Einspruch, Eminenz!

Kirchliche Vielfalt befruchtet das Christentum

Mit Blick auf das Reformationsjubiläum hat der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates Kardinal Kurt Koch davor gewarnt, sich „mit der vorhandenen Pluralität von Kirchen zufrieden zu geben“. Und damit ist er sich treugeblieben. Schon zuvor hatte Koch kritisiert, dass „die Vielzahl und Vielfalt von Kirchen als positive Realität betrachtet wird“. Mal machte er dafür die „Postmoderne“ verantwortlich, mal die „aus der Reformation hervorgegangenen“ Kirchen. Sie hätten „die ursprüngliche ökumenische Zielvorstellung der sichtbaren Einheit im gemeinsamen Glauben, in den Sakramenten und in den kirchlichen Ämtern immer mehr zu Gunsten einer gegenseitigen Anerkennung der verschiedenen kirchlichen Gemeinschaften als Kirchen und damit als Teile der einen Kirche Jesu Christi aufgegeben“.

Als Schweizer müsste der Kardinal eigentlich wissen, wie befruchtend Vielfalt sein kann, kulturelle – und organisatorische. Aber nicht nur demokratische Staaten zeichnen sich durch Pluralität aus. So besteht das Judentum – grob eingeteilt – aus Orthodoxen und Liberalen. Auch im Islam gibt es unterschiedliche Richtungen, und es bleibt zu hoffen, dass sich in Europa eine aufgeklärte entwickelt.

Dass Religionen in sich plural sind, hat viele Ursachen: Der Mensch ist fehlbar, seine Erkenntnis der Wahrheit beschränkt. Außerdem haben Menschen verschiedene Bedürfnisse und Interessen. Und schließlich muss die Botschaft einer Religion in die jeweilige Zeit und Kultur übersetzt werden. So sind heilige Schriften unterschiedlich interpretiert und entsprechende Traditionen entwickelt worden.

Im Christentum führte das zu blutigen Auseinandersetzungen, die in Nordirland bis in die Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts andauerten. Doch heute wirkt „die Pluralität von Kirchen“ oft befruchtend. Deutsch- und englischsprachige Katholiken singen evangelische Choräle. Und Protestanten haben gelernt, dass nicht Worte allein die christliche Botschaft vermitteln, sondern auch Rituale und Gesten. In vielen Bereichen arbeiten beide Konfessionen eng zusammen. Und der nächste Schritt könnte sein, dass die römisch-katholische Kirche Protestanten zum Abendmahl offiziell zulässt, wie das schon umgekehrt der Fall ist.

Aber Kardinal Koch möchte erst einmal eine „sichtbare Einheit“ der Kirche erreichen. Und er begründet das mit dem Gebet Jesu, dass seine Jünger „alle eins seien“. Dabei müsste Koch, der in einer föderalistischen Demokratie aufgewachsen ist, wissen: Pluralität ist nicht mit Zwietracht gleichzusetzen.

Protestanten plädieren für eine „Versöhnte Verschiedenheit“ der Kirchen. Die römisch-katholische Kritik an diesem Konzept enthält ein Körnchen Wahrheit. Denn es kann dazu dienen, die Konservierung des Status quo zu rechtfertigen. Dabei ist es unter Umständen geboten, dass Kirchen, die sich aus guten theologischen Gründen getrennt haben, wieder vereinigen.

Vor 200 Jahren empfanden viele deutsche Protestanten den Unterschied von lutherisch und reformiert als nicht mehr kirchentrennend, und sie schlossen sich zu einer Kirche zusammen. Ähnliches geschah vor 13 Jahren in den Niederlanden: Um die christliche Botschaft in dem stark säkularisierten Land besser vermitteln zu können, bündelten Reformierte, Altreformierte und Lutheraner ihre Kräfte und schufen die „Protestantse Kerk in Nederland“.

Jürgen Wandel

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