Zweifel

Frankreich vor der Wahl
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Eribon reflektiert schonungslos die fortwährenden Mechanismen sozialer Determination in der französischen Gesellschaft.

Nach dem für viele überraschenden Wahlausgang in den Vereinigten Staaten blickt die europäische Öffentlichkeit mit Sorge und Unsicherheit auf die Entwicklungen in Frankreich, wo das Wahlvolk in diesen Wochen über ein neues Staatsoberhaupt entscheidet. Dabei hat das amerikanische Beispiel gelehrt, dass es sich vor vorschnellen Annahmen über den Wahlausgang zu hüten und mit höchster Sensibilität auf offensichtliche und unterschwellige Diskurse in der breiten Masse der Bevölkerung zu achten gilt.

Einen in diesem Sinne beachtenswerten möglichen Zugang zur populären Klasse Frankreichs und ihrer Entwicklung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts bietet Didier Eribons Retour à Reims. Das bereits 2009 in Paris erschienene Buch liegt seit 2016 - übersetzt von Tobias Haberkorn - auch auf Deutsch vor. Ausgehend von seinem eigenen Lebensweg - vom Arbeiterkind aus niedrigsten Verhältnissen zum international anerkannten linksintellektuellen Soziologen - reflektiert er schonungslos die fortwährenden Mechanismen sozialer Determination in der französischen Gesellschaft und die daraus resultierenden politischen Mentalitäten eines Arbeitermilieus, in dem die Front National die einstige Führungsrolle der Kommunistischen Partei übernommen hat.

Diese Reflexion hat ihren Ausgangspunkt in der Rückkehr des Autors in seine Heimatstadt Reims, nach dem Tod seines Vaters und nach Jahrzehnten des gezielten nahezu vollständigen Kontaktabbruchs zu Familie und Herkunftsmilieu. Die nüchterne Klarheit seiner Analyse wird wohl erst durch die emotionale Distanz zu diesem Milieu ermöglicht, die auch die Sprache des Autors prägt. Vor allem die beklemmenden Passagen über teils am eigenen Leibe erlittene Homophobie lassen freilich erahnen, dass der distanzierte Stil wahrscheinlich auch eine nachvollziehbare Form des Umgangs mit erlittenen emotionalen Verletzungen ist. Dabei ist ihm jedoch gleichermaßen eine Überheblichkeit gegenüber dem Umfeld seiner Herkunft fremd. Vielmehr fragt er sich immer wieder selbstkritisch, ob es für ihn andere, versöhnlichere Wege zu einem Leben als Intellektueller und bekennend Homosexueller gegeben hätte.

Selbstkritik zeigt Didier Eribon aber vor allem gegenüber der französischen Oberschicht, der er inzwischen selbst angehört, und gegenüber der Gesamtheit der politischen Linken. Ihr selbst schreibt er einen nicht geringen Anteil am Rechtsruck der französischen Arbeiterschaft zu: „Mit der Wahl der Kommunisten versicherte man sich stolz seiner Klassenidentität (...). Mit der Wahl des Front National verteidigte man hingegen still und heimlich, was von dieser Identität noch geblieben war, die die Machtpolitiker der institutionellen Linken, die Absolventen der ena oder anderer technokratischer Eliteschulen (...) ignorierten oder sogar verachteten.“

Entsprechend deutlich schließt Eribon auf die theoretisch-konzeptionellen Defizite der politischen Linken - ihren Mangel an „Theorien und Sichtweisen, die neue Perspektiven erschließen und der Linken einen Weg in die Zukunft weisen, in der sie ihren Namen wieder verdient“.

Bei Lesern, die die starken und von Eribon fraglos vorausgesetzten Prämissen - vor allem die strikte klassentheoretische Interpretation der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Links-Rechts-Dichtomie der politisch-weltanschaulichen Landkarte - nicht oder partiell nicht teilen, können bisweilen Zweifel an der Eindeutigkeit seiner Urteile entstehen. Diese tun dem intellektuellen Erlebnis, das diese Lektüre bietet, jedoch keinen Abbruch.

Tilman Asmus Fischer

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