Diebe und Reisende

Punktum

Wie andere Wissenschaftler benutzen auch Theologen Fachbegriffe und Fremdwörter. Und weil sie oft schwer verständlich sind, lassen Nichttheologen die Sache auf sich beruhen. Aber die Begriffe, die Theologen gebrauchen, sind gar nicht so unbedenklich, wie manche meinen. Das hat dankenswerterweise Rolf H. (H wie Hermes) im Informationsdienst der Deutschen Evangelischen Allianz (idea) gezeigt. Nehmen wir nur einen Begriff wie „Hermeneutik“. So heißt die Kunst, einen Text auszulegen. Das klingt harmlos, ist aber höchst gefährlich. Rolf H., der an einer evangelikalen Ausbildungsstätte unterrichtet, leitet Hermeneutik vom griechischen Götterboten Hermes ab. Und der war, wie H. warnt, „nicht so harmlos, wie es den Anschein hat. Er betätigte sich auch als Patron der Diebe und Wegelagerer. Bei ihm musste man aufpassen, dass einem nichts geklaut wurde.“

Soll man also den Hermes-Paketdienst meiden? So weit geht H. nicht. Er könnte ja auf Schadenersatz verklagt werden. Da ist ein Angriff auf Theologieprofessoren preisgünstiger. Diese betreiben Hermeneutik, legen die Bibel aus. Und dabei, meint Rolf H., verschwinden Dinge wie beim alten Hermes: „ Eben stand noch eine Aussage (der Bibel) in klaren Worten da... Plötzlich erscheint die vertraute und vertrauensvolle Botschaft als problematisch.“

Wie Recht H. doch hat. Eben noch wurden (in England bis 1867) homosexuelle Männer zum Tode verurteilt. Schließlich steht in 3. Mose 20,13: Wenn Männer miteinander schlafen „wie bei einer Frau…, sollen sie des Todes sterben, ihre Blutschuld komme über sie“. Und nun dürfen sie sogar heiraten und werden in evangelischen Kirchen getraut.

Eben noch sollten „die Frauen schweigen in den Gemeindeversammlungen“ (1. Korinther 14,34). Nun stehen sie in evangelischen Kirchen hoch über den Männern, auf den Kanzeln, und predigen.

Rolf H. weiß, dass „Gott selbst Autor der Schrift“ ist. Und der Anti-Hermes ist nicht allein. Auch in England gibt es noch Männer, die die Worte der Bibel so nehmen, wie sie dastehen. Wie die Tageszeitung Guardian kürzlich berichtete, stand plötzlich ein Mann auf, als ein Vorortzug in der Nähe des Londoner Bahnhofes Wimbledon auf freier Strecke hielt, und redete seinen Mitreisenden ins Gewissen. Nach dem Bericht einer Augenzeugin forderte er zur Buße auf (repent) und mahnte: „Die Bibel sagt, dass Homosexualität und Sex außerhalb der Ehe Sünde ist.“ Andere Augenzeugen wollten auch etwas vom „Jüngsten Gericht“ (doomsday) gehört haben.

Schnell sprach sich in dem Zug herum, was geschehen war. Eine Frau schrie: „Da ist ein Mann, der will uns töten“. Die Passagiere öffneten die Türen und stürzten ins Freie.

Die Britische Transportpolizei durchsuchte den Rucksack des Predigers und – fand eine Wasserflasche und Bücher. Übrigens: Bei den alten Griechen war Hermes auch der Schutzpatron der Reisenden.

Jürgen Wandel

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