Bemerkenswert

Das Epochenjahr 1517
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Die Veröffentlichung von Luthers Ablassthesen, aus der sich der Ablassstreit entwickeln sollte, der dann zur Reformation führte, war nur ein Ereignis in einem bunten und bewegten Zeitabschnitt.

Der Berliner Frühneuzeithistoriker Heinz Schilling überrascht aufs Neue: Nachdem 2012 seine große Luther-biografie erschienen ist, legt er jetzt einen globalgeschichtlichen Querschnitt zum „Epochenjahr“ 1517 vor. In seinen älteren Arbeiten hatte er die Reformation in die langgestreckte Entwicklung zwischen Mittelalter und Neuzeit eingeordnet und sie als Etappe einer Zeit lange vorher beginnender und über sie hinausreichender Veränderungen und Reformen näher bestimmt. Nun fokussieren die Lutherbiografie und das Buch zur Weltgeschichte des Jahrs 1517 den Blick auf eine bestimmte Person und ein bestimmtes Jahr und stellen damit die Frage nach dem Umbruchcharakter der Reformation.

Schillings Weltgeschichte des Jahres 1517 entfaltet in sieben unterhaltsamen Kapiteln ein großes Panorama. Beginnend in Europa – und zwar nicht mit Luthers Ablassthesen vom 31. Oktober, die erst ganz zum Schluss behandelt werden – und den Blick sowohl globalgeschichtlich als politik-, sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtlich ausweitend, zeigt Schilling, dass 1517 auch in anderen Regionen und auf anderen Feldern ein „Epochenjahr“ war: In dieses Jahr fallen ein folgenreicher Herrschaftswechsel in Spanien und der osmanische Vormarsch im südöstlichen Mittelmeerraum, Erasmus’ Friedensschrift und Kopernikus’ revolutionäre Geldwerttheorie, die zweite niederländische Statthalterschaft der „mächtigsten der Renaissance-Frauen“, Margarete von Österreich, und die beunruhigende Geisterschlacht von Bergamo, die Landung der ersten Spanier auf der Halbinsel Yukatan und eine folgenreich erfolglose diplomatische Mission der Portugiesen in China. Die Veröffentlichung von Luthers Ablassthesen, aus der sich der Ablassstreit entwickeln sollte, der dann zur Reformation führte, war nur ein Ereignis in einem bunten und bewegten Zeitabschnitt.

Aus all diesen und weiteren Ereignissen entwickelt Schilling eine umfassende globalgeschichtliche Erzählung, die zeigt, wie dies alles miteinander verwoben ist, und dass Religion 1517 eine allgegenwärtige Bestimmung menschlichen Daseins war. Dass Schilling dabei immer wieder auf die Zeit vor und nach 1517 zu sprechen kommt und dass wichtige Belege für seine These des „Epochenjahrs“ 1517 – wie etwa Dürers „Rhinocerus“ – gar nicht diesem Jahr selbst entstammen, mindert dabei die Überzeugungskraft der Grundthese nicht: „1517“ ist, das weiß auch Schilling, eine Chiffre für die Umbruchzeit um 1500 herum, und der Reiz des Buchs liegt gerade darin, zu entdecken, wieviel dieser Umbruchzeit sich gerade im Jahre 1517 oder um 1517 herum ereignet hat.

Durch die Einordnung Luthers und des „Epochenjahrs“ 1517 in unterschiedliche historische Kontexte relativiert Schilling die Reformation und bestimmt sie als nur einen Aspekt einer vielgestaltigen Transformation. Zudem versieht er die Behauptung, dass das „Wunderjahr“ 1517 mit seiner Fülle an bedeutsamen Ereignissen der „Auftakt der Neuzeit“ gewesen sei, zu recht mit einem Fragezeichen. Aber gerade vor dem Hintergrund dieser historischen Relativierung und Kontextualisierung des Jahrs 1517 macht er deutlich, dass die von Luther am 31. Oktober 1517 „auf den Weg gebrachten fundamentalen Veränderungen in (der) Theologie samt ihren Konsequenzen für Kultur, Staat und Gesellschaft Europas“ gerade auch „in globalgeschichtlicher Perspektive“ einen „universalhistorischen Rang“ beanspruchen können.

Mit dieser Doppelperspektive der Einordnung der Reformation in ihre historischen Zusammenhänge und der Herausstellung ihrer Besonderheit ist Heinz Schillings Buch ein bemerkenswerter Beitrag zum Reformationsjubiläum in diesem Jahr.

Andreas Stegmann

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