Nüchterne Bilanz

Über Israel
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Aufklärung über die Geschichte der zionistischen Idee ist unerlässlich - dieses Buch leistet dazu einen wertvollen Beitrag.

Zionismus“ - dieses Wort ist von einem Begriff der politischen Ideengeschichte inzwischen beinahe zu einem Schimpfwort, ja zu einem, antisemitische Vorwürfe camouflierenden, Deckbegriff geworden. Das beweisen etwa die Obsessionen des Abgeordneten der Alternative für Deutschland (AfD) im Stuttgarter Landtag, Wolfgang Gedeon, der von sich behauptet, kein Antisemit, sondern „nur“ Antizionist zu sein. Aber auch die eher linke postkoloniale Geschichtsschreibung sieht in Zionismus und Gründung des Staates Israel oftmals kaum mehr als Formen des europäischen Kolonialismus.

Daher ist Aufklärung über die Geschichte der zionistischen Idee unerlässlich - das kürzlich erschienene Buch von Michael Brenner Israel - Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates leistet dazu einen im besten Sinne aufklärerischen Beitrag.

Tatsächlich ist Brenners Buch die derzeit wohl beste verfügbare Darstellung der Geschichte des politischen Zionismus und seines Zieles, der Gründung des Staates Israel. Jenseits jeder Apologetik, aber auch jenseits jeder aggressiven Kritik, unternimmt der in den USA lehrende, akademisch an der Universität München beheimatete Historiker der jüdischen Geschichte, der schon früher durch profunde Beiträge zur jüdischen Geschichte, etwa in der Weimarer Republik, aufgefallen ist, den erfolgreichen Versuch, eine Bilanz zu ziehen. In sechs übersichtlichen Kapiteln erörtert Brenner zunächst die Gründungsphase der zionistischen Bewegung mitsamt ihrer Vorläufer im späten 19. Jahrhundert, um dann die Haltung der Zionisten unterschiedlicher politischer Couleur zum Ersten Weltkrieg darzustellen. Des Weiteren behandelt er die konfliktträchtige Siedlungs- und Gründungsgeschichte jüdischer Gemeinwesen im britischen Völkerbundsmandat Palästina in den Jahren 1917-1947. Es war zu erwarten, dass die arabische Bevölkerung die jüdische Immigration als bedrohlich empfand.

Das vierte Kapitel entfaltet dann die Geschichte der ersten zwanzig Jahre des jungen, stets gefährdeten Staates bis zum „Sechstagekrieg“ des Jahres 1967. Nüchtern stellt Brenner in seinem fünften Kapitel schließlich fest, dass und wie der zionistische Traum in seiner Herzlschen Gestalt verfehlt wurde, mehr noch: verfehlt werden musste. Das sechste Kapitel schließlich trägt den Titel „Das globale Israel“ und weist den Staat Israel, den Judenstaat, als jenen westlichen Staat aus, der einerseits - technisch und ökonomisch - sehr viel moderner ist als viele andere westliche Staaten, andererseits aber so zerrissen in sprachlos nebeneinander existierende Parallelgesellschaften zerfällt, wie das bei kaum einem anderen westlichen Staat der Fall sein dürfte.

Gleichwohl: Nicht erst der arabische Frühling und der Zerfall des „alten“ Nahen Ostens heben noch einmal hervor, dass Israel der einzige westliche Staat in dieser Region ist und es wohl auch bleiben wird. Im übernächsten Jahr wird der Staat Israel siebzig Jahre alt und wer auch immer sich - aus welchen Gründen auch immer - jenseits pauschaler Verurteilungen oder blinder Solidarität für die Geschichte des Zionismus sowie für die Gründung des Staates Israel und seine gegenwärtige Wirklichkeit interessiert, kommt um dieses bestens lesbare Buch nicht nur nicht herum, sondern wird sich mit größtem Gewinn auf jenen Stand bringen, der erforderlich ist, um als politisch aufgeklärter Bürger an den im nächsten Jahr zu erwartenden Debatten teilnehmen zu können.

Micha Brumlik

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