Drei Kilo

Bob Dylan: Komplette Lyrik
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Dylans „Lyrics“ meistern jede erdenkliche Probe aufs Exempel.

Der Literaturnobelpreis für Bob Dylan im vergangenen Jahr hatte so einiges zur Folge - Begeisterung hier, Maulen dort. Die unmittelbarste Folge im deutschen Sprachraum wiegt drei Kilogramm, oder, um genau zu sein: 2,796 Kilogramm. So viel bringt die flugs erweiterte Neuausgabe seiner kompletten „Lyrics“ von 1962 bis 2012 zweisprachig auf die Küchenwaage. „Lyrics“ heißt im Zusammenhang mit Tonträgern „Songtexte“ - aber genau dafür wurde er ja auch ausgezeichnet, weil die von Dylan Lyrik sind, und zwar in herausragend klassischer Weise. Rund 1 300 Seiten.

Nun stand gerade bei ihm vielen stets die Stimme im Weg, und so wurde das mit dem Erfolg bei denen auch nie was. Andererseits ist die Zahl spätbekehrter früherer Verächter mittlerweile beträchtlich, und wie das bei Konvertiten so ist, sind sie oft die eiferndsten Verfechter, bis hin zu gröbster Proselytenmacherei. Doch dafür können der Dichter und die Lyrik ja nichts. Die hat es in diesen Zeiten indes schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden - die man genau darum bedauern mag, liegt doch der Ursprung der Lyrik im Gebet. Gedichte gibt es nicht, weil sie so schön klingen. Ihr ältester Zweck sei es, „Geister anzusprechen - Götter gnädig stimmen, Krankheiten heilen, Missernten abwenden, Feinden schaden“, so der Literaturwissenschaftler Heinz Schlaffer in seinem Buch „Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik“. Deren Ursprung sei die Anrufung der Götter, und der Bogen reiche bis heute, wo uns Götter als Gegenüber abhandengekommen sind. Gedichte erreichen weiter unser Herz, trösten, geben Geborgenheit, drücken besser als andre Sprachformen aus, was wir empfinden: Der Zauber wirke auch ohne Glauben an ein Gegenüber. Er stecke gleichsam in Gedichten.

Dylans „Lyrics“ meistern jede erdenkliche Probe aufs Exempel. Das taten sie bereits in den früheren „Zweitausendeins“-Ausgaben mit den mitunter salopp-wurstigen Übertragungen von Carl Weissner, erst recht nun in der aktuellen, im Verlag Hoffmann und Campe erschienenen Fassung, deren durchaus angenehmere deutsche Übersetzungen von Gisbert Haefs stammen. Sie sind hilfreich, aber auch irgendwann verzichtbar, denn schließlich stehen die Originale daneben. Denn es gibt Wörterbücher, nach wie vor, und: Wir haben den Klang im Ohr.

Es ist der Sound, über den Zauber, Bilder und Geheimnis wirken. Darauf kommt es an. Dass der bereits aus nacktem Text ersteht, ist ein kleines Wunder! Und das gehört zu einer großen Trias, die der Musiker und Produzent Joe Henry, der Schwager von Madonna, mal so umrissen hat: Obwohl er und seine Frau mit der Religion eher auf Kriegsfuß stünden, legten sie dennoch Wert darauf, dass ihre Kinder die Bibel läsen - denn ohne Bibel seien sowohl Shakespeare als auch Dylan nur zur Hälfte zu verstehen! Als Beispiel nannte er dessen Songgedicht „Desolation Row“. Dylan-Übersetzer Gisbert Haefs empfahl nach der Nobelpreis-Entscheidung „Visions of Johanna“. Es dürfen und können nun auch gern ein paar Gramm mehr sein.

Udo Feist

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