Rotz zum Verlieben

„The Ooz“ von King Krule
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Auch in Verlorenheiten lässt sich zu Hause sein, tief im Vorübergehen.

Auf der anderen Seite des Tages ist auch die Welt. Dort mit Archy Ivan Marshall unterwegs zu sein, zeigt ein starkes Bild. Dessen Farben und Fabeln entstammen Körpersäften und -auswüchsen: Schuppen abgestorbener Haut, Salz von Tränen, körnigem Schlaf, Schweiß, Rotz im Hals, nachwachsenden Haaren und Nägeln. „The Ooz“, das, was aussickert (ein Kunstwort von englisch oozing), heißt denn auch King Krules zweites, heiß erwartetes Album nach dem Paukenschlag „Six Feet Beneath the Moon“ von 2013. Da war der bleiche rothaarige Schlacks aus Londons Süden 19 und hatte bereits unter anderen Namen vorgelegt. Nun ist der zu Schulzeiten Schwierige mit der viril tiefen Stimme, dem die Musik kreative Ventile öffnete, 23 Jahre alt - und erstaunt weiter. Eben wenn er nachts in seiner Stadt unterwegs ist, inmitten von hungrig Gescheiterten, genialen Verkannten und getriebenen Flaneuren - wo Ratten huschen, Dealer verstohlen einträglich liefern, halsbrecherische Skater Saxophon spielen, Obdachlose und Versprengte unter dunstverhangenen Straßenlaternen Zigaretten schnorren und Liebespaare Verwirrtsein üben. Denn auch in Verlorenheiten lässt sich zu Hause sein, tief im Vorübergehen. Das ist Präzision all der Facetten von Grau und oft Übersehenem - verschleppt oder adrenalingetrieben, aber im Detail genau.

King Krule mit der sonoren Stimme und seiner virtuos gespielten Gitarre schaut hin und sieht alle Nuancen scharf: Die berückenden Mosaike und Collagen changieren organisch zwischen Jazz und Lounge, HipHop, düsterem Wave, reduziertem Dubstep und jüngsten Club-Elektronika. Ganz wie es passt. 19 Tracks, in denen er mal rappt oder spoken words-mäßig erzählt, singt, schreit, schreitet, klagt. Das klingt nach Beat Poets-Revisited, zerquältem Tom Waits sowie unbekümmerter Avantgarde, zitiert vieles und ist doch eigenständig. Hier hat der Hype Recht: King Krule ist ein Ereignis, obwohl er selbst es nicht darauf anlegte, sondern bloß losging. Die Bildfluchten haben Sog, die stimmigen Sounds sind farbecht und bezwingen, die Haltung ist klar wie etwa in „Vidual“: „I put my trust in many things but now I know that‘s dumb/So I don’t trust anyone, only get along with some“. Einer der Up-Tempo-Tracks mit Maschinendrums, dumpfem Bass, Gitarre - fast schon Cramps-Psychobilly. Der Gesang ist getrieben, in breitem Londoner Slang, ein Pete-Doherty-Stomp, bloß eben - waschecht King Krule. Abrupt folgt darauf mit „Bermondsey Bosom Right“ ein meditatives Jazz-Gedicht. Zurückhaltung, die „Half Man Half Shark“ danach gleich wieder verdampft. Saxophontremolo und Bassdrum, darüber Gesang in fesselndem Rap-Groove, der zu Keyboard-Akkorden überraschend sanft ausklingt.

King Krule nimmt mit in die Nacht, ist starker Erzähler, Rezitator und eleganter Crooner oder führt ruppig Beschwerde, aber ohne Anspruch auf Erlösung. Ein blutjunger Nachtschwärmer, der allem, was nachwächst, faszinierend Gestalt gibt. „The Ooz“ ist immens vielgestaltig und doch in sich rund. Rotz zum Verlieben!

Udo Feist

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