„Das gehet meiner Seele nah“

Die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach im Spiegel ihrer Deutungen
Gleich beginnt die „große Passion“. Aufführung Leipzig, 2016. Foto: Bachfest Leipzig/ Gert Mothes
Gleich beginnt die „große Passion“. Aufführung Leipzig, 2016. Foto: Bachfest Leipzig/ Gert Mothes
Kaum ein musikalisches Werk hat ein ähnlich vielstimmiges Echo hervorgerufen, wie Bachs „große Passion“. Theologen und Komponisten, Literaten und Philosophen, Dirigenten und Choreographen zeigen sich durch die Jahrhunderte fasziniert. Der Theologe, Kirchenmusiker und renommierte Bachforscher Meinrad Walter aus Freiburg im Breisgau ist einigen Zeugnissen berühmter Menschen nachgegangen.

Nicht ohne Reiz wäre es, die vielen mehr oder weniger berühmten Hörer der Bach’schen Matthäuspassion aus Vergangenheit und Gegenwart einmal zum Gedankenaustausch einzuladen. Der Titel eines solchen imaginären Kolloquiums könnte „Die große Passion“ lauten. So nämlich benennt Bachs Frau Anna Magdalena das Werk auf einer Generalbass-Stimme. Ansonsten sind aus der Entstehungszeit ja kaum verwertbare Aussagen überliefert. Hundert Jahre später, beginnend mit der spektakulären „Wiederentdeckung“ 1829, sprudeln die Quellen dann umso munterer.

Kämen sie alle, die sich zur Matthäuspassion schon geäußert haben, dann wäre das imaginäre Treffen kein Privatissimum, sondern ein veritabler interdisziplinärer Kongress. Albert Schweitzer, Helmuth Rilling oder John Neumeier erwartet man hier fraglos. Doch auch Philosophen wie Hegel und Bloch, Komponisten wie Schönberg und Henze sowie die Regisseure Jürgen Flimm und Peter Sellars haben Interessantes zum Thema beigesteuert. Auf der Einladungskarte schließlich könnte als Motto ein berühmtes Nietzsche-Zitat stehen: „In dieser Woche habe ich dreimal die Matthäuspassion des göttlichen Bach gehört, jedesmal mit demselben Gefühl der unermesslichen Verwunderung. Wer das Christentum völlig verlernt hat, der hört es hier wirklich wie ein Evangelium .“

Zu den Kennern der „großen Passion“ zählt auch Karl Liebknecht, bei dessen Taufe 1871, in der Leipziger Thomaskirche immerhin, Karl Marx und Friedrich Engels die Paten waren. Aus dem Gefängnis schreibt der wegen Hochverrats verurteilte sozialistische Arbeiterführer im März 1917 an seinen Sohn: „Du sollst die Matthäuspassion hören - in klassischer Aufführung! Das bedeutungsvollste Werk auf dem Gebiet des Oratoriums.“ Und sein Resümee heißt: „Durchblickt man das Zaubergewebe, ist man ganz berauscht vor Seligkeit“. Aus solchen Briefen könnte auf unserer Tagung rezitiert werden, zudem aus Tagebüchern, Lebenserinnerungen und Aufführungsnotizen.

Besonders interessant sind Eindrücke von instrumental oder vokal Mitwirkenden. Das beginnt bereits bei den Kindern, die Bachs Musik etwa im Knabenchor singen und erleben, und sei es nur mit den beiden Liedmelodien „O Lamm Gottes unschuldig“ und „O Mensch, bewein dein Sünde groß“. Bei einem kleinen Radio-Interview gaben Leo, Mark und Finn im Blick auf den Eingangschor zu Protokoll: „Wir singen jeden zehnten Takt oder so, wir haben lange Pausen, und die Einsätze sind relativ schwierig. Aber wenn das Münster ganz voll ist, wird das bestimmt etwas Besonderes. Es ist anstrengend, aber mit dem Chor schafft man das schon, wenn man einen guten Dirigenten hat wie unsern. Es ist zwar Nerven fordernd, aber es macht halt Spaß.“

Darin sind sich die Rezipienten der Matthäuspassion einig: Bach gelingt überzeugend der Brückenschlag zwischen Damals und Heute. Etwa wenn auf eine biblische Frage die Antwort überraschend aus gegenwärtiger Perspektive erklingt und so das Schauspiel zum Spiegel wird. Ernst Bloch beschreibt es eindrücklich: „Denn wenn Jesus sagt: ‚Einer unter euch wird mich verraten‘, und die Jünger im heftigsten Allegro aufgeregt durcheinander schreien: ‚Herr, bin ich’s?‘, und nun nach einer wunderbaren Pause die Gemeinde den Choral singt: ‚Ich bin’s, ich sollte büßen‘, so hallt das Innerste in diesem Augenblick der Matthäuspassion wider .“ An diesen Choral, den er im Kindesalter erstmals bewusst wahrgenommen hat, erinnert sich auch der Pianist und Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil: „In diesem Moment spielte die Passion nicht mehr zwischen Himmel und Erde, und sie war längst nicht mehr eine Sache des Glaubens. Ein Choral setzte ein und senkte einem die Akkorde wie Bleigewichte direkt in die Seele, und man saß da und schaute zu Boden, in sich gekehrt und zu sich gekommen wie der Ärmste unter den Sündern: ‚Ich bin’s, ich sollte büßen, / an Händen und an Füßen / gebunden in der Höll’ . .“ Ortheils Fazit heißt: „Noch heute fürchte ich mich in jedem Vorfrühling ein wenig vor den Aufführungen der Bach-Passionen. (.) Sobald die entscheidende Stelle des ‚Herr, bin ich’s‘ kommt, verliere ich allen Verstand.“

