Vergeigt

Streit mit Luther
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Trotz der erheblichen Mängel sollten Theologen, gerade auch Pfarrer, dieses Büchlein zur Kenntnis nehmen.

Friedrich Christian Delius ist ein scharfsinniger, humorvoller, origineller Beobachter, er schreibt gewandt und verständlich. So durfte man gespannt auf das sein, was der Schriftsteller zum Reformationsjubiläum anmerken würde. Und dass er seine Gedanken im Gespräch und beim Bier mit einem vom Denkmalsockel herabgestiegenen Martin Luther entwickelt, ließ – wie sonst – Gewitztes erwarten. Doch in diesem Buch hat der Autor leider das Niveau seiner bisherigen Bücher unterschritten und eine Chance versemmelt.

Für Delius hat Luther die Reformation „vergeigt“, weil er „von seinem Augustinus nicht loskam“. Dessen Verständnis der „Erbsünde“ habe „die Verdammung der Geschlechtslust und Lebensfreude und Freiheit“ bewirkt. Das ist sicher nicht ganz falsch, wird die Erbsünde für Augustinus schließlich durch den Geschlechtsakt weitergegeben. Aber Luther kann man wohl schlecht der Leibfeindlichkeit zeihen. Er war also kein „unkritischer Nachbeter des alten Augustin“, wie Delius behauptet, sondern hat zum Beispiel den Priesterzölibat abgeschafft, die Verpflichtung der Geistlichen zur sexuellen Enthaltsamkeit. Was hätte Augustin wohl über einen ehemaligen Priestermönch gesagt, der eine aus dem Kloster geflohene Nonne heiratet, mit ihr sechs Kinder zeugt und so die Erbsünde weitergibt?

Aber der Reformator geht wie Augustin davon aus, dass der Mensch von Natur aus „in sich selbst verkrümmt“, also auf sich bezogen und Gott abgewandt ist. Und deswegen ist er auch erlösungsbedürftig. Mit dem Theologen Paul Tillich (1886–1965) kann man auch sagen: Der Mensch ist von Gott, von sich selbst und vom Mitmenschen „entfremdet“. Aber mit neueren Interpretationen von Erbsünde und Sünde hat sich Delius offensichtlich nie auseinandergesetzt. Stattdessen lobt er Augustins Gegenspieler Pelagius, der, so Delius, „das traditionelle humanitäre . Christentum vertrat“. Für Pelagius, einen sittenstrengen Asketen, kann der Mensch, wenn er nur will, das Gute tun. Dass das etwas unterkomplex ist, sollte eigentlich spätestens seit den Erkenntnissen von Marx und Freud klar sein.

Und unsinnig ist Delius’ Behauptung, „die augustinische Trinitätslehre“ werde „in jedem Vaterunser beschworen“. Verwechselt er dieses mit dem Glaubensbekenntnis? Denn wo wird im Vaterunser der dreieinige Gott beschworen? Gott als Vater anzureden, ist durchaus jüdisch. Jedenfalls haben liberale Juden kein Problem damit, bei gemeinsamen Gottesdiensten mit Christen das Vaterunser zu beten.

Trotz der erheblichen Mängel sollten Theologen, gerade auch Pfarrer, das vorliegende Büchlein zur Kenntnis nehmen. So merken sie, was die Kirche bei der Vermittlung des Glaubens versäumt hat und was sie besser machen müssen. Denn an Delius wird deutlich, wie schwer sich selbst gescheite Zeitgenossen mit zentralen theologischen Begriffen tun. So wird „Sünde“ weithin als Übertretung von Gesetzen und Regeln verstanden und nicht als Beschreibung des Dilemmas, in dem der Mensch steckt.

Wie schon sein Buch Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde zeigt, ist F.C. Delius in den Fünfzigerjahren in einem engen evangelischen Pfarrhaus aufgewachsen. So erklärt der 74-Jährige im Nachwort zum vorliegenden Büchlein, „eine ketzerische Gegenrede“ sei „endlich einmal fällig“ gewesen. Schließlich sei er als Jugendlicher „vom Glauben-Sollen gequält“ worden. Hier wird deutlich: Wie viele Zeitgenossen setzt Delius glauben mit für wahr halten gleich. Und da ist es kein Wunder, dass das für Luther zentrale „allein aus Glauben“ vollkommen missverstanden wird. Da wird aus Luthers Ermutigung: Du darfst, so wie Du bist, Gott voll vertrauen, eine Forderung, die erfüllt werden muss: Du sollst für wahr halten.

Zum Schluss bekennt Delius, „bei aller Distanz zur christlichen Erziehung“ verdanke er dieser „Bildung, Sprachkraft, Empathiekultur“. Seinem versöhnlichen Schluss sei einer des Rezensenten angeschlossen: Die Lektüre von Delius’ Büchern lohnt sich in der Regel, ist sie doch vergnüglich und lehrreich zugleich. Und das gilt sicher auch für das Buch, das diesem (hoffentlich) folgt.

Jürgen Wandel

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