In der Kirche geborgen

Im westfälischen Menden wurden dreißig Iraner getauft. Und es werden noch mehr
Getaufte Mahlgemeinschaft in Menden: Samaneh Panahi, Sara Shahidirat, Pfarrerin Dorothea Goudefroy und Saeed Ganji (von links). Fotos: Andreas Duderstedt
Getaufte Mahlgemeinschaft in Menden: Samaneh Panahi, Sara Shahidirat, Pfarrerin Dorothea Goudefroy und Saeed Ganji (von links). Fotos: Andreas Duderstedt
Muslimische Flüchtlinge, die sich taufen lassen, werden von anderen Muslimen angefeindet, und sie unterliegen dem Verdacht, die Taufe diene nur dem Zweck, einen dauerhaften Aufenthaltsstatus zu erlangen. Andreas Duderstedt, Pressesprecher der westfälischen Landeskirche, sprach mit getauften iranischen Flüchtlingen.

In der Osternacht war es endlich so weit. Als das Wasser auf seinen Kopf tropfte in der dunklen Kirche nur von Kerzen erhellt, fühlte er sich „wie ein neugeborenes Kind“. Saeed Ganji (37) hatte schon lange um seine Taufe gebeten und die Pfarrerin gedrängt; andere Flüchtlinge aus dem Iran waren getauft, und warum er noch nicht? „Wir hatten vorher einfach keinen Termin“, berichtet Dorothea Goudefroy, evangelische Pfarrerin im sauerländischen Menden. Seit vergangenem Herbst hat sie mehr als zwanzig Flüchtlinge getauft und weitere stehen auf der Warteliste. Der Automechaniker Ganji verließ seine Heimatstadt Teheran im April 2015 und kam auf abenteuerlichen Wegen, größtenteils zu Fuß, über Aserbeidschan, die Türkei, Griechenland und den Balkan nach Deutschland. Sein starker Wunsch, Christ zu werden, war Triebfeder für die gefährliche Flucht. Ein Kollege, den er schätzte, ein bekennender Christ, wurde von der Religionspolizei misshandelt. „Sie haben ihn verprügelt, dann haben sie ihm verboten, seinen Arbeitsplatz weiter aufzusuchen.“ Damit war sein Lebensunterhalt bedroht.

In einem Staat, der im Namen der Religion so brutalen Zwang ausübt, wollte Saeed Ganji nicht länger leben. Was er vom christlichen Glauben wusste, faszinierte ihn. Nun sagt er lächelnd: „Das ist mein Weg, es war meine eigene Entscheidung. Ich fühle mich frei und stolz.“ Trotz Sprachproblemen, trotz einer gewissen Schüchternheit - es ist ihm anzumerken, wie glücklich ihn dieses Gefühl von Freiheit macht. Und dass es dann auch noch die Osternacht war, in der er getauft wurde, krönt dieses Empfinden. Es hat sich unter den Iranern in der Umgebung herumgesprochen, dass die Evangelische Kirchengemeinde Menden eine gute Adresse für sie ist.

Sicher liegt das auch an der Aufgeschlossenheit von Pfarrerin Goudefroy, ihren Kollegen und vielen Ehrenamtlichen. Jedenfalls gehören nun bei den Protestanten in der katholisch geprägten Kleinstadt gut 30 Frauen und Männer aus dem Iran dazu. Sie kommen regelmäßig zum Gottesdienst, Epistel wie Evangelium werden jetzt auf Deutsch und auf Farsi gelesen. Und anschließend kochen einige Kaffee, den es hier jeden Sonntag nach der Kirche gibt.

Zahlreiche Gespräche

Wie bereitet die Pfarrerin die Kandidaten auf das Sakrament der Taufe vor? Im Lauf eines halben Jahres hat man sich kennengelernt, in zahlreichen Gesprächen ausgetauscht, über praktische Dinge, aber auch über Gott und die Welt. Natürlich ist Goudefroy bewusst: „Man kann nie einem Menschen ins Herz sehen.“ Doch sie hat gute Gründe, auf ihre Einschätzung zu vertrauen. Das Interesse an der Bibel ist groß. Ein Bibelkreis, an dem auch Deutsche teilnehmen wollen, ist geplant. Noch hängt es an der Sprache. Doch das Verständigungsproblem wird sich lösen lassen, da ist man zuversichtlich.

Eine, die kräftig mithilft, ist Sara Shahidirad (35). Als Betriebswirtin im Import-Export-Geschäft hat sie am Goethe-Institut in Teheran Deutsch gelernt. Insgeheim war sie, aus einer streng islamischen Familie stammend, längst zum Christentum konvertiert. Sie litt unter dem Druck, den schon die Lehrer in der Schule ausübten: „Jeder Zweifel an der Wahrheit des Koran ist Sünde - damit bin ich aufgewachsen.“ Furchtbar war die Angst, solche Zweifel zuzulassen, die sich doch immer wieder anmeldeten. Und obwohl Gräuelgeschichten über Christen ebenso zum staatlichen Erziehungsprogramm gehörten, begann sie die Bibel zu studieren und christliche Bücher zu lesen. Nur wenige Vertraute wussten davon. Da entdeckte der Vater ihre Unterlagen. Er stellte seine Tochter vor eine grausame Wahl: „Entweder ich sollte mit einem Mann zwangsverheiratet werden, den er ausgesucht hatte - oder er würde mich bei der Religionspolizei anzeigen.“ Beides, sagt sie, „wäre der Tod gewesen.“ Eine Freundin riet ihr zur Flucht. So kam sie nach Deutschland. Gleich in der Erstunterkunft in Burbach ließ sie sich taufen. Das war am 19. Oktober 2014 - „mein zweiter Geburtstag“.