Widerhall des Innersten

Was man vor lauter Zustimmung vergessen könnte: Bachs Zeitgenossen waren über die Matthäuspassion vermutlich nicht einhelliger Meinung. Leider sind keine unmittelbaren aussagekräftigen Zeugnisse von Hörerinnen und Hörern seiner Leipziger Aufführungen am Karfreitag überliefert. Indirekt aber lässt sich erschließen, dass in puncto musikalisch-theologischer Ästhetik eine fortschrittliche „Partei“ rasch der Ansicht war, dass modern-oratorische Musik kräftiger sei als „50 unkräftige und hergeleierte Predigten“! Die eher Konservativen hingegen beargwöhnten die Nähe solcher Werke zur Oper. „Behüte Gott, ihr Kinder! Es ist ja, als ob man in einer Opera oder Comödie wäre!“ soll eine etwas verstörte alte adlige Dame in Dresden ausgerufen haben, als dort die Passionsmusik am Karfreitag höchst modern anging. Im Lauf der Jahrzehnte und Jahrhunderte wurde jene Witwe dann sozusagen von den Bach-Enthusiasten „überstimmt“.

Verleugnete Schönheit

Bachs Passionsmusik ist Musik zum Hören, Denken und Glauben. Wenn sie ihre Hörer trifft, kommen Prozesse der persönlichen Aneignung, aber auch der Reflexion in Gang. Von Dietrich Bonhoeffer berichtet dessen Bruder Klaus, der zum Tod Verurteilte habe gesagt, „er brauche nichts weiter, er habe die Matthäuspassion bei sich“. In einem früheren Brief spricht Dietrich Bonhoeffer von der „verleugneten Schönheit“ um der Botschaft willen: „Ich habe gestern Abend wieder die Matthäuspassion gehört. Was ist denn ‚schön‘ an ihr? Doch gerade dies, dass hier auf alle eigene Schönheit der Musik an sich Verzicht geleistet ist, daß sie ‚verleugnet‘ ist um Christi willen, dass hier die Musik durch Jesus Christus erst zu sich selbst kommt und doch nichts für sich selbst, sondern alles für Jesus Christus sein will. Jesu juva oder Soli Deo Gloria schrieb Bach über seine Werke. Das ist es. Die verleugnete ‚Schönheit‘ ist die echte und allein mögliche Schönheit in der Kirche Christi.“

Manchem Agnostiker kommen beim Hören der Matthäuspassion Zweifel, ob er die Botschaft des Evangeliums wirklich schon religionskritisch abgelegt hat. Der rumänisch-französische Skeptiker Emile Michael Cioran rettet sich essayistisch in die Paradoxie, dass Gott zumindest nach einer Passionsaufführung „existieren muss“, denn sonst „wäre das gesamte Werk des Kantors nur eine zerreißende Illusion“.

Ob Bach dieses Kompliment verstanden hätte? Spätestens bei Ciorans kunstreligiöser Bemerkung, Bachs Musik sei der „eigentliche Gottesbeweis“, hätte der Thomaskantor wohl den Kopf geschüttelt. Nicht wenige Hörer der Matthäuspassion schwanken zwischen dem Versuch, das Gehörte in Worte fassen zu wollen, und der Einsicht, dass die Sprache hier an Grenzen stößt. So schreibt der Widerstandskämpfer Hans Scholl an seine Mutter: „Nun habe ich am gestrigen Todestag Christi die Matthäus-Passion erlebt. Ich vermag in Worten den Eindruck dieses Musikwerkes nicht wiederzugeben. Auch ist es verfehlt, über tiefe religiöse Gefühle zu sprechen. Doch Du wirst es ahnen, dass diese Musik sehr tief in mich drang und manches umpflügte und erlöste, wenigstens für die Zeit des Zuhörens. Und nachher ging ich beglückt nach Hause, denn ich wusste, dass, obwohl der Leib gestorben ist, der Geist am dritten Tage wieder auferstehen wird von den Toten.“

Ablehnende Stimmen sind kaum zu finden im „Konzert“ der Bach-Hörer. Umso interessanter aber sind ihre Beiträge. Bei genauem Hinsehen wird nämlich deutlich, dass sie eher eine bestimmte Aufführungspraxis kritisieren als das Werk selbst. Clara Schumann, Pianistin und Komponistin, etwa bemängelt die Eintönigkeit eines Konzerts im Jahr 1837 in Berlin: „. in der Singacademie die Passionsmusik von Bach. Alle Tage ein Chor daraus und es wird mir gefallen, doch die ganzen 77 Chöre im Lento und Adagio auf einmal, das hab ich noch nicht gelernt aushalten. Nach dem ersten Theil ging ich fort.“ Dieser Interpretation fehlte offenbar die vokale Differenzierung zwischen Dramatik und Betrachtung, die für das Werk konstitutiv ist.

Kritik an Bach

Theologische Kritik äußert Karl Barth in seiner „Kirchlichen Dogmatik“. Er spricht Bachs Passionsmusik schlichtweg ab, „eine Auslegung der Kapitel 26-27 des Matthäusevangeliums“ zu sein: „Sie ist ein einziges, in fast ununterbrochenem Moll gewiß wunderbar wogendes Wolkenmeer von Seufzern, Klagen und Anklagen, von Ausrufen des Entsetzens, des Bedauerns, des Mitleidens: eine Trauerode, die in einem regelrechten Grabgesang (‚Ruhe sanft!‘) ihren Ausklang findet, die durch die Osterbotschaft weder bestimmt, doch auch nur begrenzt ist, in der Jesus, der Sieger völlig stumm bleibt.“ Barths Fazit lautet unversöhnlich, dass Bachs komponierte Leidensgeschichte „bestimmt nicht die Passion Jesu Christi ist“, sondern eine Irreführung ihrer Hörer! Albrecht Goes, der schwäbische Dichterpfarrer, würde dem wohl entgegen halten, wie genau Bach die Bibel komponiert hat. Deshalb hören wir in der Johannespassion bereits österliche Klänge wie „Der Held aus Juda siegt mit Macht“; in der Passion nach Matthäus hingegen bleibt Ostern sozusagen in der Tonart der Erwartung. „Isenheimer Licht“ nennt Goes seine betrachtende Erzählung, die Grünewald und Bach in Beziehung zueinander setzt: „Ruhe sanfte, sanfte ruh“ singt der Chor. Aber der vorletzte Ton ist ein Septimakkord, der nicht besänftigt: er gibt zu, dass die Abgründe offen sind, dass die Welt den Heiligen Gottes ausgestoßen hat, dass ihr Nein gesprochen ist. Und dies ist das Vorletzte in der Passion und in der Welt. Das Letzte ist es nicht. Das Letzte ist Ostern, der letzte Sieg.

Leid und Leidenschaft

Könnte unser imaginäres Kolloquium zur Matthäuspassion sich auf einen gemeinsames Statement einigen? Zum Glück braucht es da ja gar nicht. Aber vielleicht hieße der Konsens „Musik von Leid und Leidenschaft“. Bach gelingt eine große Integration in vielerlei Hinsicht: Darstellung und Deutung, Bibel und Bekenntnis, Ich und Wir, vokal und instrumental, Kenner und Liebhaber, Theologie und Musik. Eben das ermöglicht durchaus verschiedene Ebenen des Verstehens, die sich eher ergänzen als ausschließen. Dass es um Leid und Trost geht, nehmen wohl auch jene wahr, denen die Verästelungen der lutherischen Erlösungslehre fremd sind - mitsamt der von dem Dirigenten und Musikwissenschaftler Peter Gülke scharf akzentuierten Aporie, dass „bei Matthäus einer stirbt, dessen Schrei am Kreuz zeigt, dass er in der letzten, höchsten Not keinen Halt bei Gottvater und dessen Auftrag findet“, so dass es des Schlusschores bedarf, „um den Schrei des Gekreuzigten aufzuwiegen, jene Versöhnung heimzubringen, die ihm entglitten war“.

Der Matthäuspassion eignet, so Hans Blumenberg, eine „theologische Großzügigkeit“. Niemandem wird vorgeschrieben, an wen er denkt beim Choral „Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir“ (siehe auch Seite 30). Nicht wenige Hörer und Interpreten sind, zumindest während Bachs Musik erklingt, „zu Gast in fremden Zelten“ - ein merkwürdiger Zustand mit affirmativen wie distanzierten Facetten. Hermann Hesse, der mit dem Werk bereits in jungen Jahren vertraut war - nicht zuletzt deshalb, weil er seine beiden älteren Stiefbrüder in den Rollen des Christus und des Evangelisten gehört hat - nimmt es in einem Brief aus dem Jahr 1928 humorvoll: „. das Werk war wieder unendlich, und an einzelnen Stellen (beim Choral ‚Wenn ich einmal soll scheiden‘ und beim Vorspiel des Schlusschors) liefen mir die dicken Tränen übers Gesicht. Da so mitten in Berlin den Heiland sterben zu sehen, war merkwürdig.“

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Meinrad Walter

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