Profund

Kinder weltweit
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Thiesbonenkamp gelingt eine überzeugende Balance zwischen eigener Empathie und sachlicher Information.

Es gilt, nachdrücklich auf ein Buch hinzuweisen, das in Zeiten, in denen die hiesige Kirche sehr mit sich selbst beschäftigt ist, auf ein Problem aufmerksam macht, das zwar weit weg zu sein scheint, bei Lichte gesehen aber unbedingt auch mit uns zu tun hat. Es geht um das himmelschreiende Elend von Millionen von Kindern auf der vielbeschworenen einen Erde. Es geht um Gewalt, Armut und Ausbeutung, um Sklaverei, Prostitution und Genitalverstümmelung – wohlgemerkt: von Kindern. Weltweit.

Der Autor Jürgen Thiesbonenkamp ist ein profunder Kenner der Materie. Als ehemaliger Direktor der Kindernothilfe ist er zahllosen Kindernöten in allen Erdteilen hautnah begegnet. Beispielhaft lässt er uns teilhaben an unsäglichen Kinderschicksalen etwa in Honduras, Indien, Sambia, Haiti oder Somaliland.

Doch so erschütternd seine Berichte auch sind, so wenig bedienen sie irgendeine Sensationslüsternheit. Thiesbonenkamp gelingt vielmehr eine überzeugende Balance zwischen eigener Empathie und sachlicher Information. So sehr er sich von der Not der Kinder berühren lässt, so sehr legt er Wert darauf, deren historische, politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Hintergründe aufzuzeigen. Ohne moralische Erhebung wird dabei gleichwohl immer wieder auf unser Verstricktsein in die Elendsursachen hingewiesen.

Eine unüberhörbare Botschaft zieht sich hindurch: Kinder haben Rechte. Dem Diktum Hannah Arendts folgend, wonach es „ein Recht ist, Rechte zu haben“, wird hier ein wichtiger Perspektivwechsel vollzogen. Kinder sind nicht Objekte unserer Wohltat, sondern eigene Subjekte, deren Menschenwürde einzuklagen ist. „Damit wären Kinder nicht ‚an der Macht‘, aber die, die die Macht über sie haben, sind an die Einhaltung ihrer Rechte gewiesen.“ Thiesbonenkamps Erfahrung: Gerade da, wo Kinder beginnen, ihre Opferrolle zu verlassen, „brauchen“ wir sie, werden sie zu unseren „Lehrern“ der Zukunftsgestaltung. Deshalb: „Die Welt braucht starke Kinder.“

Interessant, wie sich dabei im Laufe seines jahrelangen Engagements auch die ursprüngliche Theologie des Autors verändert hat. Dabei geht es nicht nur um die bekannten liturgischen und spirituellen Bereicherungen, die wohl jeder macht, der sich auf ökumenische Begegnungen einlässt. Es geht mehr noch um eine – allerdings noch zu entfaltende – Theologie des Kindes. Dabei werden ein paar einschlägige Bibeltexte bereits genannt. Auch findet die jüdische Weisheit vom „Heranreifen zur Kindheit“ Erwähnung. In theologischer Zukunft wäre allerdings wohl noch einmal ganz neu über die „Macht“ nachzudenken, die „du aus dem Mund von Kindern und Säuglingen geschaffen hast gegen alle, die dich bedrängen“ (Psalm 8,3).

Dass der ehemalige Vorstandsvorsitzende einer Organisation, die sich der „Hilfe zur Selbsthilfe“ und dem Gebot zur Nachhaltigkeit verpflichtet weiß, es an etlichen Beispielen gelungener Hilfsprojekte nicht mangeln lässt, liegt nahe. Doch Thiesbonenkamp erliegt nicht der Versuchung, sein Buch zu einer Werbebroschüre für die Kindernothilfe zu machen. Die Kriterien einer an der Subjektwerdung des Kindes orientierten Hilfe – „Kinder schützen, fördern und beteiligen“ – beanspruchen grundsätzliche Geltung.

Alles in allem gewiss keine leichtverträgliche Bettlektüre. Doch in seiner Eindringlichkeit könnte dieses beeindruckende Plädoyer für die Rechte der Kinder das Zeug zu einem Manifest haben.

Okko Herlyn

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