Die Zahl der muslimischen Flüchtlinge, die sich taufen lassen, kann man nur schätzen, Statistiken dazu gibt es nicht. Im Bereich der Evangelischen Kirche von Westfalen dürften es in den vergangenen drei Jahren über 200 gewesen sein, Tendenz steigend. „Wir freuen uns über alle, die sich für den christlichen Glauben interessieren, und nehmen ihr Anliegen ernst“, sagt Präses Annette Kurschus. Die leitende Geistliche der westfälischen Landeskirche betont aber, dass sich Menschen aus Ländern mit Christenverfolgung einer Gefahr aussetzen, wenn sie zum Christentum konvertieren. Eine Rückreise könne den Tod bedeuten. Für die Pfarrerinnen und Pfarrer ergebe sich daraus eine besondere Verantwortung. „Die Menschen müssen während der Taufvorbereitung intensiv begleitet werden - auch in ihrem Asylverfahren“, unterstreicht Kurschus und fügt hinzu: „Bei Erwachsenentaufen spielt die Frage immer eine Rolle, warum sich jemand taufen lassen will und wie ernst es ihm damit ist.“

Religiöse Minderheit

Es ist gefährlich für die Angehörigen im Iran, mit ihren zum Christentum übergetretenen Verwandten in Deutschland Kontakt zu halten. Die Geheimpolizei der schiitisch-islamischen Religionsdiktatur hat ihre Ohren überall, überwacht Telefon- und Mailverbindungen. Sara Shahidirad fürchtet um die Sicherheit ihrer Mutter, mit der sie nach wie vor in Verbindung steht. Wenn diese mal wieder wochenlang abreißt, versucht sie es über einen anderen Telefonanbieter.

Auch Freunde und Kollegen sind gefährdet. Das schmerzt die hier Angekommenen besonders. Denn es waren fast immer die guten Erfahrungen mit Christen, die sie dazu brachten, sich diesem Glauben zuzuwenden. Christen halfen uns in der Not - unsere eigene Familie nicht, erzählen die Geflüchteten unisono. Oder: Christen sind gut zu allen Menschen, Muslime nur zu Muslimen.

Die christlichen Gemeinden im Land gehören zu den ältesten weltweit, 600 Kirchen gibt es im Iran. Zwar sind Christen als religiöse Minderheit auch nach der Islamischen Revolution von 1979 verfassungsmäßig anerkannt. Doch Mission und Religionsübertritt werden bestraft, oft mit dem Tod. Eine unbekannte Zahl christlicher Gemeinden existiert im Geheimen.

In einer solchen Gemeinde war auch Samaneh Panahi. Über ihre schlimmen Erfahrungen mit dem staatlichen Islam will die 30-Jährige nicht sprechen. Gerne berichtet sie aber von dem Bibelkurs, der in Privatwohnungen stattfand. Da konnte man offen fragen, frei denken und seinen Zweifeln Raum geben. Wie ein roter Faden ziehen sich solche Erfahrungen durch alle Berichte. Auch Mostafa Aghahassani, mit dem sie seit acht Jahren verheiratet ist, litt unter den religiösen Denkverboten. Im Internet forschte der Computerfachmann über das Christentum. Nun gehört das Ehepaar zu den evangelischen Iranern in Menden. Und sie sagen, was die anderen bestätigen: Hier, unter dem Dach der Kirche, sind wir geborgen. Im Gottesdienst erleben wir trotz Sprachbarrieren eine Ruhe und Sicherheit, die wir nicht gekannt haben. Und auch Samaneh Panahi spricht von dem Gefühl, das sie nach ihrer Taufe hatte: „Ich war wie neugeboren. Ich wusste: Jetzt bin ich vor dem schlimmen Islam gerettet.“

Dass es auch ein friedliches Miteinander zwischen den Religionen geben kann, gehört ebenfalls zu den Erfahrungen, die sie in Menden gemacht haben. Dort leben seit vielen Jahren Landsleute von ihnen, Muslime, zu denen sie ein ganz offenes, freundliches Verhältnis haben. Allerdings: In der Flüchtlingsunterkunft war es für das Ehepaar Aghahassani-Panahi bedrohlich. „Andere Muslime haben uns als Verräter beschimpft, ich hatte große Angst um meine Frau“, erzählt Mostafa. Nun wohnen sie in einer eigenen Wohnung und erwarten Nachwuchs. Und sie warten auf einen guten Ausgang ihres Asylverfahrens.

Literatur

Zum Umgang mit Taufbegehren von Asylsuchenden. Eine Handreichung für Kirchengemeinden, herausgegeben vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche (EKD) und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF). Hannover 2013

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Andreas Duderstedt

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