Gefangen im Netz

Leben und Reden im postfaktischen Zeitalter

Spätestens seitdem das Adjektiv „postfaktisch“ zum „Wort des Jahres“ gekürt wurde, ist die Debatte über die Wahrheit zu einem Dauerthema geworden. Darf man sich von der Wahrheitsverpflichtung durch die Berufung auf „alternative Tatsachen“ entbinden und die Wahrheitsbehauptungen anderer als fake news abtun? Was für Konsequenzen hätte es, wenn die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zunehmend durch Stimmungen und Emotionen bestimmt würden?

Die Frage nach der Wahrheit steht im Zentrum der Reformation Martin Luthers und sollte darum auch unseren Umgang mit dem Reformationsjubiläum prägen. Das gilt nicht nur für Luthers Auftreten auf dem Reichstag zu Worms im April 1521 und die Aussage, er könne seine Lehren nicht widerrufen, wenn er nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde. Die Begründung für diese Weigerung, er sei durch die Schriftstellen in seinem Gewissen überwunden und im Wort Gotte gefangen, weist ebenso auf das Herz reformatorischer Theologie: Allein die Wahrheit kann in Streitfragen eine Entscheidung und für das Leben Orientierung bringen.

Luther war der traditionellen, biblisch begründeten Überzeugung, dass Gott die Wahrheit ist. Er radikalisierte sie aber so, dass auch die Realisierung der Wahrheit in Gottes Hand steht: durch das Überführtwerden der Menschen von der Wahrheit, die der in der Schrift bezeugten Christusbotschaft Glauben schenken, weil sie ihnen im Herzen zur Gewissheit geworden ist. Damit ist festgehalten: Die Wahrheit ist unverfügbar und nicht manipulierbar, geschichtlich erfahrbar, kommunikativ vermittelt und gewissheitskonstituierend. Zwar gibt es unterschiedliche Bereiche der Wahrheitserkenntnis, aber ihr Zusammenhang und ihre Einheit werden nur dem Glauben erschlossen. Der öffentliche Streit um die Wahrheit und die persönliche Wahrheitsgewissheit gehören für Luther zusammen. Wahrheitsbehauptungen sind zu diskutieren, aber Wahrheitsgewissheit zu schaffen bleibt das Privileg Gottes. Hier können wir nur Toleranz üben. Weil der Mensch als ganzer ein Wahrheitswesen ist, ist gerade unser Herz, sind unsere Affekte der Wahrheit bedürftig – und fähig, sie aufzunehmen.

Dabei ist für Luther klar, dass wir der Wahrheit nicht neutral gegenüber stehen. Wir sind gefangen im Netz unserer alternativen Tatsachen, wenn wir nicht zur Wahrheit befreit werden. Die Selbsterfahrung ist der Ort der Wahrheitserkenntnis, aber nicht ihr Konstitutionsgrund. Wenn uns Wahrheit als Zusage erschlossen wird, richtet sie als Gesetz unsere selbsterdachten Wahrheiten und erschließt uns als Evangelium die Verheißung des Lebens in der Wahrheit. Die primären Orte der Ausrichtung an Wahrheit sind darum das Sündenbekenntnis und das Glaubensbekenntnis. Das Vertrauen auf die befreiende Kraft der Wahrheit (Johannes 8,32) schafft beides: die Befreiung von der Verstrickung in die Unwahrheit, die aufatmen lässt, und die Zuversicht in die Durchsetzung der Wahrheit – allen Wörtern des Jahres zum Trotz.

Christoph Schwöbel

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