Mit Gewinn

Luther für Leute von heute
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Die evangelische Leserin wird am Ende dieses Buches aufs Schönste in ihren ältesten Kindheitsgewissheiten bestätigt

Christian Nürnberger ist bekannt als Jugendbuchautor und evangelischer Publizist, der den kirchlich distanziert Sinnsuchenden das Christentum jenseits der theologischen Begrifflichkeiten vermitteln kann. Zum Reformationsjubiläum legt er ein Luther-Buch vor, das gerade dazwischen liegt: In einem Jugendbuchverlag erschienen und mit märchenhaft surrealen Illustrationen versehen, bietet es sich als Konfirmationsgeschenk an, wird in seinem mehr erklärenden als erzählenden Duktus aber wohl eher die aufgeklärten Eltern der 14-Jährigen interessieren. Nürnberger will die Lesenden nicht in die Welt des späten Mittelalters versetzen, er beschreibt Luthers Weg und die Anfänge der Reformation vielmehr aus der Perspektive des „westlichen Normalbürgers von heute“: die damalige Kirche als „Großkonzern“ und die Rechtfertigungslehre als „Entdeckung eines neuen Gottesbildes“.

Seine Reformationsgeschichte beginnt ganz wie im klassischen Religionsunterricht mit dem Blitzschlag auf dem Weg nach Erfurt, mit der mittelalterlichen Angst vor Hölle und Fegefeuer. Doch lässt er den jungen Luther, der an seiner Fähigkeit zum Gutsein vor Gott zweifelt, dann gleich zum frühen Entdecker der Freud'schen Trieblehre werden. Kundig und kritisch vergegenwärtigt er vom Turmerlebnis bis zum Bauernkrieg die wichtigen Lebensstationen des Reformators, informiert über Humanismus und Renaissance, Kolumbus und Kopernikus, weniger genau über die sozialen und politischen Spannungen im frühen 16. Jahrhundert und die reformatorische Aufbruchsstimmung, die Luther ja nicht nur auslöste, sondern die ihn auch trug. Darin bleibt Nürnberger nun doch konservativ: Luther ist für ihn „der Mann, der in vier Jahren die Welt veränderte“. Als Initiator der Neuzeit wird er gefeiert, weil er die „mächtigsten Autoritäten der Welt absetzte“ und den Autoritäten einer neuen Zeit zum Durchbruch verhalf: „Schrift, Vernunft, Gewissen“ - und damit auch der Relativität aller Wahrheit den Weg bahnte.

Auf Abstand geht der Autor zu dem Luther, der dem Mittelalter verhaftet bleibt, unverständliche Entscheidungen fällt, im Zorn unverzeihliche Dinge zu Papier bringt. Er urteilt vernünftig, kommt dem Menschen und leidenschaftlichen Theologen Martin Luther dabei aber nicht wirklich nahe. Wie ein Ruhepol im furiosen Interpretationsgewitter wirkt das ausführliche Kapitel über Katharina von Bora, das Petra Gerster beigesteuert hat. Auch sie fragt von heute aus, was die Reformation denn zur Gleichstellung der Frau beigetragen habe, und berichtet zugleich sorgsam von den Leistungen der tüchtigen Katharina. Hier erfährt man einiges vom Leben der Familie, lernt Luther als Ehemann und Vater ein wenig aus der Nähe kennen.

Nürnberger schließt mit einer kurzen Darstellung der Geschichte des Protestantismus und der Reformationsjubiläen und empfiehlt im letzten Kapitel die Protestanten als die Religionsgemeinschaft, die wegen ihrer „Dynamik und Flexibilität“ besser „als jede andere Glaubensgemeinschaft in eine multikulturelle, säkulare Individualistengesellschaft passt“ und darum geeignet sei, das Gespräch über die „Grundregeln multikulturellen Zusammenlebens“ zu moderieren.

So fühlt sich die evangelische Leserin am Ende dieses so kritisch und aufgeklärt wirkenden Buches aufs Schönste in ihren ältesten Kindheitsgewissheiten bestätigt, die da lauten: Erstens: Martin Luther hat die Reformation ganz alleine gemacht. Zweitens: Die Evangelischen sind die Besten. Wer für das eine wie das andere Argumente in zeitgemäßer Sprache sucht, wird das Buch mit Gewinn lesen.

Angelika Obert

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