Geschichten von der Angst

Manche Ängste lassen sich erklären, andere nicht. Vier Beispiele
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Blick vom Aventin

Jürgen Wandel (65), Altredakteur von zeitzeichen, hat seit Jahrzehnten Höhenangst, mit der er aber gut leben kann.

Als Jugendlicher stieg ich einmal bis in die Spitze des Ulmer Münsterturms, des mit 161 Metern Höhe höchsten Kirchturms der Welt. Jahre später, mit 32 Jahren, wurde ich Pfarrer am Münster. Aber den Turm mied ich. Denn inzwischen hatte sich eine Höhenangst ausgebildet.

Nun lebe ich seit 17 Jahren in Berlin und habe noch nie den Fernsehturm besucht. Die Höhenangst lähmt mich nicht, aber sie bewirkt Beklemmungen und ein Kribbeln im Oberschenkel. Das stellt sich auch ein, wenn Stan und Olli in den von mir geliebten „Dick-und-Doof“-Filmen auf irgendwelchen Wolkenkratzern herumturnen. Meine Wohnung liegt im vierten Stock, aber damit ist meine Höhentoleranz ausgeschöpft. Das merke ich, wenn ich in der Urlaubszeit die Blumen von Freunden gieße, die im fünften Stock wohnen.

Höhenangst stellt sich bei mir aber nur in Bauten ein. Wenn ich einen Flug buche, reserviere ich immer einen Fensterplatz. Denn ich schaue sehr gerne hinunter auf Landschaften und Städte. Und zu den schönsten Erlebnissen, die ich als Journalist hatte, gehörten Flüge im Hubschrauber, wenn ich hinter dem Piloten saß, und die Landschaft sozusagen auf mich zuflog.

Ich wandere gerne in den Bergen, bekomme aber Angst, wenn der Weg direkt an einer Schlucht entlangführt. Diese mit einem Sessellift zu überqueren, macht mir dagegen Spaß.

Gelegentlich habe ich mich gefragt, warum mich Höhenangst befällt. Eine naheliegende Erklärung wäre ein Unfall, den ich als Kind hatte. Als Vierjähriger bestieg ich einmal einen Baum. Plötzlich brach der Ast ab, auf dem ich saß, und ich stürzte direkt in eine zerbrochene Bierflasche. Später vermerkte der Personalausweis als besonderes Kennzeichen „Narbe an der rechten Wange.“ Ich hatte Glück im Unglück gehabt: Das Auge und die Gesichtsnerven wurden nicht geschädigt. An den Sturz und wie ich ins Krankenhaus gefahren werde und unter einer Äthermaske auf dem OP-Tisch liege, erinnere ich mich noch, als sei es gestern passiert. Aber ich habe nie mehr davon geträumt. Also vermute ich, dass der Sturz nicht ein Trauma ausgelöst und meine Höhenangst verursacht hat. Aber das ist mir auch egal. Schließlich kann ich damit gut leben: Wenn ich in Rom bin, schaue ich vom Aventin auf die Stadt, statt von der Kuppel des Petersdomes. Und in London würde ich den Blick vom Parlament Hill dem aus dem London Eye sowieso vorziehen. Außerdem befinde ich mich in guter Gesellschaft: Goethe hatte auch Höhenangst.

Mit Mantras

Kathrin Jütte (53) ist zeitzeichen-Redakteurin. Ihre Flugangst hat sie vor 25 Jahren mit einem Seminar bekämpft.

Sie kam schleichend in mein Leben. Wir waren zu zweit, mein Freund und ich wollten mit Anfang zwanzig das erste Mal in unserem Leben fliegen. Nach Griechenland. Während des Hinflugs genoss ich das Tempo beim Start, den Blick auf das Meer und das Panorama von oben. Aber als der Rückflug nahte, hätte ich einiges dafür gegeben, mit dem Schiff zurückfahren zu können. Ich verspürte keine Angst, es war eher eine undefinierbare, völlig unbegründete Haltung, nicht mehr fliegen zu wollen. Ich vergaß es rasch.

Jahre später folgten die nächsten Flüge, und bei jedem weiteren stieg mein Unwohlsein. Zunächst nur eine diffuse Übelkeit, eine entsetzliche Unruhe, Unkonzentriertheit, Herzrasen. Und dann ging alles sehr schnell. Jedes Mal, wenn ein Flug bevorstand – ich musste in dieser Zeit auch beruflich fliegen – schlief ich die Nacht zuvor fast nicht, konnte mich vor Nervosität kaum noch beruhigen. Ins Flugzeug stieg ich nur als letzte ein. In der Kabine raste der Puls, während mir gleichzeitig fürchterlich übel wurde. Die Hand an der Brust fühlte, wie das Herz schlug und raste, die Atmung sich beschleunigte.

Dabei murmelte ich mantraartig „ich bin ganz ruhig“, wie ich es in einem Volkshochschulkurs Jahre zuvor gelernt hatte, versuchte tief ein- und auszuatmen, in zehntausend Meter Höhe die Kontrolle über mich und die Situation zu behalten. Das kostete jedes Mal unendlich viel Kraft.

Bei einer Kontrolluntersuchung sprach ich meine Hausärztin an und brach sogleich in Tränen aus. Diazepam sollte helfen. Vor dem Start zehn Tropfen. Doch was alle anderen mit einem wunderbaren Nebelzustand beschrieben, führte bei mir nur dazu, dass ich zwar ohne Angstsymptome fliegen konnte, aber jedes Mal in Tränen ausbrach. Ich hatte das Gefühl, die Angst suchte sich nur ein anderes Ventil.

Das konnte so nicht weitergehen. Diesmal empfahl mir die Ärztin einen Kurs „Für entspanntes Fliegen“ bei der Lufthansa in Düsseldorf. Sie prognostizierte mir eine Heilungschance von mindestens 70 bis 80 Prozent.

Und in der Tat, heute fliege ich genauso unbeschwert wie ich Zug fahre, das Auto lenke oder ins Taxi steige. Im Kurs wurde bei der „persönlichen Bestandsaufnahme“ meiner Angst schnell klar, dass die Ursache auf eine Ohnmacht in meiner Jugendzeit zurückging. In einer Diskothek hatte ich nach dem Tanzen kurzzeitig das Bewusstsein verloren. Und diese Erfahrung von stickiger Luft und vielen Menschen verband mein Hirn offensichtlich mit der Situation im Flugzeug. In der Fachsprache hieß es nun, „Kognitive Umstrukturierung“ vorzunehmen. Das bedeutete, ich musste lernen, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, und dazu bekam ich ein so genanntes verbales Gerüst – drei, vier Sätze, die die Situation in der Flugkabine positiv zusammenfassten.

Was ich bis dahin kaum für möglich gehalten hatte, trat gleich beim ersten Flug ein: Schon vor dem Flug nach Übersee war ich frei von jeglichen panischen Symptomen, ich fühlte mich nur etwas wackelig, wie jemand, der ohne Netz balanciert. Und in der Kabine, als der Körper anfing, sein Angstprogramm hochzufahren, hielt ich mit meinen erlernten Sätzen konzentriert dagegen, immer und immer wieder, so lange bis sich der Körper beruhigte, und ich den Blick auf die Wolken von oben geniesen konnte.

Schon nach drei weiteren Flügen hatte ich meine Flugangst bezwungen, für mittlerweile 25 Jahre.

Viele kleine Ängste

Elfriede Nerling (83) aus Reinbek bei Hamburg leidet nicht oft unter Ängsten, aber im Laufe eines langen Lebens kam dann doch einiges zusammen.

Wenn ich gefragt werde, wovor ich Angst habe, und ich kurz antworten soll, dann sage ich: vor Hunden. Solange ich mich erinnern kann, habe ich Angst vor Hunden, obwohl es nur einen einzigen wirklichen Vorfall gab: Kurz nach dem Krieg war ich auf einen Bauernhof in Holstein geschickt worden. Da gab es einen riesigen Wolfshund, und der hat mich von hinten angesprungen. Ich spüre immer noch, mehr als siebzig Jahre später, das Kratzen der Pfoten auf meinem Rücken! Seitdem bin ich Hunden immer aus dem Weg gegangen und habe häufig die Straßenseite gewechselt, wenn sie mir entgegenkamen. Andererseits hat sich das mit den Jahren etwas beruhigt. Ich weiß jetzt schon, dass Hunde in der Regel nichts tun. Das ist also nicht mehr so ein großes Problem für mich, die Vernunft reguliert das ganz gut.

Als Kind lebte ich in Hamburg und erlebte viele Luftangriffe. Merkwürdigerweise kann ich mich nicht erinnern, dass ich im Luftschutzkeller große Angst ausgestanden hatte, immer nur für einen Moment, wenn die Einschläge krachten. Aber dann die Erleichterung: „Ach, unser Haus ist heilgeblieben.“ Meine Mutter hat natürlich ganz andere Ängste ausgestanden – das war ja klar.

Ich fand es damals eher lästig: Wenn die Sirenen gingen musste man aufstehen, sich was überziehen, nahm sein Kopfkissen mit, und dann ging’s in den Luftschutzkeller. In der Regel ging es ebenso schlaftrunken wieder zurück. Einmal wunderte ich mich, dass mein Kissen immer wieder aus meinem Bett rutschte, wo ich es wieder hineinlegen wollte. Da hatte ich mich in der Wohnung geirrt, und in der falschen Wohnung stand da, wo bei uns ein Bett stand, ein Klavier …

Einmal aber hatte ich im Krieg doch kurz und heftig Angst: Wir saßen im Bunker, als die Amerikaner kamen. Da kam ein US-Soldat mit angelegtem Gewehr in den Raum, es war der erste Schwarze, den ich überhaupt in meinem Leben gesehen habe. Meine Mutter sagte nur: „children“ – und dann ging er wieder hinaus.

Ich bin ganz froh, dass ich anscheinend nicht unter klassischen Phobien leide, an Spinnenangst oder solchen Dingen. Allerdings muss ich doch feststellen, dass Gefühle der Angst mit dem Alter zunehmen. Vor gut dreißig Jahren, ich war noch berufstätig, habe ich mal ein Seminar besucht, wo wir uns fragten, wovor wir am meisten Angst haben, wenn wir an das Alter denken. Da habe ich gesagt: „Davor, dass ich mich nicht mehr freuen kann.“ Ich sagte, schlimmer als nicht mehr richtig laufen zu können, wäre, sich nicht mehr freuen zu können. Das werde ich nie vergessen.

Vor knapp zwei Jahren bin ich unglücklich gefallen, habe mir das Bein kompliziert gebrochen, kann nur noch schlecht laufen und brauche außerhalb meiner Wohnung einen Rollator. Natürlich freue ich mich nicht darüber, aber ich freue mich trotzdem an vielen anderen Dingen: an meinen Blumen und an der Natur, besonders im Frühling und im Herbst und natürlich, wenn ich meine Familie und andere liebe Menschen treffe. Möge es noch möglichst lange so bleiben – nur hinfallen, das sollte ich wirklich vermeiden. Davor habe ich durchaus ein bisschen Angst und seit einiger Zeit leider auch davor, niemanden zu erreichen, wenn ich Hilfe brauche.

Aufgezeichnet von Reinhard Mawick

Voldemort im Schrank

Stephan Kosch (49), ist zeitzeichen-Redakteur und kämpft mit seinen beiden Töchtern (6 und 10) immer wieder gegen Einbrecher, böse Zauberer und die Macht der Dunkelheit.

Vater: „Gute Nacht, mein Kind.“

Marie (6): „ Gute Nacht. Lässt Du die Tür auf? Und das Licht im Flur anlassen.“

Vater: „Ok.“

Marie : „Kannst Du abschließen?“

Vater: „Ich denke die, Tür soll aufbleiben…“

Marie: „Die Wohnungstür, wegen der Einbrecher…“

Vater: „Du hast doch extra eine Falle gebaut.“

Marie: „Aber falls sie nicht funktioniert…“

Vater: „In Ordnung, ich schließe ab“

Kristin (10): „Aber lass den Schlüssel von innen stecken!“

Vater: „Warum?“

Kristin: „Damit wir ’rauskommen, falls ein Feuer ausbricht.“

Vater: „Hmmm – und Deine Tür?“

Kristin: „Bitte ein wenig auflassen, sonst ist es so dunkel, und ich habe Angst, dass die Wände auf mich zukommen.“

Vater: „Ok, sonst noch was?“

Kristin: „Machst Du bitte die Schranktür richtig zu?“

Vater: „Warum denn das?“

Kristin: „Da guckt ein weißes Hemd hervor. Und ich stelle mir gerade vor, dass Voldemort im Schrank sitzt.“

Ich hatte ihr gesagt, dass sie eigentlich noch zu jung für Harry Potter ist… Aber was ist das, mit den Kinderängsten? Mal googeln. Ich kann entspannen, alles ok. Laut Interviews mit Experten sind solche Ängste in diesem Alter total normal. Die Kinder wissen mittlerweile, dass die Welt nicht nur gut ist. Das Böse kann in die Kinderwelt einbrechen, da muss man die Tür verschließen. Und das Dunkel? Bei der Kleinen kann ich es sogar gut verstehen, die ist mal in einer Ferienwohnung aufgewacht, die mit einer Jalousie komplett verdunkelt war, so dass man die Hand vor Augen nicht sah. Das kannte sie nicht, und als sie nachts aufwachte, hatte sie Angst, sie sei plötzlich blind geworden…

Aber auch ohne solche Erfahrungen macht das Dunkel fast jedem Kind Angst, wie so manchem Erwachsenen ja auch. Es geht um Kontrollverlust. Da kann ja alles Mögliche lauern, was man nicht so richtig sieht und dem man dann schutzlos ausgeliefert ist im Schlaf. Und wird es je wieder hell werden? Ja, wird es, darauf kann man vertrauen. Irgendwann weiß das auch jedes Kind. Heißt aber nicht, dass die Ängste nicht zurückkommen. Jede Entwicklungsstufe bringt neue Herausforderungen und Unsicherheiten, die dann auf der Bettkante codiert zur Sprache kommen. Und was raten die Experten den Eltern? Die Ängste ernstnehmen, Lösungen anbieten, Kind trösten, wenn es mal sehr ängstlich aufwacht … ok, darauf wäre ich auch alleine gekommen. Und ansonsten empfehle ich: Energiesparlampen im Flur und Bullerbü als Bettlektüre.

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