Trommeln, Träume, Trance

In Afrika wachsen Kirchen, die Einheimische gegründet haben
Gottesdienst der „Kirche des Heiligen Geistes in Ostafrika“. Foto: Hans Spitzeck
Gottesdienst der „Kirche des Heiligen Geistes in Ostafrika“. Foto: Hans Spitzeck
Im afrikanischen Christentum ereignet sich heute ein ähnlich grundlegender Wandel, wie ihn Europa während der Reformation erlebte, meint Hans Spitzeck, ehemaliger Mitarbeiter von Brot für die Welt. Er schildert, wie und warum in Afrika Kirchen entstanden sind, die nicht unmittelbar auf europäische oder amerikanische Missionare zurückgehen.

Weit im Westen Kenias, im Weiler Bukoyani hat die „Kirche des Heiligen Geistes in Ostafrika“ (Holy Spirit Church of East Africa) ihren Hauptsitz. Eine durch und durch ländlich geprägte Region. Rot-weiß-grüne Fahnen wehen vor der einfachen Kirche, die als Kathedrale dient. Alle Besucher tragen weiße Gewänder mit einem roten Kreuz und entsprechende Kopfbedeckungen. Beim Betreten der Kirche ziehen sie die Schuhe aus. Die Reinigung von bösen Geistern steht an der Stelle des Sündenbekenntnisses zu Beginn des Gottesdienstes. Laut und zeitgleich wird sie vollzogen. Dabei wenden sich die Gottesdienstbesucher den Fenstern zu.

Der Gemeindegesang wird von Trommeln begleitet. Intensiv führt der Rhythmus die Gemeinde. Nach dem Gesang fällt eine ältere Frau in Trance. Ihre Nachbarn stützen sie und verhindern, dass sie stürzt. Der Heilige Geist hat von ihr Besitz ergriffen. Sie spricht auf Englisch, nicht in Luo oder Kisuaheli. Noch vor der Schriftlesung und Predigt berichten Gemeindemitglieder von Träumen, die sie in der vergangenen Woche gehabt haben und die von anderen interpretiert werden. Joseph Zarre leitet den Gottesdienst. Er ist der fünfte Erzbischof der Kirche, die seit 1927 selbständig ist und ihre eigenen Rituale pflegt. In seiner Predigt bezieht er sich auf die Apostelgeschichte: Was in Jerusalem mit Jesus Christus begonnen habe, sei heute in Afrika lebendig - durch den Heiligen Geist.

Zarre, der 77 Jahre alt ist, hat die Kolonialzeit noch erlebt. Die Teilhabe seiner Gemeinden an der sozialen Entwicklung ist ihm wichtig. So will er das Erbe der Kirche wachhalten, die auch in Nairobi und anderen Städten Kenias über Gemeinden verfügt. Mündlich wird die Erfahrung tradiert. Schriftliche Dokumente gibt es nur wenige. Seine Kirche habe sich aus der Gemeinschaft der Quäker gelöst, in der damals ein pfingstlich geprägter Missionar wirkte, berichtet er. Die Lehre vom Heiligen Geist interpretierte die Gemeinde mit afrikanischen Begriffen. Der Weg in die Selbständigkeit war die Lösung.

Umstrittene Zauberei

Ein anderer Weg hat die „Kirche Christi in Afrika“ (Church of Christ in Africa) aus der anglikanischen Kirche heraus in die Selbständigkeit geführt. Sie hat ihren Hauptsitz in Kisumu, der drittgrößten Stadt Kenias. Mittelbar ist diese Kirche ein Produkt der ostafrikanischen Erweckung, die ab den späten Zwanzigerjahren alle Kirchen in den englischen Kolonnien erfasste. Nicht nur in der anglikanischen Kirche führt der Streit um den richtigen Weg zu Spannungen. Habbakuk Abogno, Erzbischof der Kirche, zeichnet die Fünfzigerjahre im Gespräch nach. Im Mittelpunkt habe die Frage gestanden, wie Christen mit der traditionellen afrikanischen Religion und mit Zauberei umgehen sollen. „Jesus liebte alle. Deshalb war und ist es falsch, den Kontakt mit unreinen Menschen zu meiden. Die Kirche ist für alle da“, betont Abogno.

