Traditionsgut

Betrachtungen eines Grabredners
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Der Tod lehrt uns immer (noch) leben und das Lehrstück heißt „Begräbnis“.

Sprichwörtlich ist die Wiener „schöne Leich“: ein besonders gelungenes und geschmackvolles Begräbnis. Selbst auf die Sepulkralkultur der großen europäischen Metropole greifen Lebensgefühl, Sprache und Spiritualität aus, wieso sollten diese auch an den Mauern des Friedhofs halt machen? Nein, Tod und Leben sind auch in der säkularisierten Gesellschaft bei allen Anstrengungen der Todesverdrängung nicht voneinander zu trennen, meint Hannes Benedetto Pircher. Im Gegenteil: der Tod lehre uns immer (noch) leben und das Lehrstück heiße „Begräbnis“.

Pircher, Theologe und Philosoph jesuitischer Prägung, Schauspieler und gefragter Grabredner, hat nach 13 Jahren freier Beerdigungspraxis viertausend Trauerfeiern hinter sich. Er ist dermaßen geübt, dass er seine Ansprachen mit den richtigen Memotechniken ohne Manuskript und im höchst persönlichen Kontakt mit den Hinterbliebenen hält. Dabei greift er zurück auf einen beeindruckenden Fundus an Wissen über die abendländische Rede vom Sterben, vom Tod sowie auf profunde Kenntnisse der Dramaturgie und der Inszenierung von Feiern zum ewigen Abschied.

Mit dem vorliegenden Buch zieht Pircher nun eine persönliche und zugleich ritualtheoretisch erhellende Bilanz. Das Buch Sorella Morte. Über den Tod und das gute Leben. Betrachtungen eines Grabredners lädt die Lesenden ein zu Ausflügen in die Philosophie und Rhetorik, in die Phänomene und in die menschlichen Abgründe von Trauerfällen und -feiern. Pircher selbst ist dabei teilnehmender Beobachter, trägt eine Fülle von O-Tönen, von skurrilen und lehrreichen Situationen aus der Beerdigungspraxis zusammen und entwickelt an den Episoden - mit viel Humor - Aspekte einer „Funeraltheorie“. Bereits die Kapiteltitel sprechen Bände: „Das falsche Grab“, „Wenn Atheisten das Vater Unser wünschen“, „Denn wir wollen kein trauriges Begräbnis“, und andere mehr.

Jene, die beruflich mit Trauerfeiern befasst sind, werden einiges Bekanntes wiedererkennen und doch anders verstehen. Denn neu und inspirierend ist die multiperspektivische Reflexion wiederkehrender existenzieller Themenkreise - Trauer, Fest, Geld, Gesundheit jenseits konfessioneller Verengungen oder gar missionarischer Zuspitzung. Der ganze Ballast der immer öfter nur krisenhaft zu bestimmenden Zugehörigkeitsfrage, an der sich Kirchenmenschen abarbeiten, entfällt. An seine Stelle tritt eine unvoreingenommene, theateranthropologische Sicht auf das Geschehen. Pircher geht davon aus, „daß Begräbnisse Aufführungen sind, Performancen, in denen persönliche, gesellschaftliche und kulturelle Identität, Lebenskultur und Wertewelt von Menschen inszeniert werden muß“.

Wenn auch kaum ausgesprochen, so lassen sich bei der Lektüre Spuren einer impliziten Theologie des Todes entdecken. Man trifft auf unbekanntes, jesuitisches Traditionsgut und nimmt Beispiel an der franziskanischen Verschwisterung mit dem Tod: Sorella Morte. Im Grunde feiert Pircher das Leben als göttliche Gnadengabe und sucht nach theologisch ästhetischen Wegen, die „Auferstehung konfessionsloser Toter“ zu denken. Deutlich sind sein Reden und Handeln angesichts des Todes von einer klaren, humanen Ethik getragen, die Werte wie Ehrlichkeit, Dankbarkeit und Versöhnungsfähigkeit erfordern und erzeugen. Pircher vertraut der Macht des Wortes radikal. Er pflegt die Liebe zum Leben aus Gnade, und schaut dabei dem Volke aufs Maul in einer Kunst der Wahrnehmung, die an Originalität kaum zu übertreffen ist. Noch heute zeigt sich, dass die (Ex)-Jesuiten am meisten von der Reformation gelernt haben. Pirchers Mantel der Liebe ist beispielhaft weit. Er fordert keine Taufscheine und papiernen Mitgliedschaften. Das regt zum Nachdenken an.

Marcus Friedrich

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