Kontaminiert

Das orientalische Christentum
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Das Thema mag exotisch erscheinen, in Wirklichkeit handelt es aber vom kulturellen Selbstverständnis des deutschen Protestantismus.

Das Land der Bibel wurde im 19. Jahrhundert zu einer mit vielfältigen Phantasien aufgeladenen Region. Millenaristische Utopien von einem wiedergeborenen Nahen Osten, der weltweite Friedensimpulse ausstrahlen könnte, hatten insbesondere in Kreisen angelsächsischer Missionare Konjunktur. Auch deutsche Theologen partizipierten an diesem neuen Traum vom Orient. Das ging von biedermeierlich-erbaulichen Sehnsüchten nach der „Heimat des Heilands“ bis zu handfesten Allianzen mit den Zielen deutscher Orientpolitik im wilhelminischen Zeitalter am Ende des Jahrhunderts.

Maibritt Gustrau zeichnet in ihrem übersichtlichen, kenntnisreichen und mit klarem Urteilsvermögen verfassten Buch, das auf ihrer 2015 in Göttingen verteidigten Dissertation beruht, auf der Grundlage von 19 Reiseberichten aus sechs Jahrzehnten die facettenreiche Entwicklung des Orientbildes deutscher protestantischer Theologen nach. Das Thema mag exotisch erscheinen, in Wirklichkeit handelt es aber vom kulturellen Selbstverständnis des deutschen Protestantismus, der sich auf dieser Projektionsfläche noch einmal seiner Überlegenheit versichern konnte. Dass das Christentum erst im Protestantismus der germanischen Welt mit der Zurückweisung aller Äußerlichkeiten zu sich selbst gekommen sei, wussten die Zeitgenossen spätestens seit Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Entsprechend enttäuscht reagierten die reisenden Theologen, wenn sie mit den Realitäten ihrer orientalischen Wurzeln konfrontiert wurden. Schlimmer noch als in der ihnen bekannten europäischen Welt des Katholizismus wurden sie dort mit „Aberglauben“, „Schwindel“ und Legenden, kurz einem geistigen Trümmerhaufen konfrontiert. Friedrich Naumann etwa meinte auf diesem Hintergrund, dass die Begegnung mit Palästina „den christlichen Glauben schwerer“ machen würde und kam angesichts der Kahlheit und Nüchternheit muslimischer Moscheen zu dem - sehr protestantischen - Urteil, im Islam sei mehr „Religion“ enthalten als in den „verkommenen“ orientalischen Christentümern.

Kaum anders dachte Wilhelm II., dessen Orientreise vom Oktober 1898 Gustrau ausführlich beschreibt. Die Einweihung der Erlöserkirche in Jerusalem wurde so zum glanzvoll inszenierten Höhepunkt eines „friedlichen Kreuzzugs“, der den Deutschen die Bestimmung zuschrieb, den Muslimen das „wahre Christentum“ näher zu bringen. Imperialistische Machtansprüche und religionspolitisches Sendungsbewusstsein ließen sich in solchen Auftritten kaum voneinander trennen. Die Grenze überschritt Naumann, als er nach der Kaiserreise die Überzeugung aussprach, „dass unser Volk auch dem Christentum am besten dient, wenn es sich selber im Völkerkampfe stark erhält“.

Naumanns Position, die auf dieser Grundlage auch zu einer vollkommenen Indifferenz gegenüber dem Leid der über 100?000 christlichen Armenier, die Mitte der 1890-er Jahre ermordet wurden, wird von Gustrau sehr ausführlich untersucht, ebenso wie die von Paul Rohrbach, der ihm in der Armenierfrage vehement widersprach. Aber auch Rohrbach, der zu einem der wortmächtigsten Advokaten der armenischen Sache wurde, ging es - anders als Martin Rade oder Johannes Lepsius - um mehr als um die Empathie für die Opfer eines Staatsverbrechens aus dem Geist der Nächstenliebe. Für ihn waren die Armenier darüber hinaus ein rassisch wertvolles und anschlussfähiges Element, das er integrieren wollte. Der deutsche Protestantismus war, wie Karl Barth 1919 in Bezug auf die Gedankenwelt Friedrich Naumanns schrieb, auf fatale Weise politisch kontaminiert, aber diese Kontamination war mit dem Ende des Ersten Weltkriegs nicht erledigt.

Rolf Hosfeld

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