Indiana Jones

Nils Petter Molværs „Buoyancy“
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Ein Molvær-Album bedeutete immer schon auf eine Reise zu gehen, einen Trip, ein Rauscherlebnis. Pure Musik, die die Welt und sich selbst erforscht.

Kein Witz: Am Mount Everest stehen sie wie bei Aldi Schlange, nur dass hier keine zusätzliche Kasse geöffnet werden kann. An anderen Sehnsuchtsbergen ist es ähnlich, und oft stehen blutige Laien an. „Narzisstische Enthusiasten“ nennt sie die Alpinismusjournalistin Stephanie Geiger, die sich, obwohl völlig unerfahren, davon nicht abbringen ließen. Verabsolutierung von Leistung und übertriebenes Bedürfnis, Erster und Bester zu sein, macht ein Psychologe als Motive dahinter aus. Verbote hülfen da nicht, Therapien eher.

Rappelvoll waren jüngst auch die Konzerte der Nils Petter Molvær-Tour, nur dass die mal wieder Raum gaben statt zu nehmen, Gipfelerlebnisse inklusive. Der norwegische Trompeter stellte sein neues Album „Buoyancy“ vor. Vor zwanzig Jahren eroberte er mit der epochalen Platte „Khmer“ Klangneuland. Sein zwischen Jazz und Rock erprobtes Spiel zog er auf Elektrobeats, Sampler, Sequenzer und digitale Effekte - ein Stil, den er seither ausbaute und live so souverän wie im Studio beherrscht. Das Zusammenspiel von Molvær mit seinen Bandkollegen in Bezug auf Klangfarben, Strukturen und Dynamik ist betörend und mäandert zwischen poetischer Meditation und wuchtiger Abfahrt. Jazzfinesse und Lust daran, Loops oder, wo es passt, Rückgriff auf geröllstarke Rockstrukturen, sie bedienen sich überall, entziehen sich Genrezuschreibungen.

Ein Molvær-Album bedeutete immer schon auf eine Reise zu gehen, einen Trip, ein Rauscherlebnis. Pure Musik, die die Welt und sich selbst erforscht. Hier werden weiße Flecken der Landkarte erreicht, gefühlt, geschmeckt, begangen, mitunter auch erobert. Der Albumtitel Buoyancy (Auftrieb, Schwimmfähigkeit; „buoy“ ist die Bole) legt Wasser nahe. Das Bookletfoto zeigt denn auch die Vier an einer Küste, übrigens wie das gesamte Artwork in schwarzweiß, mit harten Kontrasten. Aber die Musik, wie einige der Tracktitel (Ras Mohammad, der nach einem Fels benannte Nationalpark auf der Halbinsel Sinai; Moute Cave, was die steinzeitlich ausgemalte Höhle La Mouthe evoziert) verweisen eher ins Gebirge.

Doch am besten hört man auf die Musik, und die ist mal wieder Landschaft eigenen Gepräges, wie das für diesen Indiana Jones des Klangs typisch ist. Sie folgt einer Traumlogik, hebt die Gesetze der Realität auf, führt aber nicht ins Surreale, stets mit Molværs weichem Ton und dennoch klaren Konturen. Beispielhaft höre man sich das neunminütige Amed an - bloß nicht im Auto, denn es macht einen glauben, man könne fliegen, und verführt dazu, in der Kurve nicht zu lenken. Musik, für die es Mount Everest-Fixierten vielleicht an Mut gebricht. Oder an Muße.

Udo Feist

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