Gelungen

Neuausgabe Melanchthon
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Das Buch ist zugleich eine ökonomisch erzählte Biographie Melanchthons und eine zusammenfassende Darstellung seiner wichtigsten Wirkungszusammenhänge.

Das Jubiläumsjahr 2017 bringt eine wachsende Welle an Büchern mit sich. Eines der lesenswerten Bücher ist die Neuausgabe von Heinz Scheibles Melanchthon-Biographie. Der Text dieser Neuausgabe entspricht weitgehend dem der Erstausgabe. An einigen Stellen wurde die Darstellung überarbeitet und erweitert. Neu sind die den Text durchziehenden ausführlich erläuterten Abbildungen und die Erweiterungen des Anhangs. Ursprünglich zum Melanchthonjahr 1997 erschienen, hat sich das Buch den Ruf eines Standardwerks erworben. Das kann nicht verwundern, ist doch sein Autor - der vormalige Leiter der Heidelberger Melanchthon-Forschungsstelle - eine der größten Autoritäten für die Beschäftigung mit Melanchthons Leben und Werk. Scheibles Expertise speist sich aus jahrzehntelanger Arbeit am Melanchthon-Briefwechsel. Melanchthon war einer der produktivsten und interessantesten Briefschreiber des 16. Jahrhunderts. Seine Korrespondenz, deren erhaltene Überreste tausende Seiten füllen, ist ein Spiegel der Geschichte und Kultur des Reformationsjahrhunderts. Dass es diesen Schatz gibt, war immer schon bekannt und die älteren Melanchthon-Ausgaben haben Teile davon zugänglich gemacht. Doch Scheible und seine Mitarbeiter haben mit ihrer Ausgabe die Überlieferung in ihrer ganzen Breite aufs Neue editorisch und historisch aufgearbeitet und machen sie in einer Form zugänglich, die zurecht als definitiv gilt. Scheible hat seine durch die Arbeit an den Briefen gewonnene intime Melanchthon-Kenntnis in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen verarbeitet - und in Form seiner Melanchthon-Biographie kondensiert.

Diese Melanchthon-Biographie bietet keine ins Einzelne gehende Beschreibung von Leben und Werk, sondern bündelt die Überfülle des Materials klug: Das Grundgerüst bildet der Lebensweg Melanchthons, dessen wichtige Stationen erzählt werden. Wo es die biographische Nacherzählung nahelegt, werden einzelne Sachthemen mit Rückgriff auf Quellentexte vertieft, auch wenn dabei die chronologische Abfolge zugunsten sachlicher Schwerpunktbildung aufgegeben wird. Das Buch ist so zugleich eine ökonomisch erzählte Biographie Melanchthons und eine zusammenfassende Darstellung seiner wichtigsten Wirkungszusammenhänge („Griechischprofessor und Bildungsreformer“, „Reformator“, „In der hohen Politik“), Beziehungen („Luther“) und Interessen („Philosoph“, „Melanchthons biblische Theologie“, „Mensch in der Geschichte“). Auf etwas mehr als 300 Seiten - mehr als ein Viertel des 445 Seiten zählenden Buchs besteht aus dem gut gestalteten und hilfreichen Anhang - zeichnet Scheible so ein umfassendes und zugleich klar konturiertes Bild des großen Humanisten der Wittenberger Reformation. Deutlich werden das eigenständige theologische Profil Melanchthons und sein unverwechselbarer Beitrag zur Reformation herausgearbeitet: Angeregt durch Luther erarbeitete er sich mit seinem philologisch-philosophischen Rüstzeug als Humanist die Bibel und entwickelte eine in besonderer Weise auf die praktische Nutzbarkeit und Umsetzbarkeit in Kirche und Gesellschaft angelegte Theologie. Eine Theologie, die an den reformatorischen Grundeinsichten Luthers festhielt, diese aber in anderer Weise als Luther dies möglich war, in die wissenschaftlichen und kirchlichen Diskurse der Zeit einspeiste und dabei immer wieder Brücken zu bauen versuchte. Ohne diesen „Vermittler der Reformation“ wäre die Reformation nicht das geworden, was 2017 gefeiert werden soll. Eigentlich gehört Melanchthon darum mit ins Rampenlicht. Die rundum gelungene Neuausgabe von Scheibles Biographie öffnet die Augen dafür, dass 2017 weniger ein Lutherjahr als ein Reformationsjubiläum ist.

Andreas Stegmann

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