Opulent

Neue Bachbiografie
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Gardiners Bachbuch ist von einer weiten kulturgeschichtlichen Perspektive geprägt, aber auch eng mit persönlichen Bezügen verbunden.

Mindestens einmal täglich begegnete John Eliot Gardiner als Kind dem großen Komponisten - und zwar nahezu persönlich. Denn in seinem Elternhaus hing das besterhaltene zeitgenössische Portrait von Johann Sebastian Bach über der Treppe auf dem Weg zum Schlafzimmer. Aber auch akkustisch prägte Musik das Leben in der Alten Mühle zu Dorset: An jedem Sonntagmorgen sang die Familie zusammen mit benachbarten Freunden Werke europäischer A-cappella-Chormusik. Dies wurde zum Grundwortschatz des berühmten Dirigenten, der die Originalklangbewegung wesentlich voranbrachte und bis in die Romantik hinein ausweitete. So ist sein Bachbuch von einer weiten kulturgeschichtlichen Perspektive geprägt, aber auch eng mit persönlichen Bezügen verbunden. In 14 Kapiteln nähert er sich dem Leben und Werk Bachs an. Gardiner hat fleißig Quellenmaterial und Sekundärliteratur studiert, aber alles mit seiner eigenen lustvollen Erfahrung des aktiven Musizierens verbunden. Sein opulentes Panorama mit dem Fokus auf die Region Sachsen-Thüringen im 18. Jahrhundert liest sich außerordentlich spannend und berührend.

Besonders interessant ist dabei die Perspektive des Briten auf Deutschland an der Schwelle der Aufklärung. Dabei blickt er nicht bloß auf Entwicklungen in Musik und Theologie. Auch soziologische Faktoren wie die Ernährungsweise der Bevölkerung und ihre Prägung durch den Thüringer Wald sind ihm wichtig. So gelingen unterhaltsam verfasste Längs- und Querschnitte durch das damalige kulturelle Leben, die mit gut ausgewählten Abbildungen illustriert sind. Doch in aller Weite verliert er seinen Leitstern nicht: Die Bedeutung des geistlichen Vokalwerks Johann Sebastian Bachs für heutige Menschen. Vielfach hat Gardiner die Oratorien und Passionen Bachs aufgeführt.

Doch als das große Abenteuer seines Lebens mit dem großen Thomaskantor erwies sich die „Wallfahrt“ mit allen seinen fast zweihundert erhaltenen Kirchenkantaten im Jahr 2000. Innerhalb eines Kalenderjahrs führte er alle Kantaten in verschiedenen europäischen Kirchen auf - an dem Sonn- oder Feiertag, für den sie geschrieben wurden. Ein bisher einmaliges Projekt, das dem Dirigenten tiefe Einblicke in Bachs Schlüsselwerke beschert hat und von der Überzeugung getragen war, dass diese Kantaten eine universelle Hoffnungsbotschaft transportieren, die unabhängig vom kulturellen, religiösen oder musikalischen Hintergrund eines Menschen ist.

Sich davon berühren zu lassen, dazu fordert Bach alle auf, die ihm durch die Zeiten zuhören. Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Doch Gardiner ist der Ansicht, dass sich etwas vom Wesen Bachs und dessen Ansichten aus seinen Werken herauslesen lässt. In seiner Musik seien vielschichtige Charakterzüge des Komponisten verborgen - mal fromm, dann wieder rebellisch, verbunden mit Empathie und Humor. So sieht Gardiner „Ich liebe den Höchsten von ganzem Ergötzen“ (bwv 174) für den Pfingstmontag 1729 als „Protestkantate“ gegen den aktuellen Entschluss des Stadtrates, auch unmusikalische Schüler in die Thomasschule aufzunehmen. Denn ihre Gesangspartien sind ungewöhnlich schlicht gehalten, während im Orchesterpart der Glanz des Feiertages entfaltet ist. Solche Interpretationen bleiben natürlich Spekulation. Doch es ist keine unbegründete Fabulierlust, die Gardiner zu solchen Thesen führt, sondern der Eros des vielfältig Kundigen. Wer von den zahlreichen besprochenen Werken etwas im Ohr hat, kann sich sicher leichter darauf einlassen. Aber das Buch kann auch dazu verlocken, sich parallel zur Lektüre die sämtlich online verfügbaren Kantaten auf Youtube anzuhören.

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Gudrun Mawick

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