Aufregend

Von Luther erzählen
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Norbert Mecklenburg hat sich der Mühe unterzogen, die Luther-Literatur der vergangenen 500 Jahre zu sichten. Das Ergebnis ist eine Ideologiekritik des deutschen Protestantismus, die man gelesen haben sollte

Diese Buchbesprechung beginnt zur Abwechslung mit einer Quiz-Frage: Wie heißt das einzige Stück deutscher Literatur, das auf überzeugende Weise von Martin Luther erzählt? Die Auflösung finden Sie am Ende.

Diese Frage ist keine Spielerei, sondern stellt sich 2017 mit Ernst. Denn das Reformationsjubiläum hat dazu geführt, dass allerlei literarische Versuche über Luther auf den Markt gebracht wurden. Es ist ja zu verführerisch: so ein dramatischer Stoff, exotisch und irgendwie doch aktuell, so viel Sprach-Genie in unzähligen Registern. Doch leider findet man wenig, was literarisch überzeugt.

Vielleicht ist das auch ein falscher Anspruch: Viele der neuen Theaterstücke, Romane und Musicals haben eine gemeindepädagogische Aufgabe, versuchen Bildungsarbeit und Unterhaltung zu verbinden – für ein breites Publikum und mit einem Sinn für heutige Fragen. Aber nur wenig davon dürfte als „Literatur“ gelten und über 2017 hinaus von Interesse sein.

Warum aber ist es so schwer, überzeugend über Luther zu erzählen? Diese Frage beantwortet eine aufregende Studie: Der Germanist Norbert Mecklenburg hat sich der Mühe unterzogen, die Luther-Literatur der vergangenen 500 Jahre zu sichten. Das Ergebnis ist eine Ideologiekritik des deutschen Protestantismus, die man gelesen haben sollte, bevor man zu den großen Feierlichkeiten aufbricht. Mecklenburg zeigt, vor welcher Aufgabe ein Schriftsteller steht, wenn er sich dieser Figur zuwendet. Er muss sie von innen heraus entwickeln, aus der Innerlichkeit eines religiösen Lebens und Denkens, er muss sie aber zugleich in ihre äußere Welt einbetten, mit all den Verstrickungen, die dazu gehören. Er muss historisches Bewusstsein und künstlerische Freiheit miteinander verbinden.

Und er muss Luthers Zwiespältigkeiten sowie die sehr unterschiedlichen Perspektiven sichtbar machen, aus denen heraus man ihn betrachten kann. Eigentlich müsste der moderne Roman mit seiner Multiperspektivität und Brüchigkeit dafür die passenden Instrumente bereithalten. Doch zu groß war das Bedürfnis, sich ein für die eigenen religionspolitischen Interessen passendes Luther-Bild zu malen.

Deshalb ist das allermeiste, was über Luther erzählt und gedichtet wurde, literarisch wertlos: kirchlicher Erbauungskitsch, nationalprotestantische Propaganda, mal seifig, mal aggressiv, mal beides.

Wie aber könnte es gehen? Vielleicht müsste man Luther nicht als Haupt-, sondern als Nebenfigur nehmen, die nicht heroisch im Vordergrund steht und doch den entscheidenden Wendepunkt einer Geschichte markiert – und zwar so, dass dabei seine ganze Ambivalenz deutlich wird, zum Beispiel seine unbedingte christliche Friedfertigkeit ebenso wie seine in den damaligen politischen Verhältnissen verhaftete Konservativität. Und dies in einer eigenen, modernen Sprache ohne jede Luthertümelei. Einer hat es so gemacht, weshalb die Auflösung der Quiz-Frage lautet: Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist.

Johann Hinrich Claussen

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