Die Leitung der anglikanischen Kirche forderte Gehorsam, die ihr die afrikanische Basisbewegung mit ihrem Biblizismus versagte. Trotz polizeilicher Verfolgung und der Verdächtigung, den Mau-Mau-Aufstand gegen die Kolonialherren zu unterstützen, blieb sie zusammen und wurde im Folgejahr 1958 von der Kolonialregierung als Kirche anerkannt. In Opposition zur anglikanischen Kirche schloss sich die neu entstandene Kirche dann bald einem Weltbund fundamentalistischer Kirchen an.

„Zehn Diözesen hat unsere Kirche heute“, berichtet der Erzbischof stolz, „und über 800 Gemeinden in Kenia, Tansania, Uganda, Sambia, im Kongo und in der Zentralafrikanischen Republik“. Seine Kirche vollziehe zurzeit eine kirchenpolitische Neuorientierung. Die Ordination von Frauen ist ein deutliches Zeichen. „Wir haben einen Wiederaufnahmeantrag in den Kenianischen Kirchenrat gestellt und wollen Teil der ökumenischen Bewegung sein“, schließt er das Gespräch vor dem Sonntagsgottesdienst. Die zentrale Botschaft für diesen Sonntag ist, dass Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird, in denen Gerechtigkeit wohnt. Die diakonischen Sozialprojekte der Kirche verleihen dieser Verheißung praktische Gestalt. Aber die Pandemie Aids hat zu viele Opfer gefordert und Kinder zu Waisen gemacht. Ein Umdenken in Gesundheitsfragen und im Verhältnis zu gesellschaftlichen Fragen zeichnet sich ab. Die Kirche sucht dafür die Zusammenarbeit mit anderen afrikanischen unabhängigen Kirchen und fördert die interreligiöse Verständigung.

Dies sind zwei Beispiele unabhängiger afrikanischer Kirchen aus Kenia. Sie zeigen, wie sich in bestimmten historischen Situationen aus den Missionskirchen heraus neue selbständige Kirchen unter afrikanischer Leitung entwichkelten. Über 230 unterschiedliche neue Denominationen sind so entstanden. Ein antikolonialer Reflex und das Streben nach einem Glauben mit afrikanischem Antlitz eint sie. Heute sind sie eine wichtige Strömung des Christentums, nicht nur in Kenia, sondern in allen Staaten südlich des Sahelgürtels.

Gemeinsame Erfahrung

Der Rostocker Religionswissenschaftler Klaus Hock sieht in der Unmittelbarkeit der Glaubenserfahrung ein Bildungselement afrikanischer Kirchen und Theologie. Keine ausformulierte Theologie, sondern gemeinsame Erfahrung verbindet. Nicht Institutionen, sondern Kommunikation in Netzwerken sind ihre Stärken. Wo diese versagt, sind auch Abwanderungen zu den charismatischen Kirchen zu verzeichnen. Die Stärken wandeln sich dann leicht in Schwächen. Aber über ein Zurück zu den Missionskirchen, die seit der staatlichen Unabhängigkeit zunehmend afrikanische Musik und Spiritualität aufgenommen haben, wird selten berichtet. Dazu haben die unabhängigen Kirchen eine viel zu starke eigene DNA entwickelt: den direkten Zugang zum Göttlichen als afrikanische Interpretation der christlichen Botschaft zum Aufbau einer Gemeinschaft ohne Armut, Ausbeutung und Krankheit unter lokaler Kontrolle.

In Uganda wurde Präsident Yoweri Museveni im Februar 2016 für eine fünfte Amtszeit bestätigt. Internationale Beobachter bewerteten die Wahl als nicht frei: Der wichtigste Oppositionsführer war im Vorfeld mehrmals festgenommen worden. Museveni ist seit 30 Jahren Präsident Ugandas. Und doch: Gegenüber der Zeit unter dem Diktator Idi Amin hat sich vieles zum Besseren gewendet. Dieser riss 1971 die Macht an sich und beschnitt die Freiheit der Kirchen, worunter besonders die noch jungen Pfingstkirchen litten. Und 1977 wurde der anglikanische Erzbischof von Kampala Janani Luwum ermordet.

In dieser Situation wurden Gottesdienste vielerorts in Hausgemeinschaften unter Leitung von Laien gefeiert. 1979 stürzte Idi Amin. „Die Untergrundkirchen sind stärker und gefestigt aus der Verfolgung hervorgegangen“, erinnert sich John Mbako, der 1939 geboren, viele Jahre im technischen Dienst der Post arbeitete. Er ist Gründer des „Christlichen Gottesdienstzentrums“ (Christian Worship Centre), einer kleinen unabhängigen Kirche mit zehn Gemeinden unter der einfachen ländlichen Bevölkerung Ostugandas.

Größer ist die 1971 gegründete Kirche der „Jünger Christi“ (Christ’s Disciples) mit über 300 Gemeinden in Uganda und den Nachbarstaaten. Heute leistet sie Wiederaufbauarbeit in dem Gebiet, das von 2003 bis 2005 der bewaffneten Widerstandsbewegung Lord’s Resistance Army als Operationsbasis diente. Deren Führer Joseph Kony wird vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht. In der Gegend um Soroti terrorisierten seine Leute die Bevölkerung und verschleppten viele Jugendliche als Kindersoldaten.

Der Konflikt hat ein marodes Bildungssystem und zerstörte Brücken und Straßen hinterlassen. Die Bevölkerung hat sich eingeschüchtert in die angestammten Dörfern zurückgezogen. Dorthin folgen ihr die „Jünger Christi“, die keine hauptamtlichen Pastoren kennen. Alle Ämter werden vielmehr ehrenamtlich versehen. Ihr Gründer Vincent Obuleng ist Bauer und Mitglied der vor zwei Jahren auf Initiative der Kirche gegründeten Vermarktungsgenossenschaft in Asamuk. Der Aufbau der Kirche und die Entwicklung der Dorfgemeinschaften gehen Hand in Hand. Dabei werden sie von der Organisation of African Instituted Churches (OAIC) fachlich beraten. Obuleng sieht dem Generationswechsel gelassen entgegen. Er weiß, dass die Arbeit der Gründergeneration fortgesetzt wird, da die unabhängigen afrikanischen Kirchen behutsam begonnen haben, eigene Institutionen zu schaffen.

Das Evangelische Missionswerk in Deutschland und Brot für die Welt haben die Bedeutung der unabhängigen afrikanischen Kirchen erkannt. Sie unterstützen die theologische Ausbildung durch die OAIC und deren Entwicklungsdienst finanziell.

„Das ganzheitliche Glaubens- und Lebensverständnis der Mitglieder gibt große Chancen für eine breitenwirksame Arbeit mit wenig Mitteln und guten Ergebnissen in der Armutsbekämpfung“, erläutert Reinhard Palm, Leiter der Afrikaabteilung von Brot für die Welt. „Sie erfordert aber auch eine vorsichtige Herangehensweise, die die Betonung von Unabhängigkeit und eigenem Lebens- und Glaubensmodell akzeptiert.“

Im April dieses Jahres hat in Kenia die „Afrikanische Brüderkirche“ (African Brotherhood Church) mit Mbuki Mulandi die erste Frau als Bischöfin geweiht. Ob weitere unabhängige Kirchen dem Beispiel folgen?

Hans Spitzek

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