Gelungen

Überraschende Einsichten
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Steffensky bringt es fertig, auf knappstem Raum jedes der „Werke der Barmherzigkeit“ im gegenwärtigen Horizont zu erschließen.

Auch kirchlich sozialisierten und religiös gebildeten Zeitgenossen dürften die „sieben Werke der Barmherzigkeit“ als traditionelles Element eines christlichen Lebensvollzugs in der Regel nicht mehr vertraut sein. Diese Lücke kann das kleine Buch von Fulbert Steffensky auf anregende und dazu auch sprachlich durchweg gelungene Weise füllen. Der ehemalige Benediktiner und spätere Ehemann der unvergessenen Dorothee Sölle bringt es fertig, auf knappstem Raum jedes der leiblichen und geistlichen „Werke der Barmherzigkeit“ im gegenwärtigen gesellschaftlich-religiösen Horizont als Herausforderung zu erschließen, ohne bei diesem Bemühen im schlechten Sinn plakativ zu werden.

Er bezieht dabei aktuelle Vorgänge, wie die Flüchtlingskrise, ebenso ein wie Beispiele aus der christlich-jüdischen Tradition (etwa eine Geschichte aus dem Leben der Elisabeth von Thüringen) oder auch persönliche Erlebnisse, wie die Erfahrungen mit Trostversuchen durch Freunde nach dem Tod seiner Frau. Gelegentlich öffnet sein Blick auf ein Werk der Barmherzigkeit auch überraschende Einsichten. So beschäftigt er sich beim Stichwort „Nackte kleiden“ mit der für ihn unerlässlichen Aufgabe, Kinder nicht in einem religiösen Vakuum aufwachsen zu lassen, sondern sie mit den elementaren religiösen Ausdrucksmöglichkeiten vertraut zu machen: „Wo wärmen sich unsere Kinder an der alten Sprache, die uns sagt, dass das Leben gut ist; dass Gott es in seiner Hand hält und dass uns nichts in eisige Abgründe stürzt?“ Steffensky reibt sich durchaus auch an einzelnen Formulierungen in dem traditionellen Katalog. Das zweite geistliche Werk der Barmherzigkeit („Den Zweifelnden recht raten“) beispielsweise, betrachtet er mit Vorsicht: „Es scheint da am Leben und am Glauben Zweifelnde zu geben und andere, denen alle Zweifel fremd sind und die zu Beratern der Zweifelnden taugen.“

An dem Buch überzeugt nicht zuletzt, dass sich Steffensky bei seinen Auslegungen immer des Abstands zwischen der Welt, in der und für die die „Werke der Barmherzigkeit“ einmal formuliert wurden, und unseren, in vieler Hinsicht komplizierten Zeitläuften bewusst ist. Trotzdem, oder gerade deswegen, kann er das Potenzial der traditionellen Formulierungen entfalten, und dabei gelingen ihm nicht selten Sätze, die das Zeug zu Sentenzen haben. Dafür nur ein Beispiel: „Missionieren heißt zeigen, was man liebt, und damit lehren, was man liebt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ulrich Ruh

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