Grandios

Augustus: Was ist der Mensch?
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Ein großer, sehr aktueller historischer Roman, der als freundliche Bombe in eine von Konzernhierarchien, Politikniederungen und den vielfältigen Höllen des Selbstoptimierungszwanges geprägte Gegenwart einschlägt.

Ich bin mir sicher, dass der Senat es nach meinem Tod angebracht finden wird, mir Göttlichkeit zuzusprechen. Eine Narretei. Trotzdem ist mir von allen Rollen, die ich zu Lebzeiten zu spielen hatte, diese am unangenehmsten. Ich bin ein Mensch und so dumm und schwach wie alle; falls ich gegenüber meinen Mitmenschen einen Vorteil hatte, dann den, dass ich dies über mich gewusst habe und daher auch die Schwächen anderer kannte und nie damit rechnete, bei ihnen größere Stärke und Weisheit zu finden als bei mir selbst. Dieses Wissen war eine der Quellen meiner Macht.“

Schreibt Kaiser Augustus im gleichnamigen Roman des US-Amerikaners John Williams (1922-1994) an seinen Freund, den Philosophen und Historiker Nikolaos von Damaskus, der als Herodes' Gesandter nach Rom gekommen war. Der Clou: Nikolaos ist zu diesem Zeitpunkt schon tot, der erste Kaiser Roms ist es wenig später auch. So ist es der Leser, der auf diesem Wege Vermächtnis und Lebensbeichte erhält - eingebettet in einen grandiosen Roman, was so nicht zu erwarten war. Gaius Octavius Caesar (63 v. Chr. - 14 n. Chr.), genannt Octavian, später Augustus, der Erhabene, ein Verwandter des ermordeten Julius Caesar und zu dessen Erben ernannt, war Caesars nachdenklicher und körperlich schwächlicher Protegé. Im historischen Gedächtnis haften blieb er indes als Friedenskaiser, die verkörperte Pax Romana, und natürlich als jener, von dem, wie der Evangelist Lukas schreibt, das Gebot ausging, dass alle Welt sich schätzen ließe, und der so Jesus zum Geburtsort Bethlehem verhalf. Ein fades Klischee. Dass Augustus spannend ist, liegt an der Art, wie Williams sein Leben erzählt - trotz Sprüngen chronologisch, aber als ein Panoptikum aus vielen Perspektiven, indem er aus Briefen, Protokollen und Tagebuchauszügen ein fesselndes Gewebe knüpft. Darin kommt Augustus ebenso eindringlich zu Wort wie Familienangehörige, Freunde, erbitterte Feinde und Zeitgenossen wie Livius, Cicero oder die Dichter Horaz, Ovid und Vergil.

So entsteht ein lebendiges Bild von den Geschehnissen nach dem Mord an Caesar, als Octavian, getrieben vom Wunsch nach Rache an dessen Meuchlern und nach Stabilität für das Reich über Jahre des Bürgerkriegs zum Alleinherrscher aufstieg. Historische Details sind zutreffend, aber storytauglich auf ihren Kern reduziert und auch wenig Geschichtskundigen direkt zugänglich. Vor allem aber gewährt Augustus packend Blicke in das Innere der Handelnden, allen voran Octavians - gespiegelt durch die Eindrücke jener, die ihn kannten.

Eine Fiktion, die dem mutmaßlich Wahren dicht auf der Fährte ist. Zwischen Pflicht und Mäßigung, Machtwillen, Eitelkeit, Leidenschaften, deren eruptiver Befreiung und den Brüchen, die darauf folgen, agieren überhaupt nicht gestrige Menschen. Besonders ergreifend ist Augustus' Verhältnis zu seiner einzigen, innig geliebten Tochter Julia, die er wegen seiner Ehegesetze in die Verbannung schickte. Dabei war sie immer loyal, obwohl sie keinen ihrer Männer liebte und Ehen wie Witwenschaft stets als Staatsangelegenheit begriff. Dennoch denkt sie, dass ihr Leben jenes war, das er nie führen konnte - eben weil er Augustus war. „Vater, ist es das wert gewesen?“ - „Ich muss daran glauben“, antwortet er, der sein Leben im Rückblick eine Komödie nennt, in der er so viele Rollen spielte, das es sein Selbst gar nicht mehr gibt.

Klingt larmoyant, ist im Roman aber weise mit Fleisch gefüllt. Augustus ist ein Buch von shakespearescher Kraft. Darin bringt der Protagonist die ihn lebenslang umtreibende Psalmisten-Frage „Was ist der Mensch?“ auf den Gipfel einer Erkenntnis, die er Athenodorus, dem Lehrer des Octavian, so in den Mund legt: „Er ist ein Mensch wie alle anderen auch und wird dank der Kraft seiner Persönlichkeit und den Zufällen des Schicksals zu dem werden, der er ist.“ Ein großer, sehr aktueller historischer Roman, der als freundliche Bombe in eine von Konzernhierarchien, Politikniederungen und den vielfältigen Höllen des Selbstoptimierungszwanges geprägte Gegenwart einschlägt, deren Verdammnis darin besteht, dass sie das Gesicht des Menschen auszulöschen droht. Hier steht er nackt auf der Bühne. Weltliteratur, die in den Bann schlägt, und ein Ereignis.

Udo Feist

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