Pointiert

Therapierte Gesellschaft
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Anregend und geistreich formuliert sind die hier vorgelegten Thesen und Interpretationen allemal.

Was von dieser essayistischen Abhandlung zu erwarten ist, das bringen Titel und Untertitel in schöner Klarheit zum Ausdruck: Der Kulturwissenschaftler Christian Kohlross nennt sein nicht allzu umfängliches Buch knapp Kollektiv neurotisch und darunter steht: „Warum die westlichen Gesellschaften therapiebedürftig sind“.

Wohltuend pointiert ist das, allzu provokant aber nicht, denn dass in den genannten westlichen Gesellschaften viel im Argen liegt, wird ja häufiger öffentlich betont. Zu viel Stress und Leistungsdruck, zu wenig Solidarität und Gerechtigkeit - ein Symptom davon scheint eine zeittypische psychische Erkrankung zu sein: die Depression beziehungsweise der Burnout.

Die depressive Gesellschaft lautet denn auch der Titel des ersten Kapitels. Eine Konsequenz der Erkrankung ist die mangelnde Zuversicht, die Utopielosigkeit, von der das viel beschworene, postmoderne „Ende der Geschichte“ ebenso ein Ausdruck (und eine Ursache) ist wie eine angeblich alternativlose Politik, die sich dem Primat einer liberalen bis liberalistischen Volkswirtschaftslehre unterwirft. Zudem bescheinigt Kohlross unserer Gesellschaft Züge der Hysterie, der Zwanghaftigkeit und insbesondere des Narzissmus. Dass überzogene Eitelkeit insgesamt kaum im Schwinden begriffen ist, wird man schwerlich behaupten können.

In den USA werden entsprechende Charaktere neuerdings sogar zum Präsidenten gewählt. Ähnliches kennt man aus Russland oder der Türkei. Und insgesamt werden Versagen und Misserfolge sehr ungern zur Kenntnis genommen, die ja kaum ins Selbstbild von Narzissten passen.

„Vieles also, das zum ganzen Menschsein dazugehört, wird im gesellschaftlichen Selbstgespräch ausgeblendet und verdrängt“, um einen Lieblingsausdruck desjenigen zu zitieren, der als Übervater solcher Unternehmungen anzusehen ist, wie sie Kohlross angeht: nämlich Sigmund Freud. Christian Kohlross’ Analysen verwenden freilich häufig nur andere Begriffe für Sachverhalte, die auch in anderer Form schon beschrieben worden sind. Man muss dies aber nicht als Mangel kritisieren, sondern kann es auch als Bestätigung nehmen. Denn anregend und geistreich formuliert sind die hier vorgelegten Thesen und Interpretationen allemal. Sie laufen darauf hinaus, dass unser Leben und unsere Gesellschaft insgesamt zu wenig Raum für Gefühle lassen, für Selbstwahrnehmung und ja: für Transzendenz.

Es braucht eine Dimension, die die drohende Selbstüberforderung abzufedern hilft. Diese gelte es zu etablieren, das hätte eine Therapie der Gesellschaft zu leisten. Dass es sie in Form der Religion und ihrer Praxis längst gibt, würden Theologen betonen.

Aber Christian Kohlross kommt nun mal aus einer anderen Ecke: Er ist habilitierter Literaturwissenschaftler, arbeitet als Coach und Therapeut. Mithin spricht er eher im Sinne eines kulturwissenschaftlichen „emotional turn“ und pro domo, würdigt die Bedeutung der Religion nur en passant. Ob sich sein Ansatz in eine große Systematik fassen ließe, mag fraglich erscheinen. Die Argumente aber leuchten ein und ergeben gute Bausteine für eine Gesellschaftskritik und ermuntern zur Befreiung, zu welcher auch andere Disziplinen beitragen könnten - und auch sollten.

Thomas Groß

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