Alarmsignal

Entrechtung von Menschen
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Das Alarmsignal, das von dem Buch ausgeht, sollte nicht überhört werden.

Das Buch enthält ein Alarmsignal. Es zeigt, in welchem Ausmaß weltweit nach wie vor gewaltsame Unterdrückung und Entrechtung von Menschen anzutreffen sind. Faktisch werden noch in der Gegenwart Menschen versklavt. Dies erfolgt in Form von Menschenhandel, sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch, Folter, Inhaftierung, Zwangsarbeit oder Schuldknechtschaft. In sehr hohem Maße sind Frauen sowie Kinder betroffen.

Eigentlich ist eine derartige Entrechtung und Verdinglichung von Menschen seit der Aufklärung ethisch geächtet. Im 19. Jahrhundert wurden Sklavenhandel und -haltung durch Gesetze verboten. Die Menschenrechtskonventionen des 20. Jahrhunderts haben klargestellt, dass Sklaverei einen Verstoß gegen die Menschenwürde darstellt. Zwischen theoretisch geltenden Menschenrechten und der Alltagsrealität klafft jedoch eine große Lücke, weil zahllose Menschen auch noch heute unter Bedingungen von Armut, Rechtlosigkeit und Ausbeutung existieren. Der „Global Slavery“-Index nennt als Größenordnung der besonders extrem Betroffenen die Zahl von 40 Millionen.

Angesichts dessen sollte das Alarmsignal, das von dem Buch ausgeht, nicht überhört werden. Es wurde von Repräsentanten der International Justice Mission (IJM), einer weltweit tätigen Nichtregierungsorganisation, verfasst und stützt sich unter anderem auf Dokumente der Weltbank. Zunächst erschien es in englischer Sprache. Als Herausgeber der deutschen Fassung hat der Menschenrechts- und Entwicklungsexperte Dietmar Roller ein informatives Vorwort beigesteuert. Das Buch plädiert für einen rechtsbasierten Entwicklungsansatz. Der Unterdrückung von Menschen soll dadurch entgegengewirkt werden, dass für sie ein elementarer Rechtsschutz geschaffen wird. Wie notwendig dies ist, zeigen die Fallgeschichten aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die sich in dem Buch finden. Menschen, die von Armut und Gewalt gefesselt sind, etwa aufgrund von Schuldknechtschaft, bleibt in Entwicklungs- und Schwellenländern häufig der Ausweg verstellt, sich an die Justiz wenden zu können. Nach wie vor wirken sich Rechtsstrukturen aus, die noch aus der europäischen Kolonialzeit stammen. Im Ergebnis schützen sie die Täter, aber nicht die Opfer. In vielen Ländern fehlt es an einer funktionierenden, ausgebildeten Polizei sowie an einem Justizapparat, der für die Opfer von Unrechtstaten eintritt.

Hier sieht die Menschenrechtsorganisation, aus deren Erfahrungen heraus das Buch geschrieben ist, ihren Ansatzpunkt. Sie bemüht sich, unterdrückten und entrechteten Menschen durch „kooperative Fallarbeit“ zu helfen, indem sie mit reformbereiten Kräften in lokalen Behörden, Justiz und Regierung zusammenarbeitet.

Dem Buch ist ein Denkanstoß zu entnehmen, der generell die Entwicklungspolitik und den Umgang mit der Globalisierung betrifft. Zielnormen für die Entwicklungspolitik sind heutzutage vor allem Gesundheit und Bildung. Darüber hinaus sollte aber nicht in Vergessenheit geraten, dass in zahlreichen Staaten ein effektives Rechtssystem ausgebaut werden muss, damit für die Bevölkerung Rechtsschutz und Rechtssicherheit überhaupt zustande kommen.

Zusätzlich ist ein weiterer Punkt zu nennen: Die Bundesrepublik Deutschland sollte sich an Gesetzen orientieren, so wie sie auch in Großbritannien gelten. Der vom britischen Parlament 2015 beschlossene Modern Slavery Act verpflichtet Firmen dazu, öffentlich darzulegen, dass in ihren Lieferketten keine Methoden heutiger Sklaverei praktiziert werden.

Hartmut Kreß

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