Verwandelte Welt

Klartext
Foto: privat
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten für Dezember und Januar stammen von Katharina Wiefel-Jenner. Sie ist Pfarrerin in Berlin.

Zeit zum Üben

3. ADVENT, 17. DEZEMBER

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre. (Römer 15,7)

Wenn die Engel in der Heiligen Nacht „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr“ singen, klingt die Welt neu. Im Kerzenschein werden wir ganz weich und stimmen mit ein. Wir loben Gott, und der Himmel rückt näher. Die Starken und die Schwachen werden zusammen in der Bank sitzen, die Müden und die Munteren, der Vater mit dem Kind auf dem Schoß und die alte Frau mit ihrem Rollator. Wir alle werden uns im Kerzenschein versammeln, und der Gesang der Engel auf dem Hirtenfeld klingt uns in den Ohren. Gottes wunderbare Gegenwart in diesem wunderbaren Kind in der Krippe wird uns vereinen, und der Klang von Gottes Frieden erfüllt den ganzen Kosmos.

Aber noch zählen wir die Tage bis zur Heiligen Nacht. Wir freuen uns darauf, einander zu beschenken. Wir hoffen, dass die Geschenke gefallen und kein Streit aufkommt. Wir hoffen darauf, dass sich die Liebe mit an den Tisch setzt - und wir wissen, dass dies nicht von selber geschieht. Wir müssen uns vielmehr vorbereiten. Am besten wir machen es so: Wir sehen die anderen mit den Augen des Kindes in der Krippe. Wir schenken einander das, was dem Kind gefallen würde, halten die Grenzen der anderen aus, streiten nicht, achten aufeinander und bleiben zusammen. Wir holen die Liebe an den Tisch und hören ihr genau zu. Noch ist es Zeit, das einzuüben. Wenn sich das Kind über uns so freuen soll, wie wir über seine Geburt, müssen wir einander annehmen. Sonst klingen unsere Stimmen nicht mit den Engeln zusammen - und was wäre das für eine Heilige Nacht.

Erfüllte Hoffnung

HEILIGABEND, 24. DEZEMBER

Ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. (Jesaja 9,5)

Maria und Josef hätten ihrem Sohn vielleicht einen anderen Namen gegeben. Aber der Engel wollte, dass das Kind „Jesus“ heißt: „Gott rettet“. Das ist ein passender und immer aktueller Name. Denn wer ist nicht auf Gottes Rettung angewiesen? Jesus, Jeshua, war ein schöner, aber gewöhnlicher Name. Viele hießen damals so, weil viele Gottes Rettung erhofften. Hatte der Engel vergessen, dass für das Kind in der Krippe eigentlich vier besondere Namen vorgesehen waren? Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst sollte das Kind heißen. Denn mit ihm würden sich endlich Recht und Gerechtigkeit durchsetzen. Der Prophet Jesaja hatte das schon Jahrhunderte zuvor gewusst.

Unmöglich, dass der Engel die vier Namen vergessen hatte. Es sind doch Königsnamen, und die vergisst ein Engel doch nicht. Königskinder bekommen mehr als einen einfachen Namen, wie ihn ein Zimmermann seinem Sohn gibt. Sie tragen Namen, deren Bedeutung sie erfüllen. Sie bekommen Namen, durch die sie zu denen werden, die sie ihrem Namen nach sind: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.

Aber noch ist nicht offenbar, dass das Kind in der Krippe ein Königskind ist. Es wächst in den einfachen Namen Jesus hinein, wird die Menschen heilen und retten. Es wird Gottes heilende Gegenwart zu den Leuten bringen und sich für sie opfern. Und die Namen, die der Prophet Jesaja für das Kind in der Krippe hat, wirken noch im Verborgenen. Sie werden den in dunkler Nacht in Bethlehem geborenen Jesus formen, bis alle Welt in ihm den erkennt, der er in Wahrheit ist: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. In der Nacht, in der die Menschen in Jesus den Frieden der Welt erkennen, wird die Nacht nicht mehr dunkel sein. An dem Tag, an dem die Menschen seinem Gebot folgen, wird die Welt durch seine Liebe verwandelt. An dem Morgen, an dem die Menschen beschließen, ihm zu folgen, hat das Böse verloren, und offenbar wird sein Name, der über alle Namen ist.

Umwege zum Ziel

SILVESTER, 31. DEZEMBER

Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen. (2. Mose 13,21)

Als die Israeliten aus Ägypten aufbrachen, dachten sie, Mose würde sie auf direktem Weg ins gelobte Land führen. Die Sklaverei hatten sie hinter sich gelassen. Aber mitgenommen haben sie die Erinnerungen daran und - die Hoffnung, dass die Freiheit ein leichtes Leben bringt. Mitgenommen haben sie auch die Gebeine Josefs, der sie vor dem Verhungern bewahrt und ihnen einen Ort zum Leben gesichert hatte. Das Gepäck aus Erinnerung und Hoffnung war leicht und schwer zugleich. Aber Gott ging mit ihnen mit und gab Orientierung. In der Nacht konnten sie im Schein seines Feuers ruhen, und am Tag waren Gottes Rauchzeichen Wegmarken. Aber je länger sie unterwegs waren, umso deutlicher zeigte sich, es würde keinen direkten Weg ins Gelobte Land geben.

Wir stehen am Altjahrsabend mit leichtem und schwerem Gepäck an der Schwelle des neuen Jahres. Wir führen zwar nicht die Gebeine des Josef mit uns, aber wir tragen unsere Herkunft mit uns und sehen, wie ungewiss ist, was kommt. Unsere Sehnsucht nach Hoffnung und Orientierung ist so groß wie die der Israeliten auf ihrer Wüstenwanderung. Sie dürften diese als einen endlosen Umweg empfunden haben. Und dennoch folgten sie der Rauch- und Feuersäule

Der Weg führte zur Tora. Gott leitete die Israeliten durch eine bedrohliche Wüste zu seinem Gebot. Mitten im Nichts zeigte er, wo sie das Leben in Fülle finden.

Im neuen Jahr werden auch wir auf Umwegen unterwegs sein. An manchen Tagen scheint es ungewiss zu sein, ob der Weg zu einem Ziel führt. Weder Rauch- noch Feuersäulen werden uns den Weg weisen. Aber Gottes Gebot ist da. Es zwingt uns, wenn wir wirklich nach ihm leben wollen, zu Umwegen. Aber Gottes Gebot ist jeden Umweg wert.

Andere Vorliebe

1. SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 7. JANUAR

Was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt. (1. Korinther 1,28)

Sehen wir uns doch um! Wer sitzt neben uns in der Kirchenbank? Und wer gehört zur Kirche? Die Mächtigen sind bei ihren Meetings und handeln neue Deals aus. Die Meinungsmacher führen Hintergrundgespräche und bereiten neue Kampagnen vor. Wir, die in den unbequemen Kirchenbänken sitzen, um zu beten, zu singen und zu hören, können mit den Reichen und Schönen nicht mithalten. Wir haben keine Macht. Unsere Zusammenkünfte haben keinen Glamour. Und was wir sagen und tun, ist gesellschaftlich nicht mehr relevant.

Es gibt Tage, an denen schmerzt es besonders, so bedeutungslos zu sein. Dann meldet sich die Sehnsucht nach vollen Kirchen. Wir träumen von Veranstaltungen, über die die Medien beeindruckende Bilder verbreiten.

Aber gerade wenn wir klagen, bei den Mächtigen und Einflussreichen nicht mitmischen zu können, holt uns der Apostel Paulus herunter auf das Fundament unseres Glaubens, dass Gott gerade die beruft, die keinen Glamourfaktor haben. Gott versammelt gerade diejenigen in der Kirche, die schwach sind und von denen die Welt nichts erwartet. Gott wählt die aus, denen man nichts zutraut, auf die keiner stolz ist.

Die ersten, die an Weihnachten an der Krippe standen, waren Menschen, die damals nicht angesehen waren, die Hirten. Sie waren die ersten, die durch Jesus gespürt haben, dass Gott nicht die Starken und Mächtigen wählt. Sie haben als erstes Gottes Vorliebe für die Unwichtigen und Kleinen erkannt. Und Gott ist bei dieser Vorliebe geblieben. Er liebt und erlöst gerade die, denen der Glamour fehlt und die nichts in dieser Welt zu sagen haben. Sehen wir uns doch in der Kirchenbank um. Hier sitzen die Geliebten und Erlösten.

Neue Wege

2. SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 14. JANUAR

Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft. (1. Korinther 2,3-4)

Ob Paulus ein guter Prediger war? Mit seinen Predigten hat er jedenfalls Gemeinden gegründet. Und predigend hat er Freunde gewonnen und sich Feinde gemacht. Der Apostel muss lange und ausdauernd gepredigt haben. So erzählt die Apostelgeschichte von einem jungen Mann, der in einen tiefen Schlaf sank, als Paulus predigte.

Überliefert worden sind nur die Briefe des Apostels. Aber sein entscheidendes Mittel, um seine Zeitgenossen für den christlichen Glauben zu gewinnen, war die Predigt. Paulus muss ein guter Prediger gewesen sein. Sonst ließe sich sein Erfolg bei der Ausbreitung des Christentums und seine bleibende Bedeutung für die Kirche nicht erklären.

Der Gemeinde in Korinth schrieb Paulus allerdings, dass es ihm nicht wichtig sei, gut zu predigen. Die rhetorischen Regeln seien ihm egal. Dies gegenüber der Gemeinde zuzugeben, war mutig, denn in der Antike hätten niemand einen Redner ernstgenommen, der nicht einmal das kleine Einmaleins der Rhetorik beherzigte. Liest man seine Briefe, erkennt man jedoch, wie perfekt Paulus die Regeln der antiken Rhetorik beherrschte. Und mit seinem Eingeständnis gegenüber den Korinthern benutzt er diese Regeln. Der Apostel signalisiert seinen Lesern, dass gerade durch den Verzicht auf großartige Predigten Gottes großartiges Wort erkennbar werden soll. Paulus macht sich und seine Predigten also klein, damit die Gemeinde erkennt, wie groß Gott ist. Es kommt ihm nicht auf elegante Formulierungen und bezwingende Argumente an.

Ja, der Glaube soll sich nicht auf Eleganz und Logik gründen. Gott überzeugt vielmehr auf andere Weise. Und um sie geht es Paulus. Es geht um Wege, die sich menschlichem Verstehen entziehen, die vom Geheimnis Gottes getragen und ganz anders als die Wege sind, mit denen die Mächtigen dieser Welt Zustimmung erzwingen. Es geht Paulus um Gottes Weisheit, die so anders ist als unsere. Es ist die Weisheit, die durch Kreuz und Auferstehung sichtbar wird. Am Kreuz scheitert alle Rhetorik, und keine noch so elegante Rede kann die Auferstehung fassen.

Ob Paulus ein guter Redner war? Ganz gewiss. Immerhin hat er das Wort vom Kreuz so weitergesagt, dass wir heute noch von ihm leben.

Katharina Wiefel-Jenner

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