Über den Tag hinaus

Klartext
Foto: privat
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten im März und April stammen von Jürgen Wandel. Er ist Redakteur der zeitzeichen.

Total loyal

SONNTAG OKULI, 19. MÄRZ

Die arme Witwe hat ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte. (Markus 12,44)

Im Jerusalemer Tempel beobachtet Jesus, dass „viele Reiche viel“ in den Opferstock legen, eine Witwe dagegen „alles, was sie zum Leben hatte“. Jesus kritisiert nicht - wie in anderen Geschichten - die Reichen. Aber er lobt die arme Witwe als Vorbild im Glauben.

So illustriert die Geschichte vom „Scherflein der Witwe“ die Antwort, die Jesus zuvor (Verse 28-31) einem Schriftgelehrten auf die Frage nach dem „höchsten Gebot“ gegeben hat: dass man Gott und den Mitmenschen lieben soll „von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt“.

Und das tut die Witwe. Denn indem sie „alles, was sie zum Leben hatte“, hergibt, gibt sie sich ganz Gott hin, zeigt, dass sie allein an ihn glaubt. Aber ein solcher Glaube, den auch Jesus praktiziert, führt leicht zu Konflikten mit Gewaltherrschern und denen, die ihnen nachlaufen. Das zeigen die folgenden Kapitel des Markusevangeliums. Sie schildern das Leiden und Sterben Jesu, wie und warum es dazu kommt.

In Diktaturen kann der Glaube an Gott die Freiheit und das Leben kosten. Denn Diktatoren verlangen die totale Hingabe ihrer Untertanen. Aber auch in einer Demokratie konkurrieren Götzen, zum Beispiel Politiker, die sich und ihre Meinung vergötzen, mit Gott um die vollkommene Hingabe der Menschen.

In der Ansprache bei seiner Vereidigung sagte US-Präsident Donald Trump, „das Fundament“ seiner Politik sei „die totale Loyalität (total allegiance) gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika”. Der evangelisch-methodistische Theologe Stanley Hauerwas, der dreißig Jahre an der Duke University gelehrt hat, entgegnete in der Washington Post, für Christen käme allein Gott eine „totale Loyalität” zu. Doch letztlich ist Trump nur sich selbst gegenüber total loyal.

Die Geschichte lehrt: Während Patrioten ihr Land lieben, folgen Nationalisten nur ihren Ressentiments, Gewalt- und Allmachtsphantasien, die sie durch nationale und religiöse Phrasen verbrämen. Sie erweisen sich als selbstbezogene, in sich selbst verkrümmte Menschen, denen Gott und ihre Mitmenschen vollkommen egal sind. Und den Scherbenhaufen, den sie hinterlassen, muss dann das Volk beseitigen, dessen Wohl sie immer beschworen haben.

Neue Gemeinschaft

SONNTAG LÄTARE, 26. MÄRZ

Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. (Johanne 6,56)

Dieser Vers scheint den Vorwurf zu bestätigen, das Abendmahl sei Kannibalismus. Dabei hält sich Luthers Übersetzung ja noch zurück. Denn das griechische Wort, das er mit „isst“ wiedergibt, heißt genau genommen „nagen, zerkauen, zerbeißen“.

Vielleicht lässt sich die Aussage Jesu aber besser verstehen, wenn man sie durch das Bekenntnis des 1. Johannesbriefs interpretiert: „Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Gottes Liebe, wie sie in Jesu Leben und Sterben offenbar wird, ist ja im Abendmahl zu sehen und zu schmecken. Diejenigen, die das Brot zerkauen, den Wein trinken, beides runterschlucken und verdauen, verinnerlichen im wahren Sinne des Wortes, was sie im Neuen Testament lesen und von der Kanzel hören: dass sich Jesus hingegeben hat, damit die Menschen „das Leben haben“.

Und indem Christen Christi Leib beim Abendmahl in sich aufnehmen, werden sie zu seinem Leib. Dieser verbindet Angehörige unterschiedlicher Konfessionen, Nationen, Kulturen, Schichten und Parteien. Und darunter sind auch solche, die sich sonst nicht an einen Tisch setzen, einander nie zum Essen einladen, geschweige denn aus einem Kelch trinken würden. Leider wird der Gemeinschaftscharakter des Abendmahls in einigen Konfessionen in den Hintergrund gedrängt. Das zeigt schon die liturgische Gestaltung: In römisch-katholischen Gottesdiensten treten die Teilnehmer einzeln nach vorne, empfangen die Hostie und kehren sofort an ihren Platz zurück. Anglikaner knien vor dem Pfarrer und seinen Assistenten, sehen die Mitfeiernden also nur aus dem Augenwinkel. Und die Spendeworte „für Dich“ befördern auch in der evangelischen Kirche die Auffassung, beim Abendmahl gehe es vor allem um den Einzelnen.

Die Gemeinschaft, die Gott im Abendmahl schenkt, muss auch für Außenstehende erkennbar werden. Umso absurder ist es, wenn Kirchen nur ihre Mitglieder, also Gleichgesinnte, zum Abendmahl zulassen. Und es ist ein Skandal, ja eine Bankrotterklärung des Christentums, wenn Christen gegen ihre Tischgenossen Krieg führen.

Tiefer Glaube

SONNTAG JUDIKA, 2. APRIL

Nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deinen Sohn nicht verschont um meinetwillen. (1. Mose 22, 12)

Die Geschichte von der Prüfung oder Versuchung Abrahams spiegelt die Geschichte Israels, bringt sie auf den Punkt. Die Juden wurden ja schon zur Zeit des Alten Testamentes verfolgt. Ihre Städte wurden zerstört, die Bewohner umgebracht oder verschleppt. Und seither sind Juden immer wieder in Situationen geraten, die jeder Beschreibung spotteten, die Gottes Verheißung Hohn sprachen. Damit wurde ihr Gottvertrauen auf die Probe gestellt und sie in Versuchung geführt, ihrem Glauben abzusagen und sich taufen zu lassen. Christen im Nahen Osten machen ähnliche Erfahrungen. Für sie hat die Sechste Bitte des Vaterunsers unmittelbare Bedeutung. Denn „führe uns nicht in Versuchung“ meint ja: Gott möge den Beter vor Situationen bewahren, in denen er aus Angst vor Verfolgung seinen Glauben verleugnet oder aufgibt.

Aber auch der Glaube der Christen, die in Frieden und Wohlstand leben, wird immer wieder auf die Probe gestellt: Wenn eine schwere Krankheit sie oder Menschen bedroht, die ihnen nahestehen. Wenn Mitmenschen sie verlassen, sich abwenden oder sterben. Wenn sich Berufswünsche zerschlagen und Karrieren zerbrechen. Wenn Terroristen oder Diktatoren Pläne und Hoffnungen von Einzelnen und Gruppen zunichtemachen. Wenn das Böse zu triumphieren scheint. Solche Perspektiven und bittere Lebenserfahrungen können das Grundvertrauen von Menschen erschüttern. Sie stellen den Glauben an einen gütigen Gott in Frage. Sie fechten den Glaubenden an, wie man traditionell sagt.

Zumindest gelegentlich drängt sich ja der Eindruck auf, dass Gott abwesend ist. Das empfinden Menschen, wenn ihre Zukunft oder die der Welt auf dem Spiel steht. Und dann sind sie ganz nahe bei Abraham. Der Tod seines Sohnes wäre ja schon für sich genommen schlimm genug gewesen. Doch er hätte darüber hinaus das Ende des jüdischen Volkes bedeutet. Gott hatte Abraham versprochen: „Ich habe einen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker werden.“ Und das hätte Isaaks Tod zunichtegemacht.

Erstaunlicherweise scheint sich Abraham mit Gottes Forderung abzufinden. Jedenfalls verhandelt er nicht mit Gott, wie er das tat, um die Vernichtung Sodoms abzuwenden. Er klagt nicht, wie das die Psalmisten tun. Er ringt nicht mit Gott wie Jakob. Und er bittet auch nicht wie Jesus im Garten Gethsemane, dass der bittere Kelch an ihm vorübergehe. Und warum verhält sich Abraham so passiv? Spiegelt das einen Schicksalsglauben, wie er Muslimen nachgesagt wird? Oder zeigt sich da ein Kadavergehorsam, wie er in Diktaturen und fundamentalistischen Gruppen üblich ist?

Eine Antwort könnte Vers 5 geben. Danach sagte Abraham zu den beiden Knechten, die ihn und Isaak begleiteten: „Ich und der Knabe wollen auf den Berg gehen. Und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.“ Man kann man diese Worte natürlich als Notlüge deuten, die Isaak beruhigen soll. Aber sie lassen sich auch anders verstehen. In der jüdischen wie in der christlichen Tradition gilt Abraham als Vorbild im Glauben, Beispiel für absolutes Gottvertrauen. Daher kann man davon ausgehen, dass er letztlich darauf vertraut, dass Gott zu seiner Verheißung steht und Isaak am Leben lassen wird. Abraham glaubt also gegen den Augenschein daran, dass Gott ein liebevoller Vater ist, ein barmherziger Herr und kein blutrünstiger Despot, der Menschenopfer will. Und das hat auch Jesus geglaubt und verkündigt.

Schöne Gottesdienste

PALMSONNTAG, 9. APRIL

Jesus sprach: Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. (Markus 14,7)

Diesen Satz sagt Jesus, nachdem ihn eine unbekannte Frau mit einem Öl gesalbt hat, das wohl das Jahresgehalt eines Landarbeiters wert war. Man hätte „das Geld den Armen geben“ sollen, kritisieren „einige“, die ebenfalls unbekannt bleiben.

Aber Jesus verteidigt die Frau. Er weist darauf hin, dass sie ihn im Voraus für sein Begräbnis gesalbt hat. Und Jesus prophezeit, man werde sich später, wo immer „das Evangelium gepredigt“ wird, an die Unbekannte erinnern. Von daher liegt die Frage nahe, was die Erinnerung an die „Salbung in Bethanien“ heute bedeuten kann.

Wenn Kirchenkritiker die Staatsleistungen oder den Einzug der Kirchensteuer durch den Staat in Frage stellen, verweisen Kirchenleute oft auf das, was die Diakonie für Arme, Behinderte, Kranke, Alte und Kinder tut. Natürlich ist dies ein zentraler Aspekt und Ausdruck des christlichen Glaubens. Und es hat sich bewährt, dass in Deutschland der Staat soziale Arbeitsbereiche freien Trägern und damit auch der Diakonie und der Caritas überlässt.

Aber wie die unbekannte Frau an Jesus ein Ritual vollzogen hat, vollziehen die Kirchen Rituale, die auf Jesus hin- und über den Alltag hinausweisen. Dass für die relativ wenigen Besucher der Sonntagsgottesdienste das ganze Jahr über Gebäude bereit- und instandgehalten werden und sich die Kirche Geistliche leistet, die an der Universität studiert haben und entsprechend bezahlt werden, dürften manche für eine Verschwendung von Arbeitskraft und Geld halten, die man besser den Armen zukommen ließe. Aber gerade ein Tun, bei dem es nicht nur um Kosten und Nutzen, Umsatz und Gewinn geht, trägt dazu bei, dass eine Gesellschaft human bleibt. Und Worte, die im Gottesdienst laut werden, und Rituale wie das Abendmahl inspirieren und motivieren auch, sich für die Armen einzusetzen, ja für eine Gesellschaft, in der es nicht mehr „allezeit“ Arme gibt.

Und in Armenvierteln der Dritten Welt zeigen Gottesdienste, die durch farbige Gewänder der Liturgen, Weihrauch, brennende Kerzen und fröhliche Lieder alle Sinne ansprechen, dass es mehr gibt als eine Gegenwart, die von Tristesse, Gestank und Gewalt geprägt ist.

Jürgen Wandel

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