Leerstelle

Neues aus dem Pfarrhaus
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Ein Bogen, der von der alttestamentlichen Zeit der Richter bis ins 21. Jahrhundert gespannt wird.

Kaum ein evangelisches Thema ist so sehr mit fiktionalen Stoffen bedacht worden wie das Pfarrhaus. Hier kumulieren große Hoffnungen, die sich auf den Pfarrberuf richten, aber auch darauf, wie innerhalb einer Familie der Glaube gelebt, und insofern eine sozusagen christliche Lebensführung oder gar Kultur gestaltet werden kann. Zugleich offenbaren sich Abgründe, die wohl als Kennzeichen der Überdehnung mancher Erwartungshorizonte zu werten sind. Genau diese Friktionen greift der vorliegende Band dadurch auf, dass er vor allem Pfarrhausbilder aus der Literatur sammelt und analysiert. Dabei entsteht ein Bogen, der von der alttestamentlichen Zeit der Richter bis ins 21. Jahrhundert gespannt wird. So nutzt Martin Arneth einen interessanten Kniff, um sich als Alttestamentler dem Phänomen Pfarrhaus anzunähern. Er rekonstruiert Lion Feuchtwangers Imaginationen zur Wohnstätte zweier Priester in Mizpeh und Schilo anhand von dessen Roman Jefta und seine Tochter. Bereits da werden die religiös Professionellen in Mustern unauflöslicher Spannungen gesehen.

Am anderen Ende der Zeitschiene widmet sich Ursula Roth dem Bild des Pfarrhauses, wie es im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends in den Romanen Die Pastorin der Norwegerin Hanne Orstavik, in Dieter Wellerhoffs Der Himmel ist kein Ort sowie in dem Kriminalroman Frucht der Sünde von Phil Rickman gesehen wird. Der gemeinsame Fluchtpunkt der von ihr untersuchten literarischen Wahrnehmungen liegt im Thema Lebensformen und den zu ihnen gehörenden Räumen: WG im Pfarrhaus, dann aber menschenfeindliches Pfarrhaus und schließlich auch das Pfarrhaus als Alptraum. Literarische Fokussierungen liefern außerdem Friedrich Vollhardt zu Gotthold Ephraim Lessings Bild des Pfarrhauses, Jan Rohls zu Gottfried Kellers, Volker Drehsen zu Theodor Fontanes und Hermann Timm zu Wilhelm Raabes sowie Gunter Wenz zu Thomas Manns und nicht zuletzt Katharina Wörns zu Uwe Johnsons Konkretionen.

Neben den Ausarbeitungen zu literarischen Pfarrhausbildern werden klassische Felder bespielt: Zum Thema Diakonie und Pfarrhaus äußern sich Christian Bendrath und Thomas Zippert. Zum Bezug zwischen Pfarrhaus und lutherischer Theologie arbeitet Reiner Preul. Jan Hermelink widmet sich dem Thema Pfarrhaus anhand von Bauvorschriften.

Hervorzuheben sind schließlich die beiden letzten Beiträge im Band von Uta Pohl-Patalong, die die praktisch-theologische Debatte systematisiert, und von Eberhard Hauschildt, der Wolfgang Stecks Konzept des Pfarrhauses darstellt und kommentiert. Denn die fünfzehn Autorinnen und Autoren, die hier schreiben, kamen bereits 2010 zusammen, um den Münchner Praktischen Theologen zu seinem 70. Geburtstag zu ehren.

Es bleibt festzuhalten, dass neben und nach Steck sich in den meisten praktisch-theologischen Entwürfen kaum systematisierende Ausführungen zum Pfarrhaus finden. Dies ist eine Leerstelle, die es auch deshalb zu füllen gilt, weil das Thema Pfarrhaus noch immer virulent ist. Mit ihm befassen sich nicht nur deren Bewohnerinnen und Bewohner intensiv, sondern auch Kirchenleitungen sowie Pfarrer- und Pfarrerinnenvereine.

Wer seine Einzigartigkeit hervorheben möchte, sollte dies nicht mit einem Verweis auf das hier gelebte Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit tun; es gibt viele weitere Berufsgruppen, die diese nicht strikt voneinander trennen. Die Diskussion um das Pfarrhaus kann demnach gesamtgesellschaftlich dort interessant werden, wo aus ihr Einsichten zum Thema Work-Life-Balance, dem Verhältnis von Familie und Beruf sowie der Frage nach Möglichkeiten, Religion individuell und beziehungsverträglich zu leben, gewonnen werden können.

Ilona Nord

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