrichten. Dazu gehörte vor allem, des Lateinischen mächtig zu sein, um die antiken Schriften, die Werke der Kirchenväter und die biblischen Schriften lesen zu können. Nicht nur Caritas wurde Nonne, auch sechs ihrer Schwestern wählten dieses Lebensmodell. Ihr drei Jahre jüngerer Bruder Willibald setzte die Familientradition fort und machte sich einen Namen als Jurist und Berater, aber auch als Freund Albrecht Dürers und Briefpartner vieler Gelehrter.

Diplomatisches Agieren

1524 ist das Schicksalsjahr der Nürnberger Klarissen, denn die Reichsstadt sollte eine der ersten Orte sein, deren Ratsversammlung die Einführung der Reformation beschloss. So wird im März des Jahres 1525 allen Mönchen untersagt, in den Nonnenklöstern der Stadt zu predigen und die Beichte abzunehmen. Über 100 Predigten müssen sich die Ordensschwestern bis zum Herbst, gegen ihren Willen, von evangelischen Predigern anhören. Das Klara-Kloster aber leistet Widerstand gegen die Neuerungen. So läutet weit und breit allein in der Kirche der Klarissen noch die Glocke zu den Stundengebeten, denn Caritas und ihre Schwestern beten weiterhin – trotz des Verbotes durch den Rat – die Stundengebete und die Messe.

Von diesen konfliktträchtigen Ereignissen, ihren eigenen theologischen Überzeugungen, ihrem diplomatischen Agieren und dem seelsorgerlichen Handeln berichtet Caritas Pirckheimer in ihren „Denkwürdigkeiten“. Die Aufzeichnungen beginnen im Jahr 1524. Vier Jahre lang hält sie in dieser Chronik fest, welche Bittschriften sie verfasste, mit wem sie verhandelte, wie sie kämpfte, ihr Netzwerk aktivierte, die Klosterschwestern immer wieder tröstete und selbst mit Philipp Melanchthon ein langes Gespräch über die Konflikte rund um das St. Klara-Kloster führte.

Sie weiß, „dass durch die Werke allein kein Mensch, wie der heilige Paulus sagt, gerechtfertigt werden kann, sondern durch den Glauben unseres Herrn Jesu Christi … Wir wissen aber herwiederum auch, dass ein rechter wahrer Glaube nicht ohne gute Werke sein kann, als wenig als ein guter Baum ohne gute Frucht, dass auch Gott einem jeglichen Menschen nach seinem Verdienst lohnen wird und, so wir vor dem Gericht Christi erscheinen werden, dass jeder nach seinen Werken, sie seien gut oder böse empfangen wird.“

Die Konflikte rund um das Kloster eskalieren, als die erste Mutter verlangt, ihre Tochter solle das Kloster verlassen. Dabei hatten alle Schwestern einmütig beschlossen, im Kloster zu bleiben und dies mit ihrer je eigenen Unterschrift besiegelt. Zum öffentlichen Eklat kommt es, als drei Klarissen gewaltsam von ihren Müttern an Fronleichnam aus dem Kloster geholt werden. So beschreibt Caritas Pirckheimer die Szene:

„Da fielen sie all 3 auf das Erdreich und schrien, weinten und heulten und hatten solch klägliche Gebärden, es möchte Gott im Himmel erbarmen. Sie wären gern geflohen und hätten sich verborgen, aber das wollte ich ihnen nicht gestatten, denn wir hatten Sorge, man würde mit Gewalt ins Kloster hereinlaufen und sie an allen Orten suchen und das Unglück noch größer werden.“ Wie Hunde werden die jungen Frauen aus dem Kloster getragen, jeweils von vier Männern. In ihrer Not wendet sich Caritas Pirckheimer daraufhin an ihren Bruder Willibald, der wiederum Kontakt aufnimmt zu Philipp Melanchthon. Auf einer Reise nach Nürnberg kommt es zu einem langen Gespräch zwischen der Nonne und dem Wittenberger Reformator. Die Äbtissin berichtet, Melanchthon habe viele Dinge über die neue Lehre gesagt, „aber da er höret, dass wir unseren Grund auf die Gnade Gottes und nicht auf unser eigenes Werk setzen, sprach er, wir möchten eben als wohl im Kloster selig werden als in der Welt, wenn wir allein nicht hielten auf unsere Gelübde“.

Nur in einem Punkt waren die beiden uneinig: Caritas vertritt die Überzeugung, ein Gott gegebenes Gelübde dürfe nicht gebrochen werden, Melanchthon argumentiert: Klostergelübde seien nicht biblisch und könnten daher zurückgenommen werden. Sie schieden aber in „guter Freundschaft“. Melanchthon interveniert beim Rat und macht deutlich, dass auch die Eltern es nicht verantworten könnten, ihre Töchter gegen deren Willen aus den Klöstern zu holen. In Wittenberg habe man auch keine Klöster zerstört. Der Rat ist daraufhin kompromissbereit: Die Nonnen dürfen in ihrem Kloster bleiben, aber altgläubigen Priestern ist der Zutritt verwehrt, und Novizinnen werden nicht mehr aufgenommen. So stirbt die Klostergemeinschaft langsam aus.

Einen ähnlichen Kampf bestritt zu dieser Zeit eine zweite Ordensschwester: Jeanne de Jussie, Nonne des Klarissenklosters in Genf. Viel ist über die Lebensgeschichte dieser Zeitzeugin der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen nicht überliefert. Dafür tritt sie uns umso lebhafter in ihrer „Kleinen Chronik – Bericht einer Nonne über die Anfänge der Reformation in Genf“ entgegen. Mit dem Jahr 1526 lässt Jeanne ihre Aufzeichnungen beginnen, am Ende ihres Geschichtswerkes steht mit dem Jahr 1535 der Auszug der Nonnen aus Genf und die Einführung der Reformation in der Stadt, die wenige Jahre später durch das Wirken von Johannes Calvin zum „protestantischen Rom“ aufsteigen soll.

Kein Zutritt für Altgläubige

Eindringlich beschreibt sie, wie die ersten Klöster in Flammen aufgehen und die Klarissen den Widerschein von Feuer beobachten. Verängstigt wenden sie sich an den Stadtrat.

„Wir bitten euch in großer Demut auf der Erde niedergestreckt, auf den Knien, mit gefalteten Händen zu Ehren unseres Herrn und seines schmerzhaften Leiden, seiner jungfräulichen Mutter, des heiligen Herrn Petrus, des heiligen Herrn Franziskus, der heiligen Frau Klara und aller Heiligen des Paradieses, daß es Euch gefallen möge, uns in Eurer Obhut und Protektion zu erhalten, damit diese Feinde Gottes uns keine Gewalt und Belästigung antun können. Denn auf gar keine Weise wollen wir irgend eine Neuerung des Glaubens oder der Lebensordnung, auch wollen wir nicht vom Gottesdienst abweichen, sondern wir sind entschlossen, in unserer heiligen Berufung zu leben und zu sterben hier in Eurem Konvent … oder wenn nicht, dann möge es Euer Wohlgefallen sein, uns zu erlauben, aus unserem Konvent und Eurer Stadt hinauszuziehen, unter Wahrung unserer persönlichen Unversehrtheit.“

Bereits in diesem ersten Brief an die Stadtoberen machen die Nonnen deutlich, dass es nur zwei Möglichkeiten für sie gibt: Entweder können sie ungehindert ohne Zwang ihr Klosterleben fortführen, oder sie dürfen unter dem Schutz der Obrigkeit die Stadt verlassen, um ins Exil zu gehen. Die Entschlossenheit der Frauen wird deutlich, als Schweizer Truppen die Stadt besetzt haben und in keiner Kirche mehr die katholische Messe gelesen werden darf. Mit einer Ausnahme: dem Konvent der Klarissen.

Auch wenn die Klosterfrauen weiterhin den Gottesdienst nach römisch-katholischem Ritus feiern dürfen, müssen sie trotzdem hinnehmen, dass 35 Soldaten in ihrem Konvent einquartiert werden. Diese militärische Präsenz bietet aber keinen ausreichenden Schutz vor Betrunkenen, die nachts in das Kloster eindringen und die Frauen vergewaltigen wollen. Die im Gebäude einquartierten Söldner sehen sich nicht in der Lage, die Nonnen zu schützen. „Liebe Damen, möge Gott Euch stärken und bewahren als seine Mägde, denn wir können Euch nicht beschützen, wenn sie Euch schaden wollen“, erhalten die Nonnen zur Antwort.

Jeanne sieht mit klarem Blick die Verfehlungen der katholischen Geistlichen: „Es ist wohl wahr, daß die Prälaten und die Geistlichkeit zu dieser Zeit sich nicht an ihre Gelübde und ihren Stand hielten, sondern sich zügellos an den Gütern der Kirche belustigten, indem sie sich Frauen und Kinder in Wollust und Ehebruch hielten.“

Im April 1535 spitzt sich die Lage rund um das Kloster dramatisch zu. Der evangelische Prediger Guillaume Farel predigt von der Kanzel herab, die Klarissen müssten zu ihrer eigenen Seelenrettung aus dem Kloster gebracht werden, denn sie würden nichts als Hurerei und Heuchelei betreiben. Deshalb sollten die Nonnen – auch gegen ihren Widerstand – aus dem Konvent geholt und verheiratet werden. Dies sei das Gebot Gottes.

In der Folge fliegen die ersten Steine über die Klostermauern und einige Schwestern werden verletzt. Als Farel gegen den Willen der Nonnen in ihrer Kirche predigt, verschließen sie ihre Ohren mit Wachs, spucken vor ihm aus und versuchen, ihn niederzuschreien. Wenige Wochen später wird die Klausur der Klarissen gewaltsam geöffnet. Die Kirche und das Kloster mit seiner Ausstattung werden vor den Augen der Frauen demoliert. Die Frauen wehren sich mit allen Mitteln. „Meine Herren, wenn Sie an uns rühren, dann überlegen Sie sich gut, was Sie tun! Denn ich schwöre bei Gott: sollte jemand an mich herankommen, um mir Gewalt anzutun, so werde entweder ich an der Stelle liegenbleiben oder er!“, droht eine von ihnen.

Bevor es den Nonnen erlaubt wird, die Stadt zu verlassen, versucht der Rat der Stadt jede Ordensfrau einzeln davon zu überzeugen, ihrem bisherigen Leben abzuschwören und sich der reformatorischen Glaubensrichtung anzuschließen. Den jungen Schwestern wird ein Angebot gemacht: Für jede von ihnen stehe ein Ehemann bereit. Keine der Schwestern will auf dieses Angebot eingehen.

Und so verlassen die Klarissen kurz nach Mitternacht am 29. August 1535 unter dem Schutz der Genfer Obrigkeit ihr Kloster. Damit hört das letzte Kloster in Genf auf zu existieren.

Sonja Domröse

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