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Neues Niemöller-Lesebuch
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Das Niemöller-Lesebuch, pünktlich zum 125.Geburtstag des Kirchenkämpfers erschienen, enthält einen bunten Querschnitt von Predigten, Reden und Vorträge aus den verschiedenen Wirkzeiten seines Lebens.

Es sieht wohl so aus, als ob der Teufel nur auf dies Lutherjahr gewartet hätte, um mit diesem Wahn in der evangelischen Christenheit ein Riesengeschäft zu machen. (…) Deswegen, weil es hier leicht dahin kommt, dass der Mensch Luther vor den Propheten Luther gestellt wird, daß wir uns an dem heldischen Mann begeistern, statt auf die Botschaft zu hören, die Gott uns durch ihn aufs Neue hat sagen lassen.“

Was wie eine Kritik am diesjährigen Reformationsjubiläum klingt, sind Worte Martin Niemöllers aus einer Predigt zum Reformationsfest 1935: Der Pfarrer der Bekennenden Kirche wandte sich gegen den Versuch der Nazis, Luther als deutschen Helden und „Typus des religiösen Führers“ für ihre Propaganda zu vereinnahmen. Er stellt dagegen die Lehre Luthers, das Sola Scriptura: „Es hat gar keinen Sinn, innerhalb der evangelischen Kirche (…) Luthers Gedächtnis zu feiern, wenn wir bei dem Bilde Luthers hängen bleiben und nicht auf den schauen, an den Luther uns weist.“

Diese und andere erstaunlich aktuelle Warnungen aus Niemöllers Mund kann man in dem Buch „Gewissen vor Staatsräson“ entdecken. Das Niemöller-Lesebuch, pünktlich zum 125. Geburtstag des Kirchenkämpfers erschienen, enthält einen bunten Querschnitt von Predigten, Reden und Vorträge aus den verschiedenen Wirkzeiten seines Lebens in chronologischer Reihenfolge: Nationalsozialismus, Nachkriegszeit, Sechziger- und Siebzigerjahre mit ihren jeweiligen Themen. Langweilig wird die Lektüre nicht: Ob es um die Aussöhnung mit der Sowjetunion geht, den Irrsinn kriegerischer Logik im Atomzeitalter, Gedanken zur Erinnerungskultur bezogen auf den Nationalsozialismus oder die Rolle des Gewissens des Einzelnen gegenüber der Staatsmacht: viele Ansichten Niemöllers sind heute noch anregend und politisch aktuell.

Trotzdem bleibt die Frage, ob die Texte heute noch für sich sprechen oder nicht des zeitgeschichtlichen Kommentars bedürfen. Der Herausgeber will den Lesenden dieses Experiment offenbar zumuten: Ohne Einleitung oder Vorwort springt das Buch direkt in die Originaltexte; Quellenangaben und zeitliche Einordnung muss man im hinteren Teil der Ausgabe suchen. Was zunächst irritiert, erschließt sich später als Methode, denn die Wirkmacht der Worte Niemöllers kann der Lesende so direkt nachempfinden.

Erhellend und ausgesprochen lesenswert ist die prägnante Zusammenfassung der Biographie Niemöllers durch den Niemöller-Kenner Martin Stöhr. In zehn pointierten Kapiteln wird hier mit der Analyse von Niemöllers Persönlichkeit im Kontext der Zeitgeschichte auch die differenzierte Einordnung der ausgewählten Texte vorgenommen. Dieser Teil des Buches rundet es grandios ab und bringt Niemöllers Lebensleistung auf den Punkt.

Dass Niemöller in fast jeder seiner Lebensphasen gegen den politischen Strom schwamm und es sich nie leicht machte, ja, sich selbst - etwa bei der Schuldfrage - nie schonte, bleibt nach der Lektüre des Buches eindrücklich haften. Dabei gilt, was Niemöller über Luther predigte, auch für ihn selbst: „…es kommt nicht auf mich, nicht auf den Menschen, den Kämpfer, nicht auf den Helden - oder wie ihr mich sonst noch nennen wollt - an; macht nur keinen Heiligen aus mir, um Gottes Willen nicht.“

Die Widersprüche und Brüche in Niemöllers Leben zeigen das Ringen mit dieser Frage und machen ihn gerade glaubwürdig: Vom U-Boot zur Kanzel, vom anfänglichen Hitleranhänger zum Gegner der Nazis, vom Militaristen zum Pazifisten: Niemöllers Wandlungen zeigen nicht Schwäche, sondern Kraft zur Selbstkorrektur, Mut zum Umdenken. Das können wir von ihm ebenso lernen wie das Aufbegehren des christlichen Gewissens gegen den Mainstream.

Marion Gardei

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Foto: Sabeth Stickfort

Marion Gardei

Marion Gardei ist Beauftragte für Erinnerungsarbeit der Evangelischen Kirche Berlin-schlesische Oberlausitz. Sie wohnt in Berlin.


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