Treffsicher

Über katholische Familienmoral
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Es ist ein Pluspunkt des Buches, dass es auch die Themen benennt, die blinde Flecken im päpstlichen Schreiben markieren.

Die Bischofssynoden von 2014 und 2015, jeweils dem Thema Familie gewidmet, waren zweifellos herausragende Ereignisse im bisherigen Pontifikat von Papst Franziskus. Dementsprechend richteten sich auch gespannte Erwartungen auf das erste nachsynodale Schreiben des Papstes aus Lateinamerika, das dann im vergangenen April unter dem Titel „Amoris Laetitia“, „Die Freude der Liebe“, veröffentlicht wurde. Seither wird innerhalb der katholischen Kirche, nicht zuletzt auch in Deutschland, intensiv über dieses umfangreiche Dokument diskutiert und gestritten. Mit dem vorliegenden kleinen Buch, das leider passagenweise unzulänglich lektoriert wurde, hat sich jetzt der emeritierte Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner in die Debatte eingeschaltet, der für seine schnelle und treffsichere Feder seit Jahrzehnten bekannt ist.

Zulehner ist ein Fan des derzeitigen Papstes und seines Verständnisses von Kirche, ohne zum oberflächlichen Lobredner zu werden. Das zeigt sich auch an seiner Stellungnahme zum nachsynodalen Schreiben. Er macht zunächst dankenswerter Weise auf einen Grundzug des „Amoris Laetitia“ aufmerksam, der bei nicht wenigen Reaktionen unbeleuchtet blieb: Papst Franziskus füge sich „geschmeidig in den synodalen Prozess ein. Er zitiert ausführlich Passagen aus den Dokumenten der Synode. Vor allem in den sensiblen Fragen folgt er dem mehrheitlichen Rat der Bischöfe“. Es ist nicht unwichtig, diese Eigenschaft des päpstlichen Schreibens ausdrücklich festzuhalten, nicht zuletzt im Blick auf die weitere Entwicklung der Lehramtspraxis in der katholischen Kirche mit ihrem spannungsreichen Nebeneinander von Primat des Papstes und Autorität des Bischofskollegiums.

Papst Franziskus, so die allerdings wenig überraschende Grundthese Zulehners zu „Amoris Laetitia“, vollziehe einen Perspektivenwechsel in Sachen Ehe und Familie: Von der Einschärfung moralischer Normen zu einer sensiblen, die Menschen in ihren konkreten Lebensvollzügen, gerade auch in ihrem Scheitern begleitenden Pastoral unter dem Grundwort Barmherzigkeit. Zulehner spricht zusammenfassend von einer theologisch bestens fundierten pastoralen Wende des Papstes und macht diese ausführlich am Streitpunkt des kirchlichen Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen deutlich, der die nachsynodale Diskussion weithin beherrscht. Er betont, dass Franziskus hier den Bischofskonferenzen Spielraum lasse.

Es ist ein Pluspunkt des Buches, dass es auch die Themen benennt, bei denen schon die Synoden von 2014 und 2015 nicht wirklich weitergekommen sind und die auch blinde Flecken im päpstlichen Schreiben markieren. Zulehner spricht in diesem Zusammenhang optimistisch von „(halb)offenen Themen“; er zählt dazu die Genderproblematik, die Beurteilung von Homosexualität, die Frage nach den Alleinlebenden und den verbreiteten kirchlich- pastoralen „Familialismus“. So sei es „bedenklich, ja wissenschaftlich wie frauenpolitisch fatal“, dass das päpstliche Schreiben von „Gender“ als Ideologie spreche.

Der österreichische Pastoraltheologe erkennt dagegen an, dass der Prozess zu einer Weiterentwicklung der Haltung der Kirche zu den Homosexuellen auf der Familiensynode angestoßen worden sei. Zum Stichwort „Familialismus“ wird angemerkt, das Bild der Familie wecke bei der Anwendung auf das kirchliche Leben Erwartungen, die praktisch-theologisch nicht wünschenswert und theologisch fundiert seien. Man darf also nach der Vorgabe des „Amoris Laetitia“ auf die weiteren Entwicklungen in der katholischen Ehe- und Familienmoral gespannt sein.

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Ulrich Ruh

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