Lebendige Geschichte

„Europäischer Stationenweg“ mit Halt in Minden
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Himmelblau leuchtet der Reformationstruck auf dem Martinikirchhof im ostwestfälischen Minden, blau leuchtet auch der Himmel über der Stadt an diesem Adventswochenende. Der Truck, siebzehn Meter lang, 33 Tonnen schwer, lädt aufgeklappt mit einer breiten Treppe an der weit verglasten Seitenfront zum Betreten ein. Frontal finden sich eine Reihe von Bildschirmen, multimedial wird die Reformationsgeschichte erzählt, Martin Luthers Wirken und Texte, sein Leben, sogar Episoden über seinen Humor lassen sich aufrufen. „Dem Teufel eine Nase drehen“ amüsiert die Besucher sichtlich. Videos und Bilder über Auswirkungen der Reformation, Quellen und Geschichten lassen keine Frage offen, wenn man genügend Zeit mitbringt. Auch die reformatorische Regionalgeschichte hat ihren Platz: Im Bus werden Videos und Meinungen gesammelt, alles, was unterwegs relevant ist und von den jeweiligen Städten beigesteuert wird. „Es ist eine kleine Sensation, dass Minden es geschafft hat, mit Metropolen wie London, Wien oder Prag in die Liga der Städte auf den Stationenweg zu gelangen“, freut sich Superintendent Jürgen Tiemann. Damit ist die 82.000 Einwohner zählende Stadt der einzige ausgewählte Ort innerhalb der westfälischen Landeskirche.

Ist man nun einer von 68 Stationen in 19 europäischen Staaten, so deutet das sichtlich auf die einstige Bedeutung hin. Gegründet um das Jahr 800 als Bistum von Karl dem Großen, gehörte Minden im Mittelalter zur Hanse und war ein wichtiger Handelsplatz an der Weser mit mächtigem Dom. Benediktiner- und Dominikanerklöster befanden sich in der oberen Altstadt, wo 1029 die St. Martinikirche erbaut wurde, die ein wichtiger Ort der Reformation werden sollte. Hier predigte Nikolaus Karge, ein Lutherschüler, der 1530 eine Kirchen- und Gottesdienstordnung für alle drei Mindener Stadtkirchen erließ, die erste in Westfalen und damit wegweisend für viele andere. Prediger Karge wusste den Rat der Stadt hinter sich und reformierte auch das Bildungswesen. Nach Luthers Motto: „Wer lesen und schreiben kann, den kann man nicht so leicht für dumm verkaufen“, wurde noch im gleichen Jahr eine Lateinschule gegründet, die als Ratsgymnasium bis heute besteht. Staunend erfahren viele Mindener dies hier als Teil ihrer alten Geschichte auf den Bildschirmen.

Rings um den Truck ist auf dem Kirchplatz, der heute als Marktplatz dient, ein kleines „Luther-Dorf“ aufgebaut. Drei Tage beleben den Ort sogenannte Reenacter, Menschen, die in historischen Kostümen das Leben zur Zeit der Reformation lebendig machen: Bürgersfrauen in alten Gewändern, ein Prediger im Talar des Nikolaus Karge und in karges Sackleinen gekleidete Mönche lassen sich mit staunenden Kindern fotografieren. Alten Handwerkern, zum Beispiel einem Würfelmacher oder einem Weber, kann man über die Schulter schauen. Es gibt Lutherbier und -kaffee, wobei man milde darüber hinwegschauen sollte, dass der Kaffee erst hundert Jahre nach Luther erstmals nach Europa kam. Der Kirchenkreis Minden und die Stadt und viele Initiativen haben ein interessantes Rahmenprogramm organisiert, historische Gottesdienste und Stadtführungen, Ausstellungen und Konzerte sind ein Teil davon. Das übergeordnete Motto lautet „Nicht ohne dich“ - dabei geht es um Inklusion von Menschen mit Behinderung, Integration von Flüchtlingen und das Miteinander der Generationen. Dieses Programm erstreckt sich noch bis weit in dieses Jahr.

Wenn der Truck im Mai in Wittenberg ankommt, wird er vollgepackt sein mit Geschichten und Anekdoten, nicht nur der Vergangenheit, sondern auch denen der lebendigen evangelischen Kirchen bis heute.

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Angelika Hornig

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