Falladas Refugium

Ein Besuch in Carwitz im Mecklenburgischen
Foto: privat
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Das Haus ist ein richtiges altes Gutshaus, urgemütlich, mit elektrischem Licht, Öfen, mit sieben Zimmern. Es liegt direkt, ohne jeden Uferweg, mit reichlich 500 Meter Seefront am Carwitzer See, der mit sechs anderen Seen in direkter Verbindung steht. Überall ist Buchen- und Kiefernwald.“, schreibt Hans Fallada (1893-1947) im Sommer 1933 an seine Eltern. Hier, am Ortsrand des Dreihundert-Seelen-Dorfes Carwitz im Mecklenburgischen, fernab der Großstadt Berlin, kauft der erfolgreiche Schriftsteller am 20. Juli 1933 für sich und seine Familie ein Anwesen, das ihm als Rückzugsort dienen soll. Denn er, der aus so genanntem guten Hause stammt, seine Vorfahren waren Juristen, Pfarrer und Amtsmänner, hat zu dieser Zeit schon einiges hinter sich: Klinikaufenthalte, Gefängnis, Nervenzusammenbrüche, Alkohol- und Drogensucht.

Das Haus liegt am Ende des Unterdorfes neben einer kleinen Halbinsel, Bohnenwerder genannt. Hier schreibt der Schriftsteller in den nächsten Jahren den größten Teil seines epischen, also erzählenden Werkes wie Wer einmal aus dem Blechnapf frißt, Der eiserne Gustav und zahlreiche Kinderbücher. Siebzig Jahre nach Falladas Tod sind die Räume des Hauses ein Museum. Und was für eines. Dazu das Hans-Fallada-Archiv, mit Briefen, Manuskripten und Rezensionen. In der Scheune, wo früher Schweine und Landmaschinen standen, wird regelmäßig die Lesestunde „freitags bei Fallada“ abgehalten, sommers im kleinen Amphitheater.

Doch der Reihe nach. Das Arbeitszimmer war zugleich auch Wohnzimmer der Familie. Die Möbel sind zum größten Teil im Original erhalten, vielfach von Hans Fallada selbst entworfen, Schränke und Bücherregale in schwarz-orange. Hier diktierte er sein handschriftliches Manuskript einer Schreibkraft in die Maschine. Das Original entschwand im Chaos seines Lebens. Die Wände zieren Ölkreidezeichnungen, die seine Kinder zeigen. Veranda und Esszimmer schließen sich an, im nahezu originalgetreuen Zustand, alles sorgsam restauriert. Gäste wie der Verleger Ernst Rowohlt mit seiner Familie, Schauspieler und Grafiker versammelten sich um den Tisch. Eine Glasvitrine enthält Originale aus dem Familienbesitz, das Essservice, ein Fotoalbum, Schallplatten.

Im unteren Stockwerk befindet sich ein moderner Ausstellungsraum, entstanden aus dem ehemaligen Schlafzimmer. Eine Fotoausstellung zeigt Falladas Lebensorte, dazu eine großartige Sammlung seiner Buchausgaben. Neben Feder und Tintenfass liegen die ersten Manuskriptseiten aus Wer einmal aus dem Blechnapf frißt. Ein Wandregal enthält die imposante Sammlung von Erstausgaben mit Exemplaren des Aufbau Verlages, Falladas Herausgeber zu DDR Zeiten. Filme, Hörstationen und Audioführer vermitteln viel Wissenwertes über den so umtriebigen, mit seinen Dämonen kämpfenden Mann.

Auch im mit Obstbäumen, Blumen- und Gemüsebeeten durchzogenen Garten erahnt man das zauberhafte Fleckchen Erde. Das Blumenbeet, ein spitzwinkliges Dreieck, steht im Sommer in üppiger Blüte von Rittersporn, Schwertlilien, Phlox, Kugeldisteln. Und das Bienenhaus auf der Obstwiese ist inzwischen frisch saniert. Als hätte es Fallada geahnt: „... aus Eiche und Felsenstein gefügt - noch späte Geschlechter werden es sehen können, wenn mein Leib längst zu Asche geworden ist“, schreibt er in Heute bei uns zu Haus.

Mitten im Dorf, auf einer leichten Anhöhe, liegt der alte Friedhof. Von Falladas Grab streift der Blick weit über Seen und Wälder. Auf einem Schriftrelief ein Zitat aus "Kleiner Mann, was nun?": „Und plötzlich ist die Kälte weg, eine unendlich sanfte, grüne Woge hebt sie auf und ihn mit.“

Information

Hans-Fallada-Museum, Zum Bohnenwerder 2, 17258 Feldberger Seelandschaft.

Weitere Infos unter

Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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