Detailliert

Handbuch Reformation
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Dieses handliche Handbuch ist auch als Nachschlagewerk zu gebrauchen.

In dem Werk der Mainzer Kirchenhistorikerin Irene Dingel wird übersichtlich, präzis und zügig der Verlauf der Reformation geschildert, samt Vorgeschichte und Folgen. Im Zentrum steht der Zeitrahmen von 1517 (95 Thesen) bis 1555 (Augsburger Religionsfrieden). Dieses handliche Handbuch ist auch als Nachschlagewerk zu gebrauchen, bei dem freilich ein Begriffs- und Sachregister fehlt, das neben den Registern der Personen und der Orte angebracht gewesen wäre.

Auf die Hintergründe der Reformation folgen die „Zentren-Akteure-Ereignisse“. Den Schlussteil bildet das Thema „Ausstrahlung“ in ganz Europa. Der Aufbau des Buches ist überwiegend chronologisch geordnet. Teilweise sind die einzelnen Kapitel aber thematisch angelegt. Das führt gelegentlich zu Irritationen. So tritt der Bauernkrieg 1525 erst in dem späteren Kapitel „Krieg und Frieden“ in Erscheinung, das auch den Schmalkaldischen Krieg 1546/47 und die französischen Religionskriege behandelt.

Als Hauptzentren der Reformation werden, in der zeitlichen Reihenfolge, Wittenberg, Zürich, Straßburg und Genf behandelt, jeweils mit dem entsprechenden „Reformatorennetzwerk“. Da wäre aber auch noch London als fünftes Hauptzentrum in nötiger Breite zu entfalten gewesen, statt dass der anglikanische Strang der Reformation im Schlussteil unter der Rubrik „England“ zwischen Frankreich und Schottland relativ knapp zu stehen kommt. Eine Stärke des Buches liegt in der Erarbeitung der politischen, sozialen und kulturellen Zusammenhänge, Bedingungen und Auswirkungen der Reformation. Dafür ist die theologisch-systematische Reflexion eher zurückhaltend geraten, außer bei den famosen Zusammenfassungen der reformatorischen Grundtexte Luthers samt Argumentationsgängen.

Als Hauptakteure der Reformation werden Luther, Melanchthon, Zwingli, Bucer (erfreulich gewichtig) und Calvin hervorgehoben, und dann immer wieder der nicht direkt dazugehörende, aber als Wegbereiter, Antipode und kritischer Begleiter für die Reformation unentbehrliche Erasmus. Dingel behauptet einerseits ein kritisches Verhältnis zwischen Humanismus und Reformation, zeigt aber zugleich die Verzahnungen, indem gerade durch den Humanismus viele zur Reformation fanden und dann auch als Protestanten dezidierte Humanisten blieben.

Ausführlich wird der reformatorische „Dissent“ behandelt. Darunter fasst Dingel Täufer, Spiritualisten und Antitrinitarier zusammen. Luthers polemische Etikettierung etlicher Vertreter und Strömungen aus diesen drei Bereichen als „Schwärmer“ bleibt zu Recht außen vor. Wenn man die „Hauptströmung“, also den Mainstream der Reformation, und den Dissent nebeneinanderstellt, dann ist der Dissent aus der Perspektive des Mainstreams „heterodox“, wie das Dingel ausdrückt, um die Bezeichnung „häretisch“ zu vermeiden. Letzteres Etikett konnte aus damaliger gesamtchristlicher Sicht auf alle Fälle den Leugnern des Trinitätsdogmas angeheftet werden, mit allen verheerenden Konsequenzen, etwa im Fall von Servet. Übrigens kommt Calvin im Zusammenhang der Hinrichtung Servets 1553 bei Dingel ungeschoren davon.

„Dreh- und Angelpunkt der Reformation“ ist die Rechtfertigungslehre und dazu die Kritik an einer Verabsolutierung der Kirche auf der Basis der Heiligen Schrift. Die von dieser Grundgemeinsamkeit ausgehenden erheblichen innerprotestantischen Differenzen, die sich besonders an der Abendmahlsfrage entzündeten, werden detailliert entfaltet, samt den ständig erforderlichen Bemühungen um einen reformatorischen Grundkonsens.

Andreas Rössler

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