Wider den kirchlichen Populismus

Warum das AfD-Bashing evangelischer Kirchenvertreter einfach töricht ist

Um es gleich vorneweg zu sagen: Dies ist kein Plädoyer für die AfD. Es ist eines für den liberalen demokratischen Rechtsstaat, für eine ehrliche Theologie und eine umsichtige Kirchenpolitik - kurz: Es ist ein Plädoyer gegen kirchlichen Populismus.

Zwischen Köln, Hannover, Berlin schießen sich führende Vertreter der Evangelischen Kirche und engagierte Christen gegen die AfD ein. Doch dieses AfD-Bashing ist gleich aus mehreren Gründen einfach töricht.

Erstens: Es ist historisch blind. Viele Positionen der Partei wurden in der nicht allzu fernen Vergangenheit der Nachkriegszeit nicht nur von anderen Parteien, sondern auch von den Kirchen vertreten. Peinlich, aber wahr. Hier gab es glücklicherweise manchen Lernprozess. Trotzdem - die Entwicklung des liberal-moralischen Weltgeistes verläuft eben nicht einlinig oder auch nur in eine Richtung. Dies gilt es anzuerkennen.

Zweitens: Es ist kirchenpolitisch hoch riskant. Bisher erfreuen wir uns in Deutschland einer Volkskirche, in der zumindest an der Basis noch ein weites politisches Spektrum abgebildet wird. Das ist ein sehr hohes Gut. International ist die schmerzhafte Beobachtung prägend, dass der Protestantismus sich verstärkt über politisch-moralische Fragen zersplittert.

Drittens: Es ist ökumenisch feige. Viele Positionen der AfD - die, wie gesagt, ich nicht teile - werden in der weltweiten Christenheit (leider) gegenwärtig offensiv vertreten. In Fragen der Familie und der Sexualität denke man an die Kirchen des Südens, in Sachen Nation und Politik an die orthodoxen Kirchen des Ostens. Der realistische Blick auf eine christlich-moralische Weltkarte dürfte zur ernüchternden Einsicht führen: Jenseits der ökumenischen „frequent travelers“ ist die Position der AfD-Kritiker eine Minderheit. Wenn dies alles in der Tat theologisch-moralisch jenseits des Möglichen ist, warum teilt man dann nicht in vergleichbarer Weise gegen die ökumenischen Brüder und Schwestern aus?

Viertens: Es ist ethisch anmaßend. Es gibt im Protestantismus kein moralisches Lehramt, ohne Wenn und Aber. Evangelische Christen folgen als Wähler ihrem informierten und theologisch „geschärften“ Gewissen und können sich auch irren. Diese ethische Eigenverantwortlichkeit gilt es durch faire Diskussionen und Bildungsanstrengungen zu stärken. Natürlich muss es auch das von Dietrich Bonhoeffer zu Recht geforderte öffentliche Wort der Kirchen geben - aber befinden wir uns tatsächlich in diesem moralischen, theologischen und politischen Ausnahmezustand?

Fünftens: Es ist politisch falsch. Die Art der Auseinandersetzung mit der AfD als einer - man mag dies bedauern, aber als liberaler Verfassungspatriot muss man dies anerkennen - demokratischen Partei führt zu einer weiteren Moralisierung der Politik, die das Aushandeln von Interessen zunehmend erschwert. Und: Das Tête-à-Tête von Angela Merkel, Barack Obama und Heinrich Bedford-Strohm auf dem Kirchentag machte unübersehbar deutlich: Das politische Spektrum in Deutschland ist weit nach links verschoben. Dies mag man von Herzen begrüßen. Aber zugleich zu glauben, die Etablierung einer auch von Christen unterstützten Partei „rechts von Obama“ könnte verhindert werden, ist politisch mehr als unrealistisch.

Sechstens: Es ist theologisch peinlich. Die sich von der AfD massiv abgrenzenden EKD-Repräsentanten bieten als Ethik des Politischen ein wuchtiges universalistisches Barmherzigkeitsethos an. Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Alle sind Kinder Gottes. Alle Flüchtlinge sind „Fremde“. Niemand darf ausgegrenzt werden. Wer Grenzen fordert, sät Hass. Man kann dies jesuanisch nennen. Aber es ist zugleich unglaublich reduktionistisch. Stehlen sich damit die Kritiker nicht theologisch aus der politischen Verantwortung? Dies wäre bedauerlich. War doch die Verantwortungsübernahme für funktionierende Staatlichkeit lange ein Kennzeichen der Protestanten.

An die Stelle des Bashing sollten drei Dinge treten: Zunächst: Habituell abrüsten und die links-liberale Echokammer verlassen. Der prophetische Gestus ist angesichts der Machtverhältnisse deplaziert. Dann: Das Bekenntnis zum liberalen demokratischen Rechtsstaat nicht als Monstranz vor sich her tragen, sondern ihn aktiv verteidigen. Und das heißt: Im Spiel der Demokratie steht es keinem Spieler an, wie ein Schiedsrichter darüber zu urteilen, wer ein wahrhaft demokratischer Mitspieler ist. Darüber entscheiden die Gerichte. Wer dies bestreitet, will eine andere Republik. Schließlich: Offene und kontroverse Diskussionen zu den zwei dem Streit zugrundeliegenden Sachproblemen: wirtschaftliche Globalisierung und soziale/kulturelle Globalisierung. Dies sind die Probleme der nächsten Jahrzehnte. Sie fordern mehr als kirchlichen Populismus.

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Günter Thomas ist Professor für Systematische Theologie, Ethik und Fundamentaltheologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Günter Thomas